Montag, 9. Dezember 2013
Eine Zugfahrt, die ist...
Dritter Dezember, Dresden-Hamburg, sechs Uhr morgens, Wagen acht.
Auf meinem Platz sitzt Einer, hat die Schuhe ausgezogen und die Füße hochgelegt.
Das ist mir egal, er ist nett und ich setze mich gegenüber hin, weil genug Plätze frei sind.
Die Anzeige der Bahn stimmt ohnehin nicht. Dafür, dass ich vier Euro für die Reservierung bezahlt habe, wird mein Sitz als frei angezeigt. Immerhin hat die Zugbegleiterin gute Laune.
Draußen ist es noch finster, um mich herum einige schlafende Herren und eine muntere Dame, welche ein Manuskript durcharbeitet.
Cappucchino? Nein, danke.
Zwei Seniorenpärchen steigen zu, suchen ihre Plätze. Bereits beim Hinsetzen übernehmen die Weiblichkeiten die Unterhaltung des Abteils. Meine Schwiegertochter ist auch über 50 und arbeitet viel zu viel. Sie darf keinen Fehler machen mit den ganzen Gehaltsabrechnungen. Immer macht sie Überstunden. Es gibt nur noch zwei Vollzeitstellen dort. Sag mal, Herbert, fahren wir mit Diesel oder elektrisch? Elektrisch.
Ich lege mein Magazin zur Seite. Einen Artikel habe ich geschafft: "zehn arten, wie man in einer situation sterben kann" von Kirsten Fuchs. Sehr witzig! Aber ich sitze im Live-Studio.
Die Dame mit dem Manuskript eröffnet das Telefonforum mit der Volkssolidarität um einen Pflegeheimplatz für ihren Onkel. Er stürzt ständig, kann sich nicht allein Essen kochen. Und dann die Körperhygiene. Sie wissen doch, dass er stark übergewichtig ist. Wie soll das funktionieren, wenn er mit seiner Hand nicht an den Allerwertesten kommt? Am Sonntag wird er aus der Kurzzeitpflege bei Ihnen entlassen. Wie soll das weitergehen?
Wer privat versichert ist, den kann die Volkssolidarität nicht aufnehmen, erfahre ich. Aha. Reisen bildet!
Die meisten Herren um mich herum schlafen nun nicht mehr und wir tauschen vielsagende Blicke. Eventuell hatten wir alle gleichzeitig das Bild vom dicken alten Herren mit heruntergelassener Hose und zu kurzen Armen vor unserem geistigen Auge.
Kaffee? Nein, danke.
Berlin Spandau. Neue Leute steigen ein. Da wird der letzte Schläfer plötzlich munter, stürzt hektisch durch den Gang zur Tür, verliert seinen Mantel, bekommt ihn zugereicht und verlässt den Zug glücklich im letzten Moment. Die wacklige Omi, die mit ihrem Gatten die Sitze neben mir belegt, findet das Handy ihres Vorgängers auf dem Sitz. Zu spät. Ich will ihr den Koffer in die Gepäckablage heben, doch sie hat Angst, dass ihn in Sylt keiner wieder herunter holt. So sitzt sie kerzengerade mit Koffer zwischen den Knien am Tisch. Ich bewundere sie fast dafür, diese anstrengende Haltung bis Sylt durchhalten zu können.
Was wohl alles im Köfferchen ist?
Eine Viertelstunde später erfahre ich, was NICHT darin ist: die Unterhemden für den Gatten.
Was willst du dann anziehen?
Er deutet brav auf sein kariertes Hemd und den wärmenden Pullover darüber.
Die waren alle frisch gelegt! Was willst du dann anziehen?
Ohne Regung im Gesicht wiederholt er leise: Na das, und zupft am Hemdkragen.
Die waren alle frisch gelegt.
Sein Blick wandert nach draußen.
Die waren alle frisch gelegt.
Ich häkle eine Mütze für einen Zwölfjährigen und da das Muster einfach ist, kann ich die Wiederholungen des Hemden-Mantras mitzählen. Sechsmal: Die waren alle frisch gelegt. Leider erfahre ich nicht, um wie viele es sich handelte, denn die Schaffnerin kommt und die Unterhemdenlegerin gibt das gefundene Handy ab.
Draußen fliegt der Nebel vorbei.
Da die Schwiegertöchterstorys endgültig erschöpft sind, tauscht die Altherrenriege technische Details aus. Auf dieser Strecke wurden vor dem Krieg erstmals Doppelstockwagen eingesetzt. Sechziger Baureihe. Aha. Reisen bildet.
Doch sofort beteiligt sich eine der Ehefrauen an der Diskussion und weiß zu berichten, dass eine ihrer Freundinnen dereinst von Riesa bis Gröditz beim Lokführer mitfahren durfte. Die war vielleicht stolz.
Auch mit der Gefahr, etwas Bildung zu verpassen, laufe ich zum Speisewagen, um mir einen Tee zu holen.
Dafür muss ich etliche Wagen passieren und fühle mich beim Hinausschauen wie auf einem superschnellen Laufband im Flughafen. Einsteins Relativitätstheorie. Welche Geschwindigkeit hat der heiße Tee in meiner Hand? Der Bordcomputer hilft mir weiter. Wir fahren gerade 195 kmh, 198, 197...
Ich verweile vor meinem Wagen und nehme mir vor, aufs Display zu starren, bis mein Tee mit mir gemeinsam 200 kmh erreicht hat. Geschafft! Mit den letzten Schritten sind mein Getränk und ich über 200 kmh schnell. Wir sind nicht angeschnallt, aber mein Tee hat wenigstens einen Plastehelm auf. Den Gedanken, was bei einem frontalen Zusammenstoß geschehen würde, verfolge ich dann doch nicht weiter.
Die Mütze ist fertig. Schwarz mit Neonrot.
Die "Analphabetin, die rechnen konnte" packe ich ungelesen in den Rucksack.
Hamburg.
Nach knapp fünfstündigem Kammerspiel.
Nach über einem Viertel Jahr darf ich gleich Lotti in die Arme schließen.
Wenn das kein Happy End ist!
Donnerstag, 28. November 2013
Anders reisen
Nach zweimonatigem Schlaf in fremden Betten möchte ich in diesem Post drei besondere Formen des Übernachtens und Reisens vorstellen.
1. WWOOFING
Wenn du bereit bist, täglich 4 bis 6 Stunden auf einer Öko-Farm zu arbeiten, bekommst du freie Kost und Übernachtung. Manchmal auch mehr! Zum Beispiel ein Fahrrad, Surfboard oder Paddelboot zur Nutzung.
Bei Jenny und John habe ich Kälber gefüttert, Eier gewaschen und sortiert, Eierkuchen gebacken und Kleidung geändert. Fazit: Gut geeignet für junge Menschen, aber als Rentnerin würde ich das gern mal länger probieren! Gibts in vielen Ländern, auch in Deutschland.
http://de.wikipedia.org/wiki/WWOOF
2. COUCHSURFING
Kenne ich schon seit einigen Jahren. Bisher war ich nur Host, das bedeutet Gastgeber.
Innerhalb eines Jahres hatten wir Gäste aus Amerika, Kanada, China, Belgien, Deutschland...
Bei meiner Reise durch Australien und Neuseeland war ich erstmals als Surfer unterwegs, habe also kostenlos einen Schlafplatz bekommen. Allerdings habe ich auch begriffen, dass Couchsurfing nicht einfach nur die Idee eines kostenlosen Schlafplatzes ist, sondern viel mehr.
Weltoffene Menschen möchten andere Kulturen kennenlernen und ihr eigenes Land vorstellen.
Deshalb bleibt es selten bei einem Schlafplatz. Man bekommt Stadtführungen, wird Freunden vorgestellt, bekocht, zum Flughafen gefahren...
In großen Städten wie Dresden oder Brisbane gibt es Communities, die zu Exkursionen oder Spieleabenden einladen.
Den oft gehörten Einwand: Ist das denn sicher, wenn du bei völlig Fremden übernachtest? kann ich entkräften. Ich lese das Profil des Gastgebers und seine Bewertungen. Er liest meins.
Dann bekommt man eine sms wie diese: "Ja, ihr könnt heute gern bei uns übernachten. Wir sind noch arbeiten, aber das Küchenfenster ist angekippt und ihr könnt die Tür von innen öffnen. Geht in die Küche und kocht euch einen Tee."
Wir haben uns ein bisschen wie Einbrecher gefühlt, auf diese Art das Haus von Menschen zu betreten, denen wir noch nie begegnet sind. Rückblickend kann ich sagen: Wir haben tolle Menschen kennengelernt.
http://de.wikipedia.org/wiki/CouchSurfing
3. AIRBNB
Dies ist keine kostenlose, aber eine kostengünstige, persönliche und oft sehr überraschende Art der Übernachtung. Auch hier bekommt man meist mehr als erwartet. Man muss ebenfalls angemeldet sein und ein Profil erstellen. Bevor man bei jemandem übernachtet, kann man dessen Foto, seine Hobbys und Bewertungen lesen. Wenn man sich dafür genügend Zeit nimmt, findet man immer interessante und weltoffene Leute. Jetzt müsst ihr euch mal die kleine Mühe machen, auf den jeweiligen Link zu klicken, um Fotos von unseren Gastgebern und den Wohnungen zu sehen.
Spencer in Sydney https://www.airbnb.de/rooms/952331
Hund Oscar, ein großes Meeresaquarium, ein Fitnessstudio im Haus und nur 10 min Fahrt bis zur Oper - ein genialer Platz.
Uta in Cairns https://www.airbnb.de/rooms/1485042
"Queensländer" sind offene, luftige Häuser, man sitzt sozusagen immer unter Palmen!
Stephanie in Wellington https://www.airbnb.de/rooms/999294
Einzigartig, wie wir in diese Großfamilie aufgenommen wurden!
Liz and Mike am Lake Tarawera https://www.airbnb.de/rooms/860901
Hier bekommt man Fahrräder und Paddelboote dazu!
Anne und Barry https://www.airbnb.de/rooms/1624327
Ein Rucksack mit Taschenlampen lag für unsere Höhlentour bereit und im Flüsschen hinterm Haus kann man Aale füttern. Der große war einen Meter lang!
Trevor in Auckland https://www.airbnb.de/rooms/1087558
Ein großzügiges Zimmer, eine rote Couch mit Kuschelhund und interessante Gespräche mit einem Weinhändler.
FAZIT:
Nach so vielen liebevollen und umsichtigen Gastgebern fühlte ich mich in Motel und Campinghütte irgendwie fehl am Platz. Wir haben dies nur dreimal nutzen müssen, weil nichts anderes zur Verfügung stand und der Komfort war auch in Ordnung. Lange habe ich nach einer passenden Formulierung gesucht, um unser seltsames Gefühl an diesen Orten auszudrücken:
Man fühlt sich ausgeschlossen. Der Kontakt zu den Neuseeländern gehörte für uns einfach zum Reisegefühl dazu. Kultur zu erfahren hat immer etwas mit dem Austausch von Gedanken, Ansichten und Ideen zu tun.
Mir ist es nicht so wichtig, ob die Fliesen im Bad gesprungen sind oder der Herd geputzt ist.
Es reicht, wenn sich mein deutscher Ordnungssinn zu Hause ausleben kann.
Statt den Staubsauger zu bedienen, hab ich heute diesen Beitrag zusammengestellt.
Ich hoffe, ihr versteht das.
Samstag, 23. November 2013
Sweet Dreams
Night 1 to 4 I was walking trough the green rain forest with the big ferns.
Night 5 and 6 I was walking on the beach and sitting in a boat.
Last night ( number 7) Willi and I were driving with a car through the Craters of the Moon, the thermal activ area. Normally you can only walk there!
It´s a great present to get so beautiful memories after a long holiday.
Craters of the Moon, New Zealand
Montag, 18. November 2013
Great Barrier Reef
Dafür links bei "Bilder" einfach auf das Foto klicken.
Das Fotoalbum zum Wasserwandern findet man ebenfalls durch diese "Tür"
sowie alle meine öffentlichen Webalben bei Picasa.
Sonntag, 17. November 2013
Sonne, Strand und viel Bewegung
Heimreise. Seit über dreißig Stunden unterwegs, sitze ich endlich im Zug Richtung Dresden und kann die Füße hochlegen. Nicht bewegen können ist definitiv anstrengender als Sport treiben. Jedenfalls empfinde ich es so.
Die vielen Stunden allein im Flugzeug habe ich mich mit Filmen und Dokus zugedröhnt. "Der große Gatsby" war ganz gut, aber ansonsten alles eher Unterhaltung. Hat mich nicht gefesselt. Das wirkliche Leben ist immer noch spannender als jeder Film.
Nach unserem spektakulären Ausflug mit den Delfinen musste ich erst mal eine Schreibpause einlegen. Luft holen. Dabei haben wir uns danach gleich wieder in die Natur gestürzt. Das dürft ihr gerne wörtlich nehmen.
