Sonntag, 24. Februar 2019

Die Verwandlung

Plötzlich war es da. Dieses neue Gefühl: Jetzt bin ich angekommen, nicht mehr fremd!
Letzten Sonntag, genau vier Wochen nach meiner Einreise, hat sich von einem Augenblick zum anderen alles viel einfacher angefühlt. Der Gang durch die bekannten Straßen, ein Plausch mit einer Missionarin vor der Kirche, die Gespräche mit zwei Markthändlern und die Fahrt im heißen Mikro.
Ohne Vorwarnung wurde mir klar: Du kannst dich ja jetzt unterhalten. Du kannst dich orientieren.
Wahrscheinlich ist es so, dass ich so lange neue spanische Wörter und Sätze in mir angehäuft habe, bis ich wie in einem Computerspiel das nächste Level erreicht habe.
Und ich muss sagen, das fühlt sich verdammt gut an.
Nicht nur „Guten Tag, Wie gehts, Ich spreche wenig Spanisch, Das verstehe ich nicht...“
Mit den Taxifahrern spreche ich darüber, dass die Kinder hier erst zu Hause ausziehen, wenn sie heiraten und eigene Familien gründen. Dass ein Autofahrer in Santa Cruz ringsum im Kopf Augen haben muss, denn der Verkehr kommt von allen Seiten.
Der Marktverkäufer erklärt mir das Rezept für Tamarindenlimonade, die Kunsthandwerkerin will mir bis nächsten Sonntag eine größere Tasche nähen, wo dann Handy und Brille hineinpassen.
In meiner ekelhaften WG-Küche mag ich nicht kochen und betrete die winzige Pizzeria im Nebenhaus. Dort Sitz nur Mozo, ein alter Mann mit schiefem Gebiss am Tisch, den ich kenne, weil er im gleichen Haus wohnt. Er freut sich immer, wenn ihn die „Alemana“, also ich, grüßt und ein paar Worte mit ihm wechselt. Nun bekommen wir gleichzeitig unserEssen, er fragt mich über meine Familie aus und schenkt mir immer mein Wasser nach. Am Ende besteht er darauf, mir mein Essen zu bezahlen. Am nächsten Morgen sieht er mich von seinem Balkon aus am Straßenrand, als ich aufs Taxi warte. Laut ruft er, wohin ich wolle, denn er würde mich fahren. Oh Schreck, das ist mir dann doch zu viel  Nähe. Zum Glück kommt mein Taxi genau in dem Moment und ich kann dankend ablehnen.
Das wohl krasseste Gespräch ereilte mich jedoch auf der Ausländerbehörde (Imigration). Mein Tramitador (Bearbeiter) musste gemeinsam mit mir zwei Stunden warten. In dieser Zeit erfahre ich, dass am Morgen in seine Garage eingebrochen und das Auto geklaut wurde, dass er Höhenangst hat und deshalb nicht fliegen kann, dass er beim Anblick von schönen Frauen schmutzige Gedanken bekommt und zur geistigen Reinigung eine Bibel-Zitate-App nutzt, weil er diese Gedanken seiner Frau gegenüber nicht vertreten kann. Er demonstriert mir die App. Nur zwei Wörter kann ich auf Anhieb übersetzen: Sex und Pornografie...
Ich war ziemlich erleichtert, als die Wartezeit endlich herum war, auch wenn mein Visum trotz zwanzig Seiten Unterlagen plus Passfotos nicht verlängert wurde. Der Arbeitsvertrag sei nicht korrekt. Das heißt, ich hab am Montag 7:15 Uhr wieder das Vergnügen mit diesem älteren Herrn und der Behörde.
Ich sehe es gelassen als kostenlosen Spanischunterricht, denn er spricht kein Wort Deutsch.
Vielleicht versteht ihr nach diesen Beispielen, wie sich mein Lebensgefühl gewandelt hat. An die Stelle von Unsicherheit und Hilflosigkeit der ersten Wochen sind Erkenntnisse, Erfahrungen Neugier und Gelassenheit getreten.
Wenn ich mit dem Mikro zu weit fahre und mich verlaufe, finde ich zurück, denn ich kann fragen. Im dichtesten Verkehr schaffe ich es ohne Herzattacke über sechsspurige Straßen. Auf dem Markt diskutiere ich schon mal mit dem Verkäufer, wieso er für die Avocado den doppelten Preis verlangt.
Das fühlt sich alles so herrlich normal an.
Ich bin endlich angekommen.
Nach genau vier Wochen.
Verwandelt.



