Donnerstag, 31. Oktober 2013
Windy Wellington
Den ersten windstillen Tag in der ansonsten wirklich windigen Hauptstadt Neuseelands nutze ich zum Schreiben. Es ist ein vorzüglicher Fleck gegenüber dem Bootshaus mit Blick auf den Hafen und Te Papa. Letzteres ist nicht mein Vater, sondern das großartige Museum hier. Zweimal war ich drin. Insgesamt über sieben Stunden und habe längst nicht alles gesehen. Naturkunde, Erdbeben, Maori, Einwanderer, Kunst - das sind nur einige der Themen, zu denen man auf ganz eigene Weise Informationen erhält. Vom Mt Victoria habe ich mir einen guten Überblick über die Stadt verschafft, bin. am Strand zurück gewandert und habe mich in die Hafenmeile verliebt. Überall findet man kreative Kunst im öffentlichen Raum, meist auf den zweiten Blick und nie aufdringlich. Oft sind diese Kreationen auch praktisch nutzbar. Ich sitze zum Beispiel gerade in einer gemütlichen Holzkonstruktion. An den ersten Tagen habe ich vor allem sightseeing betrieben. Dann kam mein Schulfreund auf die glänzende Idee, mich mit zur Whiskyverkostung zu nehmen und mir die Universität zu zeigen. Am nächsten Tag durfte ich den ganzen Tag eine Schulklasse an der Karori Normal School begleiten und heute war ich noch im Kindergarten. So habe ich einen ersten Eindruck bekommen, wie man die Sache hier anpackt. Sehr auf guten Umgang miteinander bedacht, sind die Teacher liebevoll, aber bestimmt in ihrem Auftreten. Entsprechend angenehm verhalten sich die Kinder. Die Sprache der Maori hat einen wichtigen Stellenwert. Mehrmals am Tag sang die Klasse Verse in dieser Sprache. Am Tag nach dem fünften Geburtstag wird man eingeschult. So kommen in der ersten Klasse ständig neue Schüler dazu. Der Schultag beginnt 9 Uhr und endet 15 Uhr. Die Integration von Förderschülern ist ganz normal, nur dass der Staat auch die nötigen zusätzlichen Betreuer finanziert. In der fünften Klasse, welche ich besuchte, wurde in Gruppen differenziert unterrichtet. Die Lehrerin, von den Kindern mit ihrem Vornamen angeredet, saß mit einer Gruppe auf dem Teppich und erklärte, während die anderen an Tischen ringsum selbstständig Aufgaben lösten. Später wechselten die Gruppen. Alle Fächer unterrichtet ein Lehrer, es ist angenehm ruhig im Unterricht. Ein tolles Projekt, welches ich nur als Video kannte, durfte ich live miterleben : Roots of Empathie. Es ist normal, dass Eltern in Schule und Kindergarten mitarbeiten. Als mein Gastgeber erfuhr, dass er Dienst im Kindergarten habe, wusste er nicht so recht, wie er das mit seinem Job vereinbaren sollte. Er fragte seinen Chef und bekam frei dafür. Das ist hier wohl selbstverständlich. Wie in Australien ist es weit verbreitet, als Volunteer freiwillige Arbeit zu leisten. Ob im Kindergarten, im Naturschutzpark oder der Galerie, es ist den Neuseeländern ein tiefes Bedürfnis. Am meisten beeindruckt hat mich aber die Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens so vieler Kulturen. Allein in der Schulklasse mit 28 Schülern waren folgende vertreten: Indien, China, Schweiz, Malaysia, Kanada, Maori. Im Kindergarten arbeitete eine Iranerin und eine Afrikanerin, deren Herkunftsland ich vergessen habe. Die meisten von ihnen sind natürlich Neuseeländische Staatsbürger. Trotzdem ist es ein warmes Gefühl hier Weltbürger friedlich miteinander zu erleben. Sicher liegt es auch in der Geschichte dieses Landes begründet, denn im Grunde sind ja die Maori auch erst eingewandert. So fühlt sich keiner besser als der andere und niemand ausgegrenzt. Ausnahmen gibt es sicher, aber neben den Personen, die ich persönlich getroffen habe, waren Interviews im Museum oft von Dankbarkeit für die Chance, hier ein neues Leben zu beginnen, erfüllt. Diese Entspanntheit im Miteinander bemerkte ich ebenfalls beim Besuch der Uni. Alle Türen standen mir offen und ich konnte bis zum Labor spazieren. Die schöne neue Halle für die Studenten ist jedem frei zugänglich, öffentliche Räume und Plätze werden achtsam genutzt. Um in Schule und Kindergarten zu gelangen, genügte eine einzige Frage am Tag davor. Ich dürfte auch gerne noch mal kommen. Fotos gibt es aber nicht, die Privatsphäre der Kinder wird geschützt. Dafür kann auf der Website geschaut werden. www.kwns.nz Zum Schluss nun noch der Wetterbericht. Meist windig und sonnig, gefühlte 15 bis 20 Grad, Jacke, Tuch und Stirnband sind sinnvoll. Dazu Sonnenbrille, Sonnencreme und Kopfbedeckung wegen des Ozonlochs. In Schule und Kindergarten geht's ohne Hut nicht ins Freie!
Windy Wellington
23.10.
Den ersten windstillen Tag in der ansonsten wirklich windigen Hauptstadt Neuseelands nutze ich zum Schreiben. Es ist ein vorzüglicher Fleck gegenüber dem Bootshaus mit Blick auf den Hafen und Te Papa. Letzteres ist nicht mein Vater, sondern das großartige Museum hier. Zweimal war ich drin. Insgesamt über sieben Stunden und habe längst nicht alles gesehen. Naturkunde, Erdbeben, Maori, Einwanderer, Kunst - das sind nur einige der Themen, zu denen man auf ganz eigene Weise Informationen erhält. Vom Mt Victoria habe ich mir einen guten Überblick über die Stadt verschafft, bin am Strand zurück gewandert und habe mich in die Hafenmeile verliebt. Überall findet man kreative Kunst im öffentlichen Raum, meist auf den zweiten Blick und nie aufdringlich. Oft sind diese Kreationen auch praktisch nutzbar. Ich sitze zum Beispiel gerade in einer gemütlichen Holzkonstruktion. An den ersten Tagen habe ich vor allem sightseeing betrieben. Dann kam mein Schulfreund auf die glänzende Idee, mich mit zur Whiskyverkostung zu nehmen und mir die Universität zu zeigen. Am nächsten Tag durfte ich den ganzen Tag eine Schulklasse an der Karori Normal School begleiten und heute war ich noch im Kindergarten. So habe ich einen ersten Eindruck bekommen, wie man die Sache hier anpackt. Sehr auf guten Umgang miteinander bedacht, sind die Teacher liebevoll, aber bestimmt in ihrem Auftreten. Entsprechend angenehm verhalten sich die Kinder. Die Sprache der Maori hat einen wichtigen Stellenwert. Mehrmals am Tag sang die Klasse Verse in dieser Sprache. Am Tag nach dem fünften Geburtstag wird man eingeschult. So kommen in der ersten Klasse ständig neue Schüler dazu. Der Schultag beginnt 9 Uhr und endet 15 Uhr. Die Integration von Förderschülern ist ganz normal, nur dass der Staat auch die nötigen zusätzlichen Betreuer finanziert. In der fünften Klasse, welche ich besuchte, wurde in Gruppen differenziert unterrichtet. Die Lehrerin, von den Kindern mit ihrem Vornamen angeredet, saß mit einer Gruppe auf dem Teppich und erklärte, während die anderen an Tischen ringsum selbstständig Aufgaben lösten. Später wechselten die Gruppen. Alle Fächer unterrichtet ein Lehrer, es ist angenehm ruhig im Unterricht. Ein tolles Projekt, welches ich nur als Video kannte, durfte ich live miterleben : Roots of Empathie.