In Ahipara gibt es nämlich Sanddünen. Dazu muss man sich ein Sandboard ausleihen, eine Stunde am Strand entlang wandern ( möglichst bei Ebbe), dann steht man davor. Hier fahre ich niemals herunter, war mein erster Satz. Nichts gibt's, einmal musst du es probieren. War schließlich deine Idee, die Dinger auszuleihen, werde ich zurechtgewiesen. Bergauf nutze ich die schönen großen Fußstapfen meines Sohnes und jammere immer mal wieder, wie steil es doch sei, muss aber dann in Bauchlage den Steilhang hinab.
Mit Füßen und Ellenbogen bekommt man das Brett auch zum Anhalten.
Lenken lässt es sich kaum. Nach einer Stunde will Willi den Gipfel erklimmen, aber Buschwerk zwischen dem Sand ist hinderlich. So wandern wir ein Stück weiter am Ufer entlang und stehen kurz danach vor einer riesigen Wand aus Sand. Jetzt packt uns die Neugier. Wie sieht es hinter dem Gipfel aus?
Der Aufstieg ist kräftezehrend. Ein Schritt vor, ein halber zurück. Der Sand rutscht um jeden Fußabdruck in Wellen nach unten. Es sieht aus wie Lawinen in Miniatur. Ich muss mich setzen und Luft holen. Die Sonne brennt. Willi läuft beharrlich im Zickzack und verschwindet hinter dem Kamm. Mein Ehrgeiz bröckelt. Das Brett haben wir beide mit auf die Düne geschleppt und bei jedem Schritt als Stütze in den Sand gerammt. Kurz vor dem Kamm kann ich den Vorkämpfer dann auf Rufweite einholen und fragen, wie es dahinter aussieht.
Wüste. Sand.
Einige Meter stapfe ich bergab. Dann düse ich die längste Sandstrecke meines Lebens eine Düne in Bauchlage hinab. Willi ist ganz oben gestartet, obwohl man von dort den Fuß der Düne nicht mehr sehen konnte.
Als glückliche Eroberer packen wir unsere Sachen zusammen und laufen auf dem Highway zurück. Denn dies ist der Ninety - Miles-Beach, den man mit dem Auto befahren darf. Ohne Geschwindigkeitsbeschränkung, also bis 100 kmh.
Das Wasser geht zurück und plötzlich kommt ein riesiger hinkender schwarzer Hund aus den Mangroven. Nein, nein! Ein Seehund robbt gemütlich wenige Meter vor uns ins Wasser, spielt in den Wellen und winkt mit seinen Flossen. Zeit zum Fotografieren bleibt nicht.
Kurz darauf ist richtig Verkehr hier. Meist Jeeps, deren Fahrer jeden Felsvorsprung und jede Untiefe zu kennen scheinen. Das Stärkste ist ein Auto mit Anhänger, welches große Glasfenster transportiert. Wir halten uns dicht am Ufer und machen Platz. Alle grüßen freundlich.
Am nächsten Morgen segeln wir bei Ebbe mit Blokarts am gleichen Strand. Der ist so breit, dass wir uns mit keinem Autofahrer ins Gehege kommen.
Am Anfang sind die Windböen recht stark und ich bekomme Angst. So ein Gefährt hat keine Bremse! Es wird immer schneller und zum Stoppen muss man lenken. Aber die nette Frau vom Verleih zieht mich beharrlich aus dem weichen Sand, rennt hinter mir her und erklärt zum zweiten Mal.
Langsam bekomme ich ein Gefühl für Windkraft.
Am Ende ist es verblüffend, wie wir uns sogar entgegen der Windrichtung vorwärts bewegen können.
An beiden Tagen hatten wir den Strand fast für uns allein. Ein paar Angler, einige Autos und ein Seehund.
Und zwei Tage Sonnenschein für uns.
Davor hatte es zwei Tage geregnet.
In Frankfurt war es grau und kalt, jetzt blitzt etwas Sonne durchs Zugfenster.
Nette Begrüßung in der Heimat, finde ich.

17.November
So sieht ein Blokart aus. Helm haben wir nicht bekommen. Das Foto stammt von der Website unseres Verleihers. Ob unsere Dünenfotos noch zu retten sind, weiß ich nicht, hoffe aber sehr, Willi kann die Dateien retten.
Weitere Posts sind in Arbeit. Momentan sortiere und bearbeite ich hunderte Fotos. Geduld!
Montag, 11. November 2013
Atemlos
Noch viel mehr ist im Angebot.
Delfine! Allerdings gibt es keine Garantie, welche zu treffen. Logisch.
Nach langer Internetrecherche wird gebucht.
Wir starten zeitig, um pünktlich an unserem Schiff zu sein.
Die Crew stellt sich vor und alle 25 Mitreisenden werden gebeten, ihr Heimatland zu nennen. Wir sind die einzigen Deutschen. Umgeben von Australiern, Engländern, Indern, Kanadiern, Amerikanern, Italienern, einer Japanerin und natürlich Neuseeländern. Wenn die halbe Welt mitfährt,dann sind wir wohl an einem besonderen Ort.
Zwei Seiten Belehrung lesen: Sie müssen ein guter Schwimmer sein. Das Schwimmen mit den Delfinen ist erstens wetterabhängig und wird zweitens nicht stattfinden, wenn Babydelfine gesichtet werden, wenn die Tiere gerade auf Futtersuche oder Durchreise sind.
Nur drei Veranstalter dürfen das Schwimmen anbieten und haben strenge Auflagen. Ein Teil unseres Geldes wird für die Forschung und den Schutz dieser Art verwendet. Nach einer halben Stunde tauchen die ersehnten Schwimmer auf und begleiten ein Stück unser Schiff. Es ist ihnen ein Leichtes, unsere Geschwindigkeit zu halten. Sie mögen die Motorengeräusche und spielen gern. Dreht das Boot, verschwinden sie kurz und tauchen unverhofft an unerwarteter Stelle auf. Ihre Sprünge sind zauberhaft, aber ganz schwer mit der Kamera einzufangen. Da, ein Babydelfin! Staunen, Freude und Aufregung in jedem Gesicht. Weitere Boote kommen in die Bucht und die neugierigen Tiere suchen sich ihr nächstes Spielzeug. Weiterfahrt.
Nicht lange, da tauchen größere Tiere auf. Sie sind etwas langsamer als die vorherigen und - falls sie mit uns spielen wollen - eher unserem Schwimmtempo angemessen. Auf dem Vorderdeck schaue ich Willi an, der mit strahlenden Augen bemerkt : Das hat sich jetzt schon mehr als gelohnt, auch wenn wir nicht mit ihnen schwimmen können.
