Donnerstag, 24. Januar 2019

Es geht vorwärts

Ich hatte versprochen, über die großartigen Überraschungen nach dem anstrengenden Beginn zu schreiben.Kurz nach dem Geldsegen mit Western Union bekam ich die erste Nachricht von meinem Betreuer an der Schule. Leider hat sich niemand auf mein Zimmergesuch gemeldet, aber ich erhielt die Adresse seines Freundes, der ab nächste Woche ein Zimmer frei hätte. Da hab ich mich natürlich sofort gemeldet und nachgefragt. Kurz darauf ging’s ganz flott hin und her, auf Englisch, Spanisch und sogar Russisch, denn Alejandro kommt wahrscheinlich aus der Ukraine. Die WG ist 300 m entfernt von meinem Hotel, so dass ich Montag den Koffer nur über den Fußweg ziehen muss. Bis Ende März werde ich mir mit zwei Bolivianerinnen eine Wohnung teilen, während Alejandro verreist. Das bedeutet, dass ich Spanisch sprechen MUSS! Wie gut, denn schöneren Unterricht könnte ich mir nicht wünschen. Man lernt nebenbei beim Kochen und den normalen Alltagsdingen.
Voller Energie, weil sich mein Wohnungsproblem so schnell geklärt hatte, hab ich mich ins Stadtgetümmel gestürzt. Nun konnte ich erstmals entspannt bummeln, gönnte mir einen Eiskaffee und habe danach einen großen Platz hinter der Kirche entdeckt, auf dem viele Künstler etwas vorführten. Nebenan eine Ausstellung mit Handpuppen von Künstlern. Schließlich begegnete ich am Abend noch einer Demonstration für Frieden in Venezuela und auf dem Platz hinterm Hotel studierten wohl an die hundert Jugendliche im Dunkeln einen Tanz ein. Wahrscheinlich für den bevorstehenden Karneval.
Als wäre das nicht genug, schaffte ich es sogar noch, mir eine neue Simkarte für mein Handy zu kaufen. Bei einem netten Gespräch mit der ganz jungen Verkäuferin (sie sah aus wie 16 und war es vielleicht auch) hat sie gleich alle Einstellungen an meinem Gerät vorgenommen. Das hätte ich auf Spanisch beim besten Willen nicht hinbekommen. Solche Aufgaben finde ich auf Deutsch schon schrecklich.
Ein halber Tag und drei Wünsche erfüllt: WG- Zimmer, mobiles Internet und endlich wieder Bargeld!

Bilder gucken


Viele Fotos gibt es noch nicht, da ich mit mir selbst und den hiesigen Herausforderungen genug beschäftigt war. Langsam entspannt sich die Lage, ich erkenne den Weg, zwischen endlosen Autoströmen gefahrlos die Straße zu überqueren. Würde ich rennen, wäre ich sofort als Fremde identifiziert. Hier rennt man nicht, dazu ist es viel zu heiß.
Außerdem musste ich testen, wie unsicher es ist, mein Handy herauszuholen. Aber hier gucken alle ständig auf ihr Display. Ausgenommen die Ärmsten, welche auf schmutzigen Gehsteigen sitzen, ihre schlafenden oder spielenden Kinder ringsum und betteln oder irgendwas Winziges verkaufen wollen. Manche springen auch bei Rot vor die wartenden Autos, jonglieren oder bieten Wasser an.
Hinter Glasfassaden kann man in schicken Cafés mit Klimaanlage tolle Eisbecher und leckeren Kaffee genießen. Alles das in wenigen Metern Entfernung mit zahlreichen Wachmännern vor Geschäften und Polizisten mit Schlagstock am Gürtel, die im Park patrouillieren.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Aller Anfang ist schwer