Samstag, 16. Februar 2019

Schulzeit

 Sechs Schildkröten leben im Schulgelände.
Schuleinführung, unter der Bibliothek

Besuch auf dem Schulhof

Kunstraum

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Heute behandeln wir also das Thema Schule. Speziell Deutsche Schule in Santa Cruz, Colegio Alemán. Hier auf der Website erfährt man das Offizielle. Man kann sie auf deutsch einstellen.
http://ds-santacruz.bo/
Wenn man mittendrin ist, ändert sich natürlich Blickwinkel und Eindrücke.
In der Vorbereitungswoche sah ich eine leere Schule mit grünen Innenhöfen und Schildkröten darin. Ich saß in klimatisierten Räumen, es gab Kaffee, Tee, Joghurt, Kuchen und ein paar Werbegeschenke, wie Beutel, Blöcke und Kuli mit dem Schullogo. Man erklärte die Ziele der Schule, erfuhr, welche Arbeits- und Evaluationsgruppen es gibt und beäugte natürlich die „Neuen“. Alles wurde deutsch und Spanisch erklärt. Und es war wahnsinnig viel Neues!
Da sowohl die Grundschulchefin, als auch die Verwaltungsleiterin seit meiner Bewerbung gewechselt hatten, landete ich irgendwie zwischen den Stühlen. Ich war keine Praktikantin, aber auch keine neue Lehrerin. Die neuen Verantwortlichen wussten nicht, wie mit mir zu verfahren sei und es dauerte fast zwei Wochen, bis ich endlich ein Schließfach, den Bibliothekscode und  den Zugang zum Internet bekam. Schließlich konnte ich endlich meinen Pass abgeben, damit der zur Visaverlängerung nach La Paz geschickt werden kann. Der Stundenplan enthielt sechs Stunden Deutsch Klasse 3. Den Rest durfte ich mir selbst zusammenstellen, was ich sehr großzügig fand. Es gab auch genug Lehrer, die mich gern als Teampartner haben wollten. Hier wird meist zu zweit unterrichtet. Warum, wurde mir schnell klar. Für die bolivianischen Kinder ist Deutsch auch hier eine Fremdsprache und es fällt Ihnen sehr schwer, dem Fachunterricht in dieser zu folgen. Die meisten sprechen zu Hause gar kein Deutsch. Die Schule kostet im Monat fast 500 Dollar und es ist ein Statussymbol, sein Kind hierher zu schicken. Es gibt Mütter, die Heidi Klum Konkurrenz machen, Kinder mit Gucci-Täschen am Arm, oder Zweitklässler, die in ihre Smartwatch sprechen, um sich etwas zur Schule bringen zu lassen, was sie zu Hause vergessen haben. Es gibt Kinder mit Förderbedarf, der aber nicht getestet
wird, weil man ja viel Geld bezahlt. So sind die Unterschiede innerhalb der Klassen teilweise extrem. Manche schauen mich reglos an und schalten ab, während ich Deutsch spreche, mit den Händen zeige, dass wir das Buch aufschlagen und dann noch ein Bild dazu an die Tafel male. Und dann machen sie - NICHTS. Ich gehe an ihren Platz, tippe sie an, wiederhole und sie machen - NICHTS.
So sind natürlich nicht alle, aber insgesamt ist das Arbeitstempo extrem niedrig. Die Planung einer Stunde reicht für eine Woche. Mindestens. In Kunst läuft es da schon besser. Doch eine erste Klasse auf Deutsch zu unterrichten, der ich ja noch nichtmal ein deutsches Wort anschreiben kann, ist schier Unsinn. Das ist als Immersion (=im Fachunterricht deutsch sprechen) gut gedacht, funktioniert jedoch nicht.