Doch plötzlich geht alles ganz schnell. Sachen abwerfen, Schwimmanzug und Flossen an, Brille und Schnorchel greifen und... Warten!
Der Skipper versucht mit seinen Manövern die Delfine in Bootsnähe zu bekommen. Die Instrukteurin erinnert uns: Nicht untertauchen beim Start von der Plattform, schnell schwimmen, viel bewegen, laut sein. Wir sind zur Unterhaltung der Tiere da und nicht umgekehrt. Wenn sie spielen wollen, dürfen wir mitmachen. Aber einfach Touristen in einen Schwarm Delfine kippen, das gibt es hier nicht. Wohl deshalb ist auch eine Forscherin an Bord.
Los! Das Kommando kommt nun ganz rasch. Als vierte bin ich im Wasser, die Männer vor mir entfernen sich rasch und ich sehe nichts als Wasser. Wo sind die Tiere hin? Egal, schnell sein. Ich atme zu hektisch, schmecke den salzigen Pazifik und strample mit den Beinen. Als ich ran bin, springt tatsächlich so ein Riesenexemplar wenige Meter vor mir in die Luft. Aufgeregt zeigen andere in die entgegengesetzte Richtung. Wahnsinn, wir sind wirklich mitten drin. Trotz der Schnelligkeit gibt es keine Zusammenstöße. Jedenfalls nicht mit Delfinen. Eine Gummiflosse bekomme ich doch um die Ohren, kann das aber in der Hektik keinem übel nehmen. Um mich besser zu orientieren, schaue ich unter Wasser. Dabei kann ich wunderbar die hohen Fieptöne hören. Leider höre ich über Wasser das Kommando heraus zu kommen.
Eine Viertelstunde stehen wir tropfend auf dem Boot, welches die nächste Bucht ansteuert. Noch einmal bekommen wir die Chance!
Diesmal fällt mir erst auf, wie kalt der Ozean ist.
Diesmal versuche ich auch, laut zu sein. Unter Wasser kann ich die Delfine wieder hören und brülle uuuuuhhhhh durch meinen Schnorchel. Vielleicht hören die das ja. Gern hätte ich ein iiiiiihhhhhhh in ihrer Frequenz von mir gegeben, aber dabei zieht man den Mund zu breit und muss Wasser schlucken. Uuuuuhhhhh! Ich komme mir doof vor, aber es wirkt! Gleich drei tauchen ganz nah unter mir durch. Neben mir tauchen zwei Rückenflossen auf. Kreuz und quer, ich möchte laut jubeln, so glücklich fühle ich mich. Da ist es auch schon wieder vorüber.
Eine warme Dusche, ein heißer Kakao. Wir reden leise über unsere Empfindungen. Ich hätte ihn fast berührt, erzählt Willi. Und dass er ebenso durch den Schnorchel gebrüllt hat wie ich .
Die ältere Dame vor uns hat sich umgezogen und zittert vor Kälte. Ihr Gesicht strahlt. Zwei Reihen weiter wickelt sich eine schwangere Frau die Wolljacke um die Schultern. Sie alle waren bei dieser außergewöhnlichen Begegnung hautnah dabei und lassen sich verzaubert nach Hause schippern.
Vor einer Insel sitzen Pinguine auf Felsen.
Das ist mir fast zu viel des Glücks. Zwei schnelle Aufnahmen, dann sinke ich zurück auf meinen Platz. Willi hat die ganze Fahrt über den Fotoapparat nicht mal aus dem Rucksack geholt.
Ich glaube, er hat recht. Unsere Eindrücke sind mit Fotos schwer wiederzugeben.
Montag, 4. November 2013
Fotos
Wasserwandern
Donnerstag, 31. Oktober 2013
Windy Wellington
Den ersten windstillen Tag in der ansonsten wirklich windigen Hauptstadt Neuseelands nutze ich zum Schreiben. Es ist ein vorzüglicher Fleck gegenüber dem Bootshaus mit Blick auf den Hafen und Te Papa. Letzteres ist nicht mein Vater, sondern das großartige Museum hier. Zweimal war ich drin. Insgesamt über sieben Stunden und habe längst nicht alles gesehen. Naturkunde, Erdbeben, Maori, Einwanderer, Kunst - das sind nur einige der Themen, zu denen man auf ganz eigene Weise Informationen erhält. Vom Mt Victoria habe ich mir einen guten Überblick über die Stadt verschafft, bin. am Strand zurück gewandert und habe mich in die Hafenmeile verliebt. Überall findet man kreative Kunst im öffentlichen Raum, meist auf den zweiten Blick und nie aufdringlich. Oft sind diese Kreationen auch praktisch nutzbar. Ich sitze zum Beispiel gerade in einer gemütlichen Holzkonstruktion. An den ersten Tagen habe ich vor allem sightseeing betrieben. Dann kam mein Schulfreund auf die glänzende Idee, mich mit zur Whiskyverkostung zu nehmen und mir die Universität zu zeigen. Am nächsten Tag durfte ich den ganzen Tag eine Schulklasse an der Karori Normal School begleiten und heute war ich noch im Kindergarten. So habe ich einen ersten Eindruck bekommen, wie man die Sache hier anpackt. Sehr auf guten Umgang miteinander bedacht, sind die Teacher liebevoll, aber bestimmt in ihrem Auftreten. Entsprechend angenehm verhalten sich die Kinder. Die Sprache der Maori hat einen wichtigen Stellenwert. Mehrmals am Tag sang die Klasse Verse in dieser Sprache. Am Tag nach dem fünften Geburtstag wird man eingeschult. So kommen in der ersten Klasse ständig neue Schüler dazu. Der Schultag beginnt 9 Uhr und endet 15 Uhr. Die Integration von Förderschülern ist ganz normal, nur dass der Staat auch die nötigen zusätzlichen Betreuer finanziert. In der fünften Klasse, welche ich besuchte, wurde in Gruppen differenziert unterrichtet. Die Lehrerin, von den Kindern mit ihrem Vornamen angeredet, saß mit einer Gruppe auf dem Teppich und erklärte, während die anderen an Tischen ringsum selbstständig Aufgaben lösten. Später wechselten die Gruppen. Alle Fächer unterrichtet ein Lehrer, es ist angenehm ruhig im Unterricht. Ein tolles Projekt, welches ich nur als Video kannte, durfte ich live miterleben : Roots of Empathie. Es ist normal, dass Eltern in Schule und Kindergarten mitarbeiten. Als mein Gastgeber erfuhr, dass er Dienst im Kindergarten habe, wusste er nicht so recht, wie er das mit seinem Job vereinbaren sollte. Er fragte seinen Chef und bekam frei dafür. Das ist hier wohl selbstverständlich. Wie in Australien ist es weit verbreitet, als Volunteer freiwillige Arbeit zu leisten. Ob im Kindergarten, im Naturschutzpark oder der Galerie, es ist den Neuseeländern ein tiefes Bedürfnis. Am meisten beeindruckt hat mich aber die Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens so vieler Kulturen. Allein in der Schulklasse mit 28 Schülern waren folgende vertreten: Indien, China, Schweiz, Malaysia, Kanada, Maori. Im Kindergarten arbeitete eine Iranerin und eine Afrikanerin, deren Herkunftsland ich vergessen habe. Die meisten von ihnen sind natürlich Neuseeländische Staatsbürger. Trotzdem ist es ein warmes Gefühl hier Weltbürger friedlich miteinander zu erleben. Sicher liegt es auch in der Geschichte dieses Landes begründet, denn im Grunde sind ja die Maori auch erst eingewandert. So fühlt sich keiner besser als der andere und niemand ausgegrenzt. Ausnahmen gibt es sicher, aber neben den Personen, die ich persönlich getroffen habe, waren Interviews im Museum oft von Dankbarkeit für die Chance, hier ein neues Leben zu beginnen, erfüllt. Diese Entspanntheit im Miteinander bemerkte ich ebenfalls beim Besuch der Uni. Alle Türen standen mir offen und ich konnte bis zum Labor spazieren. Die schöne neue Halle für die Studenten ist jedem frei zugänglich, öffentliche Räume und Plätze werden achtsam genutzt. Um in Schule und Kindergarten zu gelangen, genügte eine einzige Frage am Tag davor. Ich dürfte auch gerne noch mal kommen. Fotos gibt es aber nicht, die Privatsphäre der Kinder wird geschützt. Dafür kann auf der Website geschaut werden. www.kwns.nz Zum Schluss nun noch der Wetterbericht. Meist windig und sonnig, gefühlte 15 bis 20 Grad, Jacke, Tuch und Stirnband sind sinnvoll. Dazu Sonnenbrille, Sonnencreme und Kopfbedeckung wegen des Ozonlochs. In Schule und Kindergarten geht's ohne Hut nicht ins Freie!
Windy Wellington
23.10.
Den ersten windstillen Tag in der ansonsten wirklich windigen Hauptstadt Neuseelands nutze ich zum Schreiben. Es ist ein vorzüglicher Fleck gegenüber dem Bootshaus mit Blick auf den Hafen und Te Papa. Letzteres ist nicht mein Vater, sondern das großartige Museum hier. Zweimal war ich drin. Insgesamt über sieben Stunden und habe längst nicht alles gesehen. Naturkunde, Erdbeben, Maori, Einwanderer, Kunst - das sind nur einige der Themen, zu denen man auf ganz eigene Weise Informationen erhält. Vom Mt Victoria habe ich mir einen guten Überblick über die Stadt verschafft, bin am Strand zurück gewandert und habe mich in die Hafenmeile verliebt. Überall findet man kreative Kunst im öffentlichen Raum, meist auf den zweiten Blick und nie aufdringlich. Oft sind diese Kreationen auch praktisch nutzbar. Ich sitze zum Beispiel gerade in einer gemütlichen Holzkonstruktion. An den ersten Tagen habe ich vor allem sightseeing betrieben. Dann kam mein Schulfreund auf die glänzende Idee, mich mit zur Whiskyverkostung zu nehmen und mir die Universität zu zeigen. Am nächsten Tag durfte ich den ganzen Tag eine Schulklasse an der Karori Normal School begleiten und heute war ich noch im Kindergarten. So habe ich einen ersten Eindruck bekommen, wie man die Sache hier anpackt. Sehr auf guten Umgang miteinander bedacht, sind die Teacher liebevoll, aber bestimmt in ihrem Auftreten. Entsprechend angenehm verhalten sich die Kinder. Die Sprache der Maori hat einen wichtigen Stellenwert. Mehrmals am Tag sang die Klasse Verse in dieser Sprache. Am Tag nach dem fünften Geburtstag wird man eingeschult. So kommen in der ersten Klasse ständig neue Schüler dazu. Der Schultag beginnt 9 Uhr und endet 15 Uhr. Die Integration von Förderschülern ist ganz normal, nur dass der Staat auch die nötigen zusätzlichen Betreuer finanziert. In der fünften Klasse, welche ich besuchte, wurde in Gruppen differenziert unterrichtet. Die Lehrerin, von den Kindern mit ihrem Vornamen angeredet, saß mit einer Gruppe auf dem Teppich und erklärte, während die anderen an Tischen ringsum selbstständig Aufgaben lösten. Später wechselten die Gruppen. Alle Fächer unterrichtet ein Lehrer, es ist angenehm ruhig im Unterricht. Ein tolles Projekt, welches ich nur als Video kannte, durfte ich live miterleben : Roots of Empathie.
Es ist normal, dass Eltern in Schule und Kindergarten mitarbeiten. Als mein Gastgeber erfuhr, dass er Dienst im Kindergarten habe, wusste er nicht so recht, wie er das mit seinem Job vereinbaren sollte. Er fragte seinen Chef und bekam frei dafür. Das ist hier wohl selbstverständlich. Wie in Australien ist es weit verbreitet, als Volunteer freiwillige Arbeit zu leisten. Ob im Kindergarten, im Naturschutzpark oder der Galerie, es ist den Neuseeländern ein tiefes Bedürfnis. Am meisten beeindruckt hat mich aber die Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens so vieler Kulturen. Allein in der Schulklasse mit 28 Schülern waren folgende vertreten: Indien, China, Schweiz, Malaysia, Kanada, Maori. Im Kindergarten arbeiteten eine Iranerin und eine Afrikanerin, deren Herkunftsland ich vergessen habe. Die meisten von ihnen sind natürlich neuseeländische Staatsbürger. Trotzdem ist es ein warmes Gefühl hier Weltbürger friedlich miteinander zu erleben. Sicher liegt es auch in der Geschichte dieses Landes begründet, denn im Grunde sind ja die Maori auch erst eingewandert. So fühlt sich keiner besser als der andere und niemand ausgegrenzt. Ausnahmen gibt es sicher, aber neben den Personen, die ich persönlich getroffen habe, waren Interviews im Museum oft von Dankbarkeit für die Chance, hier ein neues Leben zu beginnen, erfüllt. Diese Entspanntheit im Miteinander bemerkte ich ebenfalls beim Besuch der Uni. Alle Türen standen mir offen und ich konnte bis zum Labor spazieren. Die schöne neue Halle für die Studenten ist jedem frei zugänglich, öffentliche Räume und Plätze werden achtsam genutzt. Um in Schule und Kindergarten zu gelangen, genügte eine einzige Frage am Tag davor. Ich dürfte auch gerne noch mal kommen. Fotos gibt es aber nicht, die Privatsphäre der Kinder wird geschützt. Dafür kann auf der Website geschaut werden.
www.kwns.nz
Zum Schluss nun noch der Wetterbericht. Meist windig und sonnig, gefühlte 15 bis 20 Grad, Jacke, Tuch und Stirnband sind sinnvoll. Dazu Sonnenbrille, Sonnencreme und Kopfbedeckung wegen des Ozonlochs. In Schule und Kindergarten geht's ohne Hut nicht ins Freie!