Es ist normal, dass Eltern in Schule und Kindergarten mitarbeiten. Als mein Gastgeber erfuhr, dass er Dienst im Kindergarten habe, wusste er nicht so recht, wie er das mit seinem Job vereinbaren sollte. Er fragte seinen Chef und bekam frei dafür. Das ist hier wohl selbstverständlich. Wie in Australien ist es weit verbreitet, als Volunteer freiwillige Arbeit zu leisten. Ob im Kindergarten, im Naturschutzpark oder der Galerie, es ist den Neuseeländern ein tiefes Bedürfnis. Am meisten beeindruckt hat mich aber die Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens so vieler Kulturen. Allein in der Schulklasse mit 28 Schülern waren folgende vertreten: Indien, China, Schweiz, Malaysia, Kanada, Maori. Im Kindergarten arbeiteten eine Iranerin und eine Afrikanerin, deren Herkunftsland ich vergessen habe. Die meisten von ihnen sind natürlich neuseeländische Staatsbürger. Trotzdem ist es ein warmes Gefühl hier Weltbürger friedlich miteinander zu erleben. Sicher liegt es auch in der Geschichte dieses Landes begründet, denn im Grunde sind ja die Maori auch erst eingewandert. So fühlt sich keiner besser als der andere und niemand ausgegrenzt. Ausnahmen gibt es sicher, aber neben den Personen, die ich persönlich getroffen habe, waren Interviews im Museum oft von Dankbarkeit für die Chance, hier ein neues Leben zu beginnen, erfüllt. Diese Entspanntheit im Miteinander bemerkte ich ebenfalls beim Besuch der Uni. Alle Türen standen mir offen und ich konnte bis zum Labor spazieren. Die schöne neue Halle für die Studenten ist jedem frei zugänglich, öffentliche Räume und Plätze werden achtsam genutzt. Um in Schule und Kindergarten zu gelangen, genügte eine einzige Frage am Tag davor. Ich dürfte auch gerne noch mal kommen. Fotos gibt es aber nicht, die Privatsphäre der Kinder wird geschützt. Dafür kann auf der Website geschaut werden.
www.kwns.nz
Zum Schluss nun noch der Wetterbericht. Meist windig und sonnig, gefühlte 15 bis 20 Grad, Jacke, Tuch und Stirnband sind sinnvoll. Dazu Sonnenbrille, Sonnencreme und Kopfbedeckung wegen des Ozonlochs. In Schule und Kindergarten geht's ohne Hut nicht ins Freie!
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The coolest little capital of the world
28.10.2013
Eine Woche Hauptstadt hat sich in meinem Kopf, meinen Füßen und meinem Herzen verankert. Zahllose Bilder von interessanten, aber unaufdringlichen Gebäuden und Kunstwerken habe ich mir erlaufen. Wenn ich an Katherine Mansfields Geburtshaus starte, die Kirche Old St Pauls besuche und im City and Sea Wellingtons Stories folge, habe ich die Stadt schon zur Hälfte durchquert. Es folgt der Spaziergang zum Strand und hinauf auf die Höhen, wo mein neues Quartier liegt. Es fühlt sich vertraut an, wenn man eine Stadt zu Fuß erkunden kann. Mein Lieblingsplatz wird eine Höhle direkt in einem Holzkunstwerk an der Waterfront. Hier sitze ich jeden Tag, schreibe Postkarten oder Tagebuch, esse und trinke etwas, schau den Ruderern beim Training zu und fühle mich überhaupt nicht einsam. Vor nicht zu langer Zeit hätte ich mir nicht vorstellen können, mit Freude allein zu reisen. Dieses Land reicht mir ebenso freundlich die Hand wie Australien.
Nun erwarte ich Willi, meinen unerschrockenen Linksfahrer. Während dieser noch eine Nacht in China verbringt, werde ich sofort in die Großfamilie in Stephanies Haus integriert. Großfamilie muss mit dem Wort Großzügigkeit verwandt sein. Drei Generationen teilen sich eine Küche und es funktioniert. Dazu ich als Gast, plötzlich mitten im Herrenabend des Großvaters, der mich mit Wein und Lammkotelett verwöhnt. So bereite ich wenigstens eine Avocadocreme und schnitze aus dem Kern zwei Schildkröten für seine Enkel. Man plant mit mir den Tag, nimmt mich mit in die Stadt und freut sich gemeinsam auf Willis Ankunft.
Da bucht man ein Zimmer mit Frühstück und bekommt eine Familie, die einen umsorgt und begleitet. Das ist einfach wunderbar. Zum Abschied bekochen wir erfolgreich unsere Gastgeber. Es gibt Saure Eier.
Dieses alte Rezept meiner Oma wurde damit auch nach Neuseeland exportiert, nachdem es schon dreimal in Australien zum Einsatz kam.
Ab sofort ergänzen Senf und Essig unser Gepäck. Alle weiteren Zutaten finden sich in fast jedem Haushalt der Welt.
Wellington ist cool, weltoffen, charmant und zurückhaltend.
Wenn es nicht so viele andere Pläne gäbe, würde ich es hier noch lange aushalten
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Sonntag, 20. Oktober 2013
Brisbane
Klar, darf er.
Mittags in der Galerie hole ich meinen Rucksack von der Garderobe und werde gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Acht Seiten... Na gut, meinem Englisch wirds nicht schaden. Als Dank bekomme ich einen Gutschein für ein Kännchen Tee im Galerie Café.
Nun sitze ich hier, schlürfe meinen Tee und kann soviel Glück kaum fassen.
Gestern erstmals couch surfing ausprobiert, erstmals englisch telefoniert, vom Zug abgeholt worden, Begrüßung mit einem Glas Wein, Dinner vom Feinsten, ein eigenes Zimmer, kostenlose Fähre, kein Eintrittsgeld ins Museum. Vor lauter Begeisterung habe ich glatt vergessen zu essen! Es ist kurz vor drei und ich werde mal nach fish andchips Ausschau halten.
Dann muss ich unbedingt noch einkaufen, weil es heute Abend Saure Eier gibt, die ich für meine Gastgeber kochen werde. Ein really old German Meal als kleines Dankeschön für so ein very warm welcome.
Eine Zugfahrt, die ist...
Der Zug aus Sydney fährt ein. Letzte Umarmung, dann empfängt mich schon der Zugbegleiter und weist einen Platz an, wo ich meinen Koffer verstauen soll. Dann fragt er : Seat 29? Ich bejahe und grüble, woher er das weiß, wenn er meine Fahrkarte noch nicht gesehen hat? Es sind noch viele Sitze frei. Ich folge dem Herrn in einen dunklen Wagen und er leuchtet mir mit einer Taschenlampe bis zu meinem Sitz. Obwohl ich Economy Class gebucht habe, sind die Sitze komfortabler als im Flugzeug. Liegeposition, Klapptisch, Fußstützen und Armlehnen. Neben mir leider ein etwas breiter geratener Mann, der im Schlaf zuckt und stöhnt. Mit Nachsicht versuche ich mir vorzustellen, dass er seit Sydney schon fünf Stunden hinter sich hat. Immerhin fahre ich fünfeinhalb Stunden bis Brisbane. Dieser Nachtzug legt insgesamt ca. 1000 km zurück. Hinter mir Schnarchen. Neben mir Schnarchen. Der Zugbegleiter funzelt durch die Gänge und achtet darauf, dass niemand beim Schlafen seine Füße oder seine Decke in den Gang streckt. So rücksichtsvoll er sonst ist, Passagiere, die die Sicherheit bedrohen, weckt er erbarmungslos auf. Eine Decke könnte ich jetzt gebrauchen. Draußen sind 20 Grad und hier drin bringt mich die Klimaanlage zum Frösteln. Endlich nicke ich ein.
Casino? Der Aufpasser leuchtet mir ins Gesicht. Nochmal : Casino? Äh, was? Kann man hier im Zug zocken? Total verwirrt stammle ich: Sorry, I don't understand. Und er endlich: Where do you go? So kann ich ihm beibringen, dass ich bis Brisbane reise und nicht in Casino aussteige. Dafür verlässt mich der Unruhegeist neben mir und ich lege mich quer auf beide Sitze. Das war also der Weckdienst und Casino ist eine Stadt. Jetzt schlafe ich tief und fest, etwas verspannt allerdings, da ich auf keinen Fall meine Füße in den Gang strecken will. Als ich munter werde, erwartet mich ein großes Schauspiel. Wir rasen durch Nebelschwaden und die Sonne geht auf. Welch ein Glück, dass ich rechtzeitig aufgewacht bin! Eucalyptusbäume, Seen und Flussläufe, schwach beleuchtet in einem milden Orange. Starr sitze ich am Fenster und genieße. Nein, jetzt nicht die Kamera herauskamen. Nach fünf Minuten ist der Zauber vorüber. Ein gleißend heller Ball beleuchtet langweilige Häuser. Das Licht im Zug geht ohne Vorwarnung an. Die Speisekarte wird durchgesagt und etliche beleibte Körper bewegen sich in Wagen C zum Buffet, um kurz darauf mit Kaffee und Toast zurück zu torkeln. Wir erhalten noch den Hinweis, unsere Uhren eine Stunde zurückzustellen, Queensland hat seine eigene Zeit. Rubbish, please! Wir geben unseren Müll ab.