Nun einige wichtige Dinge zu den Lehrkräften. Wir sind nahezu hundert. Man meint, es kämen viele deutsche und nur die besten her. Weit gefehlt. Die Schule ist ein Wirtschaftsunternehmen und muss rechnen. Deshalb gibt es hochbezahlte Auslandsdienstkräfte, mittel bezahlte Bundeslehrkräfte, geringer bezahlte Ortslehrkräfte und Hilfskräfte. Die sprechen Deutsch, Schwäbisch, Bayrisch,
Schweizerdeutsch, Spanisch, Englisch. Auf sehr unterschiedlichem Niveau. Viele bolivianische Lehrkräfte, die deutsch sprechen, haben keine pädagogische Ausbildung und nur Zusatzlehrgänge
gemacht. Entsprechend unstrukturiert und chaotisch ist es im Unterricht. Nun versucht man, mit viel Kraft- und Zeitaufwand, gemeinsam zu planen und zu unterrichten. Die gut ausgebildeten sollen ihre Erfahrung weitergeben. Das klappt nur bedingt.
Dazu kommt der wenig förderliche Stundenplan. 7:15 geht es los, bis 13 Uhr. Klingt erstmal nicht so schlimm. Doch es gibt jeweils zwei Stunden zu 45 min ohne Pause, in denen die Lehrer das Zimmer und die Klasse wechseln müssen. Es kann nie pünktlich beginnen, weil ich mich nicht durch das riesige Schulgebäude beamen kann. Nach 90 min sind 15 min Pause, dann das Gleiche nochmal. Wieder 15 min Pause und zum Schluss drei Stunden zu 45 min ohne Pause. Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, mit dem ständigen Geräusch von Ventilatoren an der Zimmerdecke sind die Kinder fertig. Wenn Sport im Plan steht, kommen Sie früh in Sportkleidung, spielen in der Sonne Fußball und gehen dann ohne umkleiden in den Unterricht. Die Turnhalle soll erst neu errichtet werden. Die
alte wurde abgerissen und bei Regen spielen mehrer Klassen unter der Bibliothek Tischtennis oder sonstwas. Einen kleinen Gymnastikraum gibt es noch.
Ich muss mich hier also wirklich umstellen. Die Herausforderung der ersten Kunststunde bestand darin, dem Wind zu trotzen, der ständig alle Papiere von der Tafel und den Tischen fegte. Viele Schüler reden so leise, dass ich sie nur verstehe, wenn ich neben ihnen stehe. Doch ohne Ventilator geht es an Tagen mit 35 Grad nicht. Die Kinder nehmen das gelassen und machen insgesamt auch keinen unglücklichen Eindruck mit diesen Bedingungen. Gemessen an einer staatlichen Schule, in der es zum Beispiel auch Vormittags-und Nachmittagsschicht gibt (wird also doppelt genutzt), sind unsere Kids privilegiert. Es gibt Trinkbrunnen, alles wird ständig geputzt und Tag und Nacht ist die Schule bewacht. Am Kiosk gibt es leckere Dickmacher zu kaufen, daneben wir in der Pause auch mal von einem DJ aufgelegt und getanzt.
Unabhängig von den vielen ungewohnten Bedingungen habe ich eine aufgeschlossene Schulleitung sowie sehr nette und interessante Kollegen, von denen ich eine Menge lerne, fachlich und sprachlich. Mein Spanisch entwickelt sich langsam, aber jeden Tag ist es ein kleiner Schritt. Neue Wörter merke ich mir nur, wenn ich sie aufschreibe oder sofort sprechen muss. Da ich jedoch den Schulweg mit dem Bus schaffe, einkaufen gehen kann und inzwischen auch Geld abheben, mache ich mir keinen Stress, wenn es nicht super schnell voran geht. In den wesentlichen Bereichen kann ich mich verständigen.
Nun genug über die Arbeit, es ist gerade Wochenende!




Mittwoch, 6. Februar 2019

Barfuß durch den Regenwald





Wir drei wollten uns ein Wochenende im Grünen erholen und nach Samaipata in den Amboro-Nationalpark fahren. Der Start, unser Treffen am Trufi-Stand (Trufi ist eine Art Großraumtaxi), ging erstmal daneben. Jeder wurde von seinem Taxifahrer an einem anderen Ort abgesetzt. Mit einem „wilden“, also Schwarztaxi, dem ich auch noch links und recht ansagen musste, kam ich zum Treffpunkt. Allerdings musste ich gleich Lehrgeld zahlen, der Preis war mindestens das Vierfache des Normalen. Drei Stunden Fahrt standen uns bevor und bereits nach dreißig Minuten genoss ich das viele Grün. Auf asphaltierten und unbefestigten Straßen ging es stetig aufwärts, bis auf 2400 Meter. Welch klare Luft! Die hatte ich wirklich in den zwei Wochen im heißen, stickigen Moloch der Großstadt vermisst.
Schnell fanden wir ein hübsches, preiswertes Hostel, ein nettes Café und einen Reiseführer, den wir empfohlen bekommen hatten. Es regnete, aber wir wollten ja in den Regenwald. Mir wurde
plötzlich bewusst, dass ich auf Empfehlung meiner Bolivien-erfahrenen Begleiterin wie der blanke Touri zum Badeurlaub aufgebrochen war, nämlich ohne feste Schuhe und ohne Regenjacke.
Eine Regenjacke konnte ich mir leihen, doch Schuhe in meiner Größe, von Bolivianern?
Unser Wanderführer meinte fröhlich, er würde mich dann tragen...
Eine knappe Stunde fuhren wir rote, zerfurchte Pisten entlang, Regen und Sonne wechselten, steile Hänge, Fels und wunderbare Aussichten säumten den Weg. Eine Wilkatze (wahrscheinlich ein kleiner Puma) sprang vor uns über die Straße und verschwand blitzschnell im Dickicht. An einem unscheinbaren Eingang betraten wir den Nationalpark. Ich noch in Flipflops...
Der Regen wurde konstant stärker, meine Regenjacke hatte keine Kapuze, meine Brille beschlug und auf dem glitschigen Weg musste ich die Schuhe ausziehen. Unser Guide bedeutete mir, er würde auf Gefahren (Spinnen, giftige Tiere?) achten und lief hinter mir. Wenn ich knöcheltief im Matsch versank, wäre mein Tritt am sichersten. Der Waldboden fühlte sich ganz weich an, 
besonders kalt war es auch nicht. Trotz des schnellen Wechsels von 50 m Höhe auf über 2000 m fiel mir das Atmen erstaunlich leicht. Die Luft war feucht (70%), sauber und kühler als in der Stadt.
Außer einer kleinen Wandergruppe, die den Regenwald gerade verließ, begegneten wir zwei Stunden niemandem. In dieser Ruhe und Abgeschiedenheit auf wilden Wegen, welche von Tieren vorgegeben waren, hörten wir Kolibris und Frösche. Das schweigsame Laufen im Rhythmus der Töne war eine schöne Meditation. Bis unsere Lachsalven die Stille zerrissen, weil wieder jemand ausgerutscht und in Schlammpfützen gelandet war.