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The coolest little capital of the world
28.10.2013
Eine Woche Hauptstadt hat sich in meinem Kopf, meinen Füßen und meinem Herzen verankert. Zahllose Bilder von interessanten, aber unaufdringlichen Gebäuden und Kunstwerken habe ich mir erlaufen. Wenn ich an Katherine Mansfields Geburtshaus starte, die Kirche Old St Pauls besuche und im City and Sea Wellingtons Stories folge, habe ich die Stadt schon zur Hälfte durchquert. Es folgt der Spaziergang zum Strand und hinauf auf die Höhen, wo mein neues Quartier liegt. Es fühlt sich vertraut an, wenn man eine Stadt zu Fuß erkunden kann. Mein Lieblingsplatz wird eine Höhle direkt in einem Holzkunstwerk an der Waterfront. Hier sitze ich jeden Tag, schreibe Postkarten oder Tagebuch, esse und trinke etwas, schau den Ruderern beim Training zu und fühle mich überhaupt nicht einsam. Vor nicht zu langer Zeit hätte ich mir nicht vorstellen können, mit Freude allein zu reisen. Dieses Land reicht mir ebenso freundlich die Hand wie Australien.
Nun erwarte ich Willi, meinen unerschrockenen Linksfahrer. Während dieser noch eine Nacht in China verbringt, werde ich sofort in die Großfamilie in Stephanies Haus integriert. Großfamilie muss mit dem Wort Großzügigkeit verwandt sein. Drei Generationen teilen sich eine Küche und es funktioniert. Dazu ich als Gast, plötzlich mitten im Herrenabend des Großvaters, der mich mit Wein und Lammkotelett verwöhnt. So bereite ich wenigstens eine Avocadocreme und schnitze aus dem Kern zwei Schildkröten für seine Enkel. Man plant mit mir den Tag, nimmt mich mit in die Stadt und freut sich gemeinsam auf Willis Ankunft.
Da bucht man ein Zimmer mit Frühstück und bekommt eine Familie, die einen umsorgt und begleitet. Das ist einfach wunderbar. Zum Abschied bekochen wir erfolgreich unsere Gastgeber. Es gibt Saure Eier.
Dieses alte Rezept meiner Oma wurde damit auch nach Neuseeland exportiert, nachdem es schon dreimal in Australien zum Einsatz kam.
Ab sofort ergänzen Senf und Essig unser Gepäck. Alle weiteren Zutaten finden sich in fast jedem Haushalt der Welt.
Wellington ist cool, weltoffen, charmant und zurückhaltend.
Wenn es nicht so viele andere Pläne gäbe, würde ich es hier noch lange aushalten
Posted via Blogaway
Sonntag, 20. Oktober 2013
Brisbane
Klar, darf er.
Mittags in der Galerie hole ich meinen Rucksack von der Garderobe und werde gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Acht Seiten... Na gut, meinem Englisch wirds nicht schaden. Als Dank bekomme ich einen Gutschein für ein Kännchen Tee im Galerie Café.
Nun sitze ich hier, schlürfe meinen Tee und kann soviel Glück kaum fassen.
Gestern erstmals couch surfing ausprobiert, erstmals englisch telefoniert, vom Zug abgeholt worden, Begrüßung mit einem Glas Wein, Dinner vom Feinsten, ein eigenes Zimmer, kostenlose Fähre, kein Eintrittsgeld ins Museum. Vor lauter Begeisterung habe ich glatt vergessen zu essen! Es ist kurz vor drei und ich werde mal nach fish andchips Ausschau halten.
Dann muss ich unbedingt noch einkaufen, weil es heute Abend Saure Eier gibt, die ich für meine Gastgeber kochen werde. Ein really old German Meal als kleines Dankeschön für so ein very warm welcome.
Eine Zugfahrt, die ist...
Der Zug aus Sydney fährt ein. Letzte Umarmung, dann empfängt mich schon der Zugbegleiter und weist einen Platz an, wo ich meinen Koffer verstauen soll. Dann fragt er : Seat 29? Ich bejahe und grüble, woher er das weiß, wenn er meine Fahrkarte noch nicht gesehen hat? Es sind noch viele Sitze frei. Ich folge dem Herrn in einen dunklen Wagen und er leuchtet mir mit einer Taschenlampe bis zu meinem Sitz. Obwohl ich Economy Class gebucht habe, sind die Sitze komfortabler als im Flugzeug. Liegeposition, Klapptisch, Fußstützen und Armlehnen. Neben mir leider ein etwas breiter geratener Mann, der im Schlaf zuckt und stöhnt. Mit Nachsicht versuche ich mir vorzustellen, dass er seit Sydney schon fünf Stunden hinter sich hat. Immerhin fahre ich fünfeinhalb Stunden bis Brisbane. Dieser Nachtzug legt insgesamt ca. 1000 km zurück. Hinter mir Schnarchen. Neben mir Schnarchen. Der Zugbegleiter funzelt durch die Gänge und achtet darauf, dass niemand beim Schlafen seine Füße oder seine Decke in den Gang streckt. So rücksichtsvoll er sonst ist, Passagiere, die die Sicherheit bedrohen, weckt er erbarmungslos auf. Eine Decke könnte ich jetzt gebrauchen. Draußen sind 20 Grad und hier drin bringt mich die Klimaanlage zum Frösteln. Endlich nicke ich ein.