„Wenn dir das Leben in den Arsch tritt, dann nutze den Schwung, um vorwärts zu kommen.“
Drei krasse Tage liegen hinter mir. Alles war ganz anders, als ich mir das vorgestellt habe.
Die Unterkunft ist wirklich gut. Die Hitze und der Verkehr strengen an. Niemand spricht Englisch. Auch am zehnten Geldautomaten funktioniert keine meiner Karten. Verzweifelt tausche ich meine letzten 40 Euro in Bolivianos (Kurs 1:8). Auch am zweiten Tag kein Erfolg, Anruf bei meiner Bank: neue Kreditkarte herschicken dauert mindestens zwei Wochen. Ob sie ankommt, ist noch nicht mal sicher. Ich fühle mich plötzlich sehr verlassen und allein. Was tun? Zunächst gibts nur Wasser, Tee, Obst und Gemüse. Alles billig. Statt Taxi laufe ich alle Wege (länger als zwei Stunden sind in diesem Stadtchaos aber nicht drin). In der Schule sind noch alle in den Ferien. Keiner, den ich fragen kann.
Ich schreibe eine Liste mit allen Möglichkeiten, zu Geld zu kommen. Und echt, das steht da drin:
weiter nach dem richtigen Geldautomaten suchen, neue Geldkarte anfordern, Konto in Bolivien eröffnen, Geld an irgendeinen Deutschen (der hier lebt) überweisen und von ihm in Bolivianos bekommen, Geld borgen (nur von wem, ich kenne ja noch keinen hier), arbeiten und Geld verdienen, am Straßenrand Klamotten verkaufen, betteln, klauen...
Okay, klauen hab ich nicht ernsthaft erwogen. Aber Menschen, denen alle anderen Wege verstellt sind, haben das auf der Liste.
Meine Freunde und Familie haben angestrengt überlegt, wie mir zu helfen sei. Die rettende Idee hatte mein Sohn. Online Überweisung mit Western Union. Das ist mir nachts dann wirklich gelungen. Am nächsten Morgen ging ich zur ersten Bank, die ich mir in meinem selbstgezeichneten Stadtplan vermerkt hatte. Aber entgegen den Infos aus dem Internet (ja, die sind auch mal falsch oder veraltet) gab es dort keine Western Union. Auch der zweite Anlauf war umsonst. Ohne mobiles Internet stand ich nun völlig hilflos vor der Bank. Plötzlich spricht mich ein Ehepaar an, ob sie mir helfen könnten. Ich verstehe ihr Spanisch kaum und da kommt die Rettung, sie sprechen Englisch. Gehen mit mir in die falsche Bank, fragen, wo ich hin kann, übersetzen mir alles und bringen mich dann schließlich bis zum Eingang der richtigen Bank. Dort verabschieden wir uns und ich werde nach zwei Stunden Fußmarsch bei 32 Grad von einem bewaffneten  Sicherheitsmann freundlich eingelassen, stammle mein Anliegen Spanisch hervor, muss eine Nummer ziehen und setze mich in den Wartesaal. Am Schalter muss ich vier Formulare ausfüllen und unterschreiben, der junge Mann spricht kein Englisch und irgendwas ist unklar. Er geht weg und kommt wieder, er fragt Kollegen, ich muss meine Adresse in Deutschland, in Santa Cruz, meine Arbeitsstelle, meine Telefonnummer und sonstwas unter die Kopie meines Passes schreiben. Es dauert und mein Puls rast jetzt. Wenn das hier wieder schiefgeht, dann heule ich los. Schließlich übersetzt er mit Hilfe des Internets einen Satz ins Englische und schreibt ihn auf die Rückseite meines Notizzettels. „Wer hat das Geld aus Österreich geschickt?“ (siehe zweites Bild)
Oh man! Ich natürlich, da war einfach die Website falsch ausgewählt. Irgendwie konnte ich ihm das aber verständlich machen. Und dann gab´s endlich Knete!
Den Zettel hab ich mir zurückgeben lassen. Nicht, dass er noch den deutschen Spruch zum Übersetzen in den Computer getippt hätte. Arsch heißt übrigens culo. Tja, auf diese Weise hat meine Vokabelliste des Tages ein Wort mehr.
Meine Stimmung hellte sich auf und dieser dritte Tag sollte noch ein paar ganz großartige Überraschungen bringen. Aber das schreibe ich in der nächsten Story.

An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an alle, die mich mit Ideen und Zuspruch unterstützt haben!