Siobhan hatte mich gewarnt. Australische Züge sind nicht pünktlich! Mit drei Minuten Verspätung trete ich in Brisbane auf den Bahnsteig. Eine Touristin fragt mich vor der Anzeigetafel nach dem Flughafenzug. Ich muss mich auch erst orientieren und sie lacht. Wir finden den Fahrkartenschalter. Ich sehe, wie sie am Durchgang zu den Zügen einem Kontrolleur ihr Handy reicht. Er lacht und fotografiert sie mit Gepäck und Bahnhofshintergrund. Ich bin überzeugt, er würde mir auch die Bitte nicht abschlagen, meine Postkarten zu einem Briefkasten zu bringen oder einen Kaffee für mich zu holen. Da ich noch eine Stunde Zeit habe, begebe ich mich selbst zum Café, bestelle cool einen Lateeej, weil ich bei Latte Macchiato immer das Falsche bekam und freue mich zusätzlich über free Wi-Fi. Endlich kann ich den längst geschriebenen Post absenden. Dann noch ein Gang zum bathroom um Zähne zu putzen und Haare zu kämmen. Zur Sicherheit erfolgt auch an diesem Ort die Durchsage der nächsten Zugabfahrten. Kofferschleppen ist überflüssig. Rollbahnen wie auf dem Flughafen oder ein Fahrstuhl bringen mich zum Bahnsteig. Dort sammeln sich die Schüler in ihren verschiedenen Schuluniformen. Dazwischen ein Inder mit Turban, Aborigines und Asiaten. Niemand glotzt doof. Würde mir für Dresden auch gefallen. Mein Zug nach Caboolture fährt auf die Sekunde pünktlich ab. In einer Stunde muss ich wieder umsteigen und nutze die Zeit zum Schreiben. Beim Speichern habe ich auf einmal Internetverbindung. Neben uns auf dem Gleis steht ein Zug mit Wi-Fi access. Leider war der Aufenthalt zu kurz um zu senden. Nächster Zug. Kaum sitze ich, fragt mich jemand nach der Uhrzeit. Ich antworte, darauf ein fröhliches Lächeln, weil mich mein Akzent verrät. Kurzer Smalltalk, woher und wohin. Nun bin ich auf dem Weg nach Nambour. Es macht Spaß, zu reisen. Bin soeben in Mooloolah. Leider konnte ich nicht alle Ortsnamen aufschreiben, es gab noch viel fantasievollere. Mir fällt gerade ein, dass noch niemand meine Fahrkarte sehen wollte. Mein Waggon ist ein quiet carriage :
Please refrain from loud conversations and use of loud musical and mobile devices.
Daneben der Hinweis für die Schüler:
Students on concessional cards must not occupy seats whilst adults are standing.
Brave Schüler. Sie sind leise und okkupieren nicht meinen Sitz. Nächste Station Palmwoods. Das lässt sich sogar übersetzen.
In wenigen Minuten steige ich ein letztes Mal um, dann in den Bus nach Noosa. Auf der Landkarte habe ich mich nur ein kleines Stückchen entlang der Ostküste Richtung Norden bewegt. So in etwa von Dresden nach Berlin. Dabei war ich über acht Stunden unterwegs.
Auch der Bus ist pünktlich. Zum ersten Mal interessiert sich jemand für meine Fahrkarte. Nach einer reichlichen Stunde Busfahrt weiß ich, warum mir vom Bus abgeraten wurde. Mit 120 geht's über den Highway, auf den kurvenreichen Landstraßen muss man sich festhalten. Keine Chance zum Schlafen. Dafür schon einige Ausblicke auf den Noosa River, der idyllisch durch die Landschaft mäandert, gesäumt von vielen flachen Bauten, hellem Sand und Palmen.
Noosa Junction, halb elf, strahlend blauer Himmel und ich werde von Jutta empfangen. Beim Aussteigen aus dem Bus bedanke ich mich beim Fahrer und wünsche einen schönen Tag. So habe ich mir das bei den Aussis abgeguckt.
Nächster Halt : Peregian Beach in der Nähe von Noosa
Freitag, 11. Oktober 2013
Unterwegs im Outback
Unterwegs nach Armidale, zwei Stunden Fahrt, hielt ich wieder nach Kängurus Ausschau. Es muss doch endlich mal eins in freier Wildbahn auftauchen, zumal die Schilder am Straßenrand vor ihnen warnen! Dann sahen wir sie und nach einem Dutzend mochte ich nicht mehr zählen. Sie lagen immer tot am Straßenrand. So unterhielten wir uns darüber, wer sie wegräumt. Ganz einfach : jemand wirft sie an die Seite und die Natur erledigt den Rest. Aber meine Freundin tröstete mich gleich. In ihrer Stadt könne ich jede Menge sehen, außerdem Wale, ohne aufs Meer hinaus fahren zu müssen. Nun, in einer Woche kann ich dann hoffentlich darüber berichten.
In Armidale angekommen konnten wir wieder einmal die zuvorkommende Art der Australier genießen.
In der Tourist Information bekamen wir alle Aufmerksamkeit. Woher, Wohin, kostenlose Stadtrundfahrt! So entschieden wir, dass unsere Gastgeber uns am nächsten Morgen zur Rundreise abgeben und ein paar Stunden allein verbringen können. Doch am Abend musste vorerst noch der örtliche Pub getestet werden. Mit Erfolg! English Conversation vom Feinsten. Wir übten uns in der Űbersetzung von Sprichwörtern und Metaphern und ich habe selten so viel gelacht. Wie übersetzt man Dreikäsehoch? Warum basteln sich die Radfahrer Kabelbinder an ihre Helme? Nun, wenn die männlichen Vögel zu viel Testosterone produzieren, weil sie die Weibchen und die Jungvögel beschützen müssen, dann fliegen sie Angriffe auf die Köpfe von Radlern.
Siobhan und Andy sind passionierte Radfahrer und wissen, wovon sie sprechen. Immerhin fuhr meine Freundin dereinst an einem Tag mit dem Rennrad von Dresden nach Berlin, bei 30 Grad.
Englisch lernen ist ganz einfach : Den Anfänger lässt du zwei Bier bestellen. Two scooners. Er wird mit dem leckeren Getränk belohnt, wenn die Aussprache annähernd korrekt war. Dann einfach keine Fehler korrigieren, sondern reden lassen. Wenn die Wörter fehlen, helfen Gesten und eine Zeichnung. Ich sitze mitten im bunten Treiben und notiere mir neue Wörter wie Schätze in mein kleines Vokabelheft. Skurrile Wortfolgen reihen sich aneinander. mischievous, temptation, horseradish, disabled, excavator, stump grinding... Die Themen wechseln ständig und die Aufschrift auf Bierdeckeln belebt das Gespräch. Ich platze fast vor Stolz, weil sich mein Liebster ohne Scheu in die kompliziertesten Unterhaltungen verstrickt und unsere zwei Australier wirklich in seinen Bann zieht.
Während ich die Schwierigkeiten eines Anfängers absolut nachvollziehen kann, weil ich vor fünf Jahren in Amerika Gleiches fühlte, achte ich inzwischen auch auf Unterschiede in der Aussprache. Aus e wird hier oft a, vor allem bei ey. Wir sind uns einig : Australisch ist sächsisches Englisch.
Außer den Vokabeln notiere ich Unterschiede in beiden Kulturen. Da fällt z. B. auf, wie der Verkehr an einer Baustelle umgeleitet wird, mit dem Lollipop Man.
Männer oder Frauen in Warnweste halten Schilder mit der Aufschrift slow oder stop in der Hand. Da das Schild an einem Stab befestigt ist, sieht es von weitem wie ein Riesenlolli aus.
Es gibt private Mädchen - und Jungenschulen.
Verbotsschilder sind meist sehr persönlich formuliert: Mach dieses nicht, Achte auf dies, Bitte nimm deinen Müll mit usw.
Insgesamt fühlen wir uns hier absolut sicher und beschützt. Selbst im Menschentrubel in der Großstadt muss man nicht auf Taschendiebe achten und kann Wertsachen im Auto lassen. Ein Grund dafür könnten die allgegenwärtigen Überwachungskameras sein. Man läuft durchs Museum und wird nicht behelligt, aber in jedem Raum hängt ein Schild "Achtung Kameras" und dann vergisst man natürlich auch nicht das Eintrittsgeld in die Box zu werfen.
In fast allen Zügen gibt es klappbare Lehnen, sodass man nie rückwärts fahren muss. Die Leute steigen ein und räumen erstmal das Abteil um.
Damit soll mein Eintrag für heute beendet werden.
Jetzt versuche ich, den Lollipop Man und die Eisenbahnklapplehnen zu skizzieren.