Casino? Der Aufpasser leuchtet mir ins Gesicht. Nochmal : Casino? Äh, was? Kann man hier im Zug zocken? Total verwirrt stammle ich: Sorry, I don't understand. Und er endlich: Where do you go? So kann ich ihm beibringen, dass ich bis Brisbane reise und nicht in Casino aussteige. Dafür verlässt mich der Unruhegeist neben mir und ich lege mich quer auf beide Sitze. Das war also der Weckdienst und Casino ist eine Stadt. Jetzt schlafe ich tief und fest, etwas verspannt allerdings, da ich auf keinen Fall meine Füße in den Gang strecken will. Als ich munter werde, erwartet mich ein großes Schauspiel. Wir rasen durch Nebelschwaden und die Sonne geht auf. Welch ein Glück, dass ich rechtzeitig aufgewacht bin! Eucalyptusbäume, Seen und Flussläufe, schwach beleuchtet in einem milden Orange. Starr sitze ich am Fenster und genieße. Nein, jetzt nicht die Kamera herauskamen. Nach fünf Minuten ist der Zauber vorüber. Ein gleißend heller Ball beleuchtet langweilige Häuser. Das Licht im Zug geht ohne Vorwarnung an. Die Speisekarte wird durchgesagt und etliche beleibte Körper bewegen sich in Wagen C zum Buffet, um kurz darauf mit Kaffee und Toast zurück zu torkeln. Wir erhalten noch den Hinweis, unsere Uhren eine Stunde zurückzustellen, Queensland hat seine eigene Zeit. Rubbish, please! Wir geben unseren Müll ab.
Siobhan hatte mich gewarnt. Australische Züge sind nicht pünktlich! Mit drei Minuten Verspätung trete ich in Brisbane auf den Bahnsteig. Eine Touristin fragt mich vor der Anzeigetafel nach dem Flughafenzug. Ich muss mich auch erst orientieren und sie lacht. Wir finden den Fahrkartenschalter. Ich sehe, wie sie am Durchgang zu den Zügen einem Kontrolleur ihr Handy reicht. Er lacht und fotografiert sie mit Gepäck und Bahnhofshintergrund. Ich bin überzeugt, er würde mir auch die Bitte nicht abschlagen, meine Postkarten zu einem Briefkasten zu bringen oder einen Kaffee für mich zu holen. Da ich noch eine Stunde Zeit habe, begebe ich mich selbst zum Café, bestelle cool einen Lateeej, weil ich bei Latte Macchiato immer das Falsche bekam und freue mich zusätzlich über free Wi-Fi. Endlich kann ich den längst geschriebenen Post absenden. Dann noch ein Gang zum bathroom um Zähne zu putzen und Haare zu kämmen. Zur Sicherheit erfolgt auch an diesem Ort die Durchsage der nächsten Zugabfahrten. Kofferschleppen ist überflüssig. Rollbahnen wie auf dem Flughafen oder ein Fahrstuhl bringen mich zum Bahnsteig. Dort sammeln sich die Schüler in ihren verschiedenen Schuluniformen. Dazwischen ein Inder mit Turban, Aborigines und Asiaten. Niemand glotzt doof. Würde mir für Dresden auch gefallen. Mein Zug nach Caboolture fährt auf die Sekunde pünktlich ab. In einer Stunde muss ich wieder umsteigen und nutze die Zeit zum Schreiben. Beim Speichern habe ich auf einmal Internetverbindung. Neben uns auf dem Gleis steht ein Zug mit Wi-Fi access. Leider war der Aufenthalt zu kurz um zu senden. Nächster Zug. Kaum sitze ich, fragt mich jemand nach der Uhrzeit. Ich antworte, darauf ein fröhliches Lächeln, weil mich mein Akzent verrät. Kurzer Smalltalk, woher und wohin. Nun bin ich auf dem Weg nach Nambour. Es macht Spaß, zu reisen. Bin soeben in Mooloolah. Leider konnte ich nicht alle Ortsnamen aufschreiben, es gab noch viel fantasievollere. Mir fällt gerade ein, dass noch niemand meine Fahrkarte sehen wollte. Mein Waggon ist ein quiet carriage :
Please refrain from loud conversations and use of loud musical and mobile devices.
Daneben der Hinweis für die Schüler:
Students on concessional cards must not occupy seats whilst adults are standing.
Brave Schüler. Sie sind leise und okkupieren nicht meinen Sitz. Nächste Station Palmwoods. Das lässt sich sogar übersetzen.
In wenigen Minuten steige ich ein letztes Mal um, dann in den Bus nach Noosa. Auf der Landkarte habe ich mich nur ein kleines Stückchen entlang der Ostküste Richtung Norden bewegt. So in etwa von Dresden nach Berlin. Dabei war ich über acht Stunden unterwegs.
Auch der Bus ist pünktlich. Zum ersten Mal interessiert sich jemand für meine Fahrkarte. Nach einer reichlichen Stunde Busfahrt weiß ich, warum mir vom Bus abgeraten wurde. Mit 120 geht's über den Highway, auf den kurvenreichen Landstraßen muss man sich festhalten. Keine Chance zum Schlafen. Dafür schon einige Ausblicke auf den Noosa River, der idyllisch durch die Landschaft mäandert, gesäumt von vielen flachen Bauten, hellem Sand und Palmen.
Noosa Junction, halb elf, strahlend blauer Himmel und ich werde von Jutta empfangen. Beim Aussteigen aus dem Bus bedanke ich mich beim Fahrer und wünsche einen schönen Tag. So habe ich mir das bei den Aussis abgeguckt.
Nächster Halt : Peregian Beach in der Nähe von Noosa
Freitag, 11. Oktober 2013
Unterwegs im Outback
Unterwegs nach Armidale, zwei Stunden Fahrt, hielt ich wieder nach Kängurus Ausschau. Es muss doch endlich mal eins in freier Wildbahn auftauchen, zumal die Schilder am Straßenrand vor ihnen warnen! Dann sahen wir sie und nach einem Dutzend mochte ich nicht mehr zählen. Sie lagen immer tot am Straßenrand. So unterhielten wir uns darüber, wer sie wegräumt. Ganz einfach : jemand wirft sie an die Seite und die Natur erledigt den Rest. Aber meine Freundin tröstete mich gleich. In ihrer Stadt könne ich jede Menge sehen, außerdem Wale, ohne aufs Meer hinaus fahren zu müssen. Nun, in einer Woche kann ich dann hoffentlich darüber berichten.
In Armidale angekommen konnten wir wieder einmal die zuvorkommende Art der Australier genießen.
In der Tourist Information bekamen wir alle Aufmerksamkeit. Woher, Wohin, kostenlose Stadtrundfahrt! So entschieden wir, dass unsere Gastgeber uns am nächsten Morgen zur Rundreise abgeben und ein paar Stunden allein verbringen können. Doch am Abend musste vorerst noch der örtliche Pub getestet werden. Mit Erfolg! English Conversation vom Feinsten. Wir übten uns in der Űbersetzung von Sprichwörtern und Metaphern und ich habe selten so viel gelacht. Wie übersetzt man Dreikäsehoch? Warum basteln sich die Radfahrer Kabelbinder an ihre Helme? Nun, wenn die männlichen Vögel zu viel Testosterone produzieren, weil sie die Weibchen und die Jungvögel beschützen müssen, dann fliegen sie Angriffe auf die Köpfe von Radlern.