Es fällt mir immer wieder auf, wie man zu Beginn von Schlechtwetterwanderungen bemüht ist, die Sachen sauber zu halten, nicht in Pfützen zu treten und sich vor dem Regen zu schützen. Aber so läuft man ganz verspannt. Du musst gehen wie der Dalai Lama, entspann dich, riet mir mein Hintermann. Irgendwann hatte ich das Gefühl raus und nach einer Stunde und der Hälfte 
des Weges standen wir ergriffen inmitten riesiger Farne und Bäume voller Flechten. Triefend nass und überglücklich. Unser Proviant, ein leckerer Keks für jeden, schmeckte hier köstlicher als ein Fünfgängemenü.  Unser Guide zeigte uns Wildkräuter, wir sogen den Duft von wildem Eykalypthus ein und errechneten das Alter von Farnen. Ein Meter pro Jahrschaffen sie. Die Indigenen brauchen keine Apotheke. Der Regenwald bietet dem kundigen Heiler alles Nötige.
Der Rückweg schafften wir schneller, denn es ging bergab. Natürlich rutschte es auch viel besser.
Das spürten wir gleich darauf im allradgetriebenen Wagen, der streckenweise über die tiefen Furchen und durch schmierige Pfützen schlingerte. Ziemlich durchgefroren kamen wir im Hostel an, unsere Sachen waren komplett nass. Zum Wechseln die Alternative zwischen luftigem Sommerkleidchen und kurzer Hose. Nach 14 Tagen bie 34 Grad konnte ich mir Kälte einfach nicht mehr vorstellen. Es ging mir nicht allein so und Rettung Nähte in Form einer Kleiderspende aus dem Haus einer Kollegin. Eine viel zu weite und zu kurze Puma-Hose, kombiniert mit einer riesigen, aber warmen Jeansjacke, vom Regen verwüstete Haare und das Handtuch als wärmenden Schal - so war ich im Restaurant zum Abendessen. Meine Begleiterinnen und ich haben auf dem Heimweg Fotos geschossen und Tränen gelacht, da mein Outfit echt Assi aussah.
Was soll´s, es hat gewärmt.
Das Sonntagmorgenfrühstück fand draußen statt, der Regen hatte aufgehört und wir bummelten über den kleinen Markt. Anschließend brachte uns ein wahnsinniger Taxichauffeur in zwei Stunden zurück nach Santa Cruz. Die Hinfahrt hatte drei Stunden gedauert. Von rechts raunte es mir ins Ohr: wenigstens fährt er nicht betrunken Auto.
So kamen wir wohlbehalten an und haben uns vorgenommen, beim nächsten Besuch die Fünfstundentour zu machen. Mit dem gleichen Guide, aber ich unbedingt mit anderen Schuhen.
Obwohl? Ich bin ziemlich sicher, dass das eine clevere Geschäftsidee wäre:
„Den Nationalpark hautnah erleben - barfuß durch den Regenwald!“