Montag, 21. Januar 2019

Der Weg ist das Ziel

21/01/2019 - Mitternacht über den Wolken

Ich bin noch nicht angekommen und doch schon ein bisschen in Bolivien. Un poco.
Seit dem Einchecken in Düsseldorf höre und spreche ich überwiegend Spanisch.
Karen, eine Medizinstudentin aus Bolivien, stand in der Reihe hinter mir und fliegt auch nach Santa Cruz. Wir haben die Wartezeit in Deutschland und in Madrid gemeinsam verbracht.
Jetzt sitzen wir beim Flug nach Bolivien nebeneinander, da noch ein paar Plätze frei waren und wir uns umgesetzt haben. Karen hat am Goethe-Institut einen Deutschkurs gemacht und so kann ich fehlende spanische Worte auch auf Deutsch erfragen. 
Eis/hielo, Holz/madera, rechts/ derecho, celular/Handy, müde/cansado
Heute Vormittag bin ich fast vier Stunden am Rhein entlang gewandert, um mir vor dem Sitzmarathon im Flieger (12 Stunden) noch genug Bewegung zu verschaffen. Unterwegs habe ich mehrfach das Zählen auf Spanisch geübt. Der Stewardess konnte ich dann Sitz 35 H auf Spanisch ansagen. Das h wird ja im Wort nicht mitgesprochen, heißt aber als Buchstabe hago, was man ungefähr adscho spricht. Mit viel Mühe hab ich es hervorgestammelt und die Dame hat sich mega gefreut. Beim Servieren bot sie mir dann ein extra Brötchen an, beim Kaffee war sie völlig durcheinander und wollte wissen, ob ich diesen (con limon) mit Zitrone möchte. Ich wollte aber con leche, also mit Milch. Es ist überhaupt sehr fröhlich im Flugzeug. Eine große Gruppe Schüler reist mit. Die Aufregung bei der Platzsuche war gigantisch und ich frage mich, ob nicht auch Schüler meiner zukünftigen Schule darunter sind? Ganz flüchtig habe ich bei ihnen einen deutschen Satz gehört...
Am besten klappt die Unterhaltung mit Karen zum Thema Essen. Das sind wahrscheinlich in jeder Sprache die Sätze, die man zuerst draufhat.
Auch ein paar Reisempfehlungen für Bolivien habe ich von ihr erhalten.
Jetzt bin ich wirklich müde, die ganz große Aufregung hat sich gelegt, da ich mich zum Sprechen, Hören und Schreiben (Zollerklärung auf Spanisch) so anstrengen muss, dass in meinem Hirn gar kein Speicher für Zweifel und Bedenken mehr frei ist. 
Update 21/01/2019/ 12 Stunden später in Santa Cruz de la Sierra auf meinem Bett
Nach einer Stunde anstehen für die „Immigration“ hab ich mich von Karen verabschiedet, den Taximann mit meinem Namensschild entdeckt und mich eine halbe Stunde durch wilden Verkehr zu meiner Unterkunft bringen lassen. Alles unbekannt bis auf eine Erinnerung: dieser Geruch! Genau so roch es in Venezuela, lieblich süß, feucht, frisch und ein wenig nach Holzfeuer. Es ist sehr warm, die Taxifenster sind offen und ein kräftiger Wind biegt die Palmen. Der Portier erklärt mir etwas, was ich erst zwei Stunden später begreife, weil ich sein Spanisch nicht verstehe, außer das Wort schlafen. Die einzige Deutsche, die ich hier treffen könnte, nämlich die Hotelbetreiberin, ist noch nicht da. Inzwischen hab ich sie kurz getroffen, war einmal zu Fuß im Zentrum und hab zweimal kläglich versagt (am Geldautomaten). Das muss ich heute Abend nochmal versuchen. Aber das Internet funktioniert. Hinterm Haus sind ein kleiner Pool und eine Kokospalme neben einem Parkplatz. Ich war kurz baden. Im Kühlschrank sind Wasser, Cola und Bier. Es gibt Fernseher und Klimaanlage. Draußen sitzen Bettler und alte Mütterchen an der Straße. Das Überqueren der Straßen erfordert gewissen Mut. Der Verkehr scheint chaotisch. Dazwischen wandeln ungerührt gutgekleidete Jugendliche, die in ihre teuren Handys tippen. Schuhputzer arbeiten rings um den zentralen Platz an der Kathedrale. 

Ich fühle mich gerade ganz seltsam fremd. So ergeht es einem wohl, wenn man die Sprache nicht versteht und noch niemanden kennt. 

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Was hast du denn bisher gemacht? - Reisevorbereitungen

Was hast du denn bis jetzt so gemacht?

Schon so lange frei, und noch kein Blogeintrag…
Das letzte Vierteljahr war einfach so gut ausgefüllt, dass ich keine Lust zum Schreiben hatte.
Im November habe ich 17 Konzerte bei den Jazztagen begleitet und zahlreiche Musiker vor und hinter der Bühne erleben dürfen. 
Seit September lerne ich Spanisch. 
Meine digitalen Fotos sind endlich aussortiert und geordnet. Übrigens: Hätten wir uns im Zeitalter der analogen Fotografie vorstellen können, mehr als 10 000 Papierbilder zu Hause zu lagern? 
Weiterhin scanne ich derzeit alle meine Unterrichtsvorbereitungen ein und schaffe mir ein digitales Archiv. Manchmal bin ich erstaunt, was ich mir in 30 Arbeitsjahren so ausgedacht habe. Viele Ideen lagern seit Jahrzehnten ungenutzt in Pappordnern, weil im laufenden Arbeitsalltag oft die Zeit zum Heraussuchen fehlt. Bin gespannt, ob sich der Zugriff auf den Ideenpool bessert, wenn alles sofort digital abrufbar ist.


Reisevorbereitungen

Aber der Streik bei der Bahn und meine zweistündige Verspätung waren Grund genug, endlich über den Stand der Reisevorbereitungen für Bolivien zu berichten.
Hin- und Rückflug sind gebucht. Von Ende Januar bis Mitte Mai werde ich in Südamerika sein. Da ich in Bolivien nicht nur touristisch unterwegs sein will, benötigte ich ein Arbeitsvisum. Um das zu erringen, waren einige Hürden zu überwinden. Die Website der Botschaft (auf Spanisch/Englisch) hat mich zunächst in die Irre geführt und ich habe einen Monat vergebens auf eine Antwort auf meinen vermeintlich online abgeschickten Visaantrag gewartet. Ein Anruf bei der Botschaft klärte Einiges, doch stets fehlten Formulare. Schließlich musste ich noch Gehalts- und Impfnachweis sowie ein polizeiliches Führungszeugnis erbringen.
Relativ problemlos läuft dagegen das Spanischlernen. Je mehr Unterricht ich jedoch nehme, desto mehr wird mir bewusst, was ich alles nicht weiß und noch brauche.
Schließlich telefonierte ich mit meiner zukünftigen Wirkungsstätte, der Deutschen Schule in Santa Cruz. Als Praktikantin hatte ich mich beworben, aber sie wollen mich gern in Vollzeit. Ich habe auf meine letzte Mail noch keine Rückmeldung und werde wohