Montag, 11. November 2013

Atemlos

An einem verregneten Tag sitzen wir mit Handy, Landkarte und Ipad über der Planung unserer Route für Northland. Noch eine Woche Reisezeit und je länger wir unterwegs sind, desto mehr Ideen für lohnenswerte Ziele tauchen auf! Willi sagt Namen und Adressen an, ich male Kringel um Orte. Was wollen wir unbedingt, was kann wegfallen? Wasserfälle, Speedboat, Zorb, Motorbike, Glühwürmchen - Höhle, Kauri-Bäume, Strandsegeln, schwimmen mit Delfinen?
Noch viel mehr ist im Angebot.
Delfine! Allerdings gibt es keine Garantie, welche zu treffen. Logisch.
Nach langer Internetrecherche wird gebucht.
Wir starten zeitig, um pünktlich an unserem Schiff zu sein.
Die Crew stellt sich vor und alle 25 Mitreisenden werden gebeten, ihr Heimatland zu nennen. Wir sind die einzigen Deutschen. Umgeben von Australiern, Engländern, Indern, Kanadiern, Amerikanern, Italienern, einer Japanerin und natürlich Neuseeländern. Wenn die halbe Welt mitfährt,dann sind wir wohl an einem besonderen Ort.
Zwei Seiten Belehrung lesen: Sie müssen ein guter Schwimmer sein. Das Schwimmen mit den Delfinen ist erstens wetterabhängig und wird zweitens nicht stattfinden, wenn Babydelfine gesichtet werden, wenn die Tiere gerade auf Futtersuche oder Durchreise sind.
Nur drei Veranstalter dürfen das Schwimmen anbieten und haben strenge Auflagen. Ein Teil unseres Geldes wird für die Forschung und den Schutz dieser Art verwendet. Nach einer halben Stunde tauchen die ersehnten Schwimmer auf und begleiten ein Stück unser Schiff. Es ist ihnen ein Leichtes, unsere Geschwindigkeit zu halten. Sie mögen die Motorengeräusche und spielen gern. Dreht das Boot, verschwinden sie kurz und tauchen unverhofft an unerwarteter Stelle auf. Ihre Sprünge sind zauberhaft, aber ganz schwer mit der Kamera einzufangen. Da, ein Babydelfin! Staunen, Freude und Aufregung in jedem Gesicht. Weitere Boote kommen in die Bucht und die neugierigen Tiere suchen sich ihr nächstes Spielzeug. Weiterfahrt.
Nicht lange, da tauchen größere Tiere auf. Sie sind etwas langsamer als die vorherigen und - falls sie mit uns spielen wollen - eher unserem Schwimmtempo angemessen. Auf dem Vorderdeck schaue ich Willi an, der mit strahlenden Augen bemerkt : Das hat sich jetzt schon mehr als gelohnt, auch wenn wir nicht mit ihnen schwimmen können.
Doch plötzlich geht alles ganz schnell. Sachen abwerfen, Schwimmanzug und Flossen an, Brille und Schnorchel greifen und... Warten!
Der Skipper versucht mit seinen Manövern die Delfine in Bootsnähe zu bekommen. Die Instrukteurin erinnert uns: Nicht untertauchen beim Start von der Plattform, schnell schwimmen, viel bewegen, laut sein. Wir sind zur Unterhaltung der Tiere da und nicht umgekehrt. Wenn sie spielen wollen, dürfen wir mitmachen. Aber einfach Touristen in einen Schwarm Delfine kippen, das gibt es hier nicht. Wohl deshalb ist auch eine Forscherin an Bord.
Los! Das Kommando kommt nun ganz rasch. Als vierte bin ich im Wasser, die Männer vor mir entfernen sich rasch und ich sehe nichts als Wasser. Wo sind die Tiere hin? Egal, schnell sein. Ich atme zu hektisch, schmecke den salzigen Pazifik und strample mit den Beinen. Als ich ran bin, springt tatsächlich so ein Riesenexemplar wenige Meter vor mir in die Luft. Aufgeregt zeigen andere in die entgegengesetzte Richtung. Wahnsinn, wir sind wirklich mitten drin. Trotz der Schnelligkeit gibt es keine Zusammenstöße. Jedenfalls nicht mit Delfinen. Eine Gummiflosse bekomme ich doch um die Ohren, kann das aber in der Hektik keinem übel nehmen. Um mich besser zu orientieren, schaue ich unter Wasser. Dabei kann ich wunderbar die hohen Fieptöne hören. Leider höre ich über Wasser das Kommando heraus zu kommen.
Eine Viertelstunde stehen wir tropfend auf dem Boot, welches die nächste Bucht ansteuert. Noch einmal bekommen wir die Chance!
Diesmal fällt mir erst auf, wie kalt der Ozean ist.
Diesmal versuche ich auch, laut zu sein. Unter Wasser kann ich die Delfine wieder hören und brülle uuuuuhhhhh durch meinen Schnorchel. Vielleicht hören die das ja. Gern hätte ich ein iiiiiihhhhhhh in ihrer Frequenz von mir gegeben, aber dabei zieht man den Mund zu breit und muss Wasser schlucken. Uuuuuhhhhh! Ich komme mir doof vor, aber es wirkt! Gleich drei tauchen ganz nah unter mir durch. Neben mir tauchen zwei Rückenflossen auf. Kreuz und quer, ich möchte laut jubeln, so glücklich fühle ich mich. Da ist es auch schon wieder vorüber.
Eine warme Dusche, ein heißer Kakao. Wir reden leise über unsere Empfindungen. Ich hätte ihn fast berührt, erzählt Willi. Und dass er ebenso durch den Schnorchel gebrüllt hat wie ich .
Die ältere Dame vor uns hat sich umgezogen und zittert vor Kälte. Ihr Gesicht strahlt. Zwei Reihen weiter wickelt sich eine schwangere Frau die Wolljacke um die Schultern. Sie alle waren bei dieser außergewöhnlichen Begegnung hautnah dabei und lassen sich verzaubert nach Hause schippern.
Vor einer Insel sitzen Pinguine auf Felsen.
Das ist mir fast zu viel des Glücks. Zwei schnelle Aufnahmen, dann sinke ich zurück auf meinen Platz. Willi hat die ganze Fahrt über den Fotoapparat nicht mal aus dem Rucksack geholt.
Ich glaube, er hat recht. Unsere Eindrücke sind mit Fotos schwer wiederzugeben.

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