Unser bolivianischer Reiseleiter will darüber nachdenken...





Freitag, 1. Februar 2019

Willkommen in meiner WG

Im Moment passiert soviel Neues gleichzeitig, dass ich mich in jedem zukuenftigen Blog nur einem Thema widmen will. Ich hoffe, das gelingt mir. Nun also die Eckdaten zu meiner neuen Bleibe.
Ich bin ueber Empfehlung eines Kollegen in einer 3er-WG im Zentrum eingezogen. Dort habe ich das Zimmer eines Ukrainers uebernommen, habe ein eigenes Bad und teile mir die uebrige Wohnung mit Caro und Sophia, zwei jungen Bolivianerinnen. Entgegen meiner Erwartung, nun viel Spanisch sprechen zu muessen, beschraenken beide den Kontakt mit mir auf das Noetigste. Vielleicht liegt es auch an meinem kargen Spanisch, oder ich bin ihnen einfach zu alt.
Dafuer hat mich Hauskatze Frida in ihr Herz geschlossen und verfolgt mich staendig.
Ich mag Tiere in der Wohnung ueberhaupt nicht, aber schliesslich bin ich der Eindringling in IHRER Behausung.
Auf den Fotos bei Airbnb sah die Wohnung schick und einladend aus, mein Vermieter war super nett und hat mir sogar seine ganzen LEBENsmittel ueberlassen... Die lebten allerdings!
Es hat mich grosse Ueberwindung gekostet, die Motten und Kaefer samt Essen aus den Schraenken zu kratzen, obwohl ich meinte, mit Schmutz nicht besonders empfindlich zu sein. Dazu alles voller Hunde- und Katzenhaare (hier wohnt sonst noch ein Hund). Ausserdem ist es hier ueblich, das Toilettenpapier nicht in der Toilette, sondern im extra Eimer daneben zu entsorgen.
Durch die Hitze (30 Grad und mehr) und hohe Luftfeuchtigkeit (bis 90 Prozent, alles fuehlt sich klebrig an) vermehren sich Muecken, Ameisen und alle Tierchen sehr leicht. Meine Mitbewohnerinnen haben die ekelhafte Kueche nur mit einem Schulterzucken und der Bemerkung, es sei hier eben heiss, da gaebe es viele Tiere, kommentiert.
Wenn ich euch zeigen koennte, wie schick und gestylt die beiden stets das Haus verlassen...
Das unterscheidet mich von den Chicas. Ich geh in Dresden ungeschminkt und in Jogginghose zum Baecker, aber meine Kueche ist sauber. Noch denke ich darueber nach, ob mir ein bisschen bolivianische Sichtweise guttun wuerde. Deshalb habe ich beschlossen, die Herausforderung anzunehmen und bis Maerz in der WG durchzuhalten.
Eine Klimaanlage habe ich hier nicht, die Fenster sind einfach immer offen, es ist laut, aber im vierten Stock ist die Luftzirkulation besser als in den Strassen, wo der laute und stickige Verkehr rollt. In Santa Cruz wohnen mehr als 1,5 Millionen , es ist die groesste und am schnellsten wachsende Stadt in Suedamerika. Entsprechend chaotisch sieht es aus, weil Strassenbau und Muellentsorgung nicht hinterherkommen. Ich wollte eine fremde Kultur erleben. Nun stecke ich mittendrin und muss es auch lernen, Schmutz und Verfall zu ertragen. Dabei gehoert meine Unterkunft durchaus zum gehobenen Standard, was Lage und Ausstattung betrifft.
Gestern war ich bei einer Kollegin im Condominio (bewachte Wohnanlagen heissen hier so). Das ist der pure Luxus, Dachterrasse mit Pool usw.
Die meisten Deutschen und die superreichen Bolivianer leben hier in einer "Blase", einer Parallelwelt, die mit dem normalen Standard der unteren Bevoelkerungsschicht nicht zu vergleichen ist. Zehn Minuten zu Fuss sind es bis zum zentralen Platz des 24. September. Auf dem Weg dorthin sitzen etliche Bettler im Schmutz und in der Hitze. Frauen, die Kinder stillen, schlafende Kinder auf dem Schoss haben oder etwas verkaufen wollen, was ich nicht essen kann, wenn ich gesund bleiben will. Daneben sind Gebaeude grosser Banken in den Himmel gewachsen und du kannst dir Handys oder Schuhe kaufen, die die Jahresmonatsmiete eines armen Bolivianers uebersteigen.
Trotz dieser extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich, fuehle ich mich hier relativ sicher. Gestern bin ich abends allein durch mein Viertel nach Hause gelaufen, natuerlich nicht, ohne einige Sicherheitsvorkehrungen zu beachten.
Jetzt merke ich, wie schwer es ist, beim Thema zu bleiben, aber sehr weit habe ich mich ja nicht von meiner Wohnung entfernt.
Wenn ihr euch ueber die seltsame Schreibweise wundert, so liegt das an der spanischen Tastatur des Schulcomputers, an dem ich gerade sitze. Im Spanischen gibt es keine Umlaute und das szet auch nicht. Hier noch die Erklaerungen zu den Fotos : 1 ist Wohnzimmer, 2 mein Zimmer.
Die Schule ist nun schon etwas weiter entfernt und wird sicher das Thema des naechsten Posts. Am Montag beginnt hier das neue Schuljahr, die Sommerferien sind heute zuende.