Siobhan und Andy sind passionierte Radfahrer und wissen, wovon sie sprechen. Immerhin fuhr meine Freundin dereinst an einem Tag mit dem Rennrad von Dresden nach Berlin, bei 30 Grad.
Englisch lernen ist ganz einfach : Den Anfänger lässt du zwei Bier bestellen. Two scooners. Er wird mit dem leckeren Getränk belohnt, wenn die Aussprache annähernd korrekt war. Dann einfach keine Fehler korrigieren, sondern reden lassen. Wenn die Wörter fehlen, helfen Gesten und eine Zeichnung. Ich sitze mitten im bunten Treiben und notiere mir neue Wörter wie Schätze in mein kleines Vokabelheft. Skurrile Wortfolgen reihen sich aneinander. mischievous, temptation, horseradish, disabled, excavator, stump grinding... Die Themen wechseln ständig und die Aufschrift auf Bierdeckeln belebt das Gespräch. Ich platze fast vor Stolz, weil sich mein Liebster ohne Scheu in die kompliziertesten Unterhaltungen verstrickt und unsere zwei Australier wirklich in seinen Bann zieht.
Während ich die Schwierigkeiten eines Anfängers absolut nachvollziehen kann, weil ich vor fünf Jahren in Amerika Gleiches fühlte, achte ich inzwischen auch auf Unterschiede in der Aussprache. Aus e wird hier oft a, vor allem bei ey. Wir sind uns einig : Australisch ist sächsisches Englisch.
Außer den Vokabeln notiere ich Unterschiede in beiden Kulturen. Da fällt z. B. auf, wie der Verkehr an einer Baustelle umgeleitet wird, mit dem Lollipop Man.
Männer oder Frauen in Warnweste halten Schilder mit der Aufschrift slow oder stop in der Hand. Da das Schild an einem Stab befestigt ist, sieht es von weitem wie ein Riesenlolli aus.
Es gibt private Mädchen - und Jungenschulen.
Verbotsschilder sind meist sehr persönlich formuliert: Mach dieses nicht, Achte auf dies, Bitte nimm deinen Müll mit usw.
Insgesamt fühlen wir uns hier absolut sicher und beschützt. Selbst im Menschentrubel in der Großstadt muss man nicht auf Taschendiebe achten und kann Wertsachen im Auto lassen. Ein Grund dafür könnten die allgegenwärtigen Überwachungskameras sein. Man läuft durchs Museum und wird nicht behelligt, aber in jedem Raum hängt ein Schild "Achtung Kameras" und dann vergisst man natürlich auch nicht das Eintrittsgeld in die Box zu werfen.
In fast allen Zügen gibt es klappbare Lehnen, sodass man nie rückwärts fahren muss. Die Leute steigen ein und räumen erstmal das Abteil um.
Damit soll mein Eintrag für heute beendet werden.
Jetzt versuche ich, den Lollipop Man und die Eisenbahnklapplehnen zu skizzieren.
Samstag, 28. September 2013
Aus der Metropole in den Regenwald
Am Strand von Cairns zieht sich eine Art Watt entlang, davor warnen Schilder vor Crocodiles. Unbeschwert buddeln derweil die Kleinkinder der Einheimischen im dunklen Schlamm.
Auf dem Weg zum hiesigen Botanischen Garten liefen wir über den Friedhof. Dort zeugten riesige Grabsteine mit Krokodilskulpturen vom frühen Tod eines Vierzehnjährigen im letzten Jahr.
Im Botanischen Garten selbst war es wie in einer anderen Welt. Besonders interessierte mich der Aborigines Lehrpfad, der zu jeder Pflanze erklärte, welche Teile wofür und wogegen verwendet werden. Wenn das Englisch nicht mehr ausreicht, kommt man mit Latein gut zurecht : antiseptisch und kontrazeptiva, hm... interessant! Geburtenkontrolle mit Naturarznei. Da ich es noch nicht so recht glauben kann, hab ich sicherheitshalber das Schild fotografiert, um zu Hause nachzuforschen.
Die Natur bestimmt hier den Lebensrhythmus. Es gibt im Grunde nur zwei Jahreszeiten, wet and dry. Gerade ist es trocken und im Dezember beginnt die Regenzeit. Beste Tourismus-Zeit in diesem Monat also. Die Luft ist ca. 30 Grad warm, das Meer 18. Deshalb war es eine gute Entscheidung, sich beim Schnorcheln auf dem Riff ein Wetsuit auszuleihen. Sieht schon mal sehr professionell aus, hat aber zwei weitere, viel wichtigere Vorteile. Man geht nicht unter und es ist gleichzeitig ein guter Sonnenschutz. An den zwei im Foto markierten Stellen durften wir sprichwörtlich ins Weltwunder eintauchen und es war GIGANTISCH! Findet Nemo! Wir mussten nicht lange suchen und eine Farbenpracht und Formenvielfalt breitete sich aus, dass man wie in einen Rausch verfiel. Jedes der oft von Kindern gemalten Fantasiewesen scheint es hier zu geben. Unter mir schwamm ein Taucher hinter einem Fisch, welcher zwei Meter Länge hatte, Zebrafische in Schwärmen stießen an die Taucherbrille und ein Exemplar mit einem riesigen Kussmund glotzte mich an. Speziell zur Unterwasserwelt möchte ich einen Extrabeitrag posten. Dazu müssen wir aber erst mal am großen Bildschirm sichten, was die Unterwasserkamera von Aldi geschafft hat. Ein paar Fotos erscheinen vielleicht bald auf der Facebookseite unseres Veranstalters compasscruises.
Für alle Hungrigen noch ein kleiner Auszug aus der Speisekarte : Känguru, Krokodil und Weathabix haben wir bereits probiert. Das Fleisch ist sehr lecker und die typischen Frühstückspresslinge wohl eher keine Männersache.
Heute solls noch an ein Stück Strand ohne Krokodile gehen und morgen fliegen wir bereits zur Gold Coast, um nach langer Zeit meine australische Freundin Siobhan wiederzusehen!
Genießt den Herbst zu Hause , soetwas gibt's hier nicht. Hier verbrennt man sich nämlich ganz schnell die Waden, wenn man Stunden erstarrt auf der Wasseroberfläche liegt und gebannt in die magische Tiefe starrt.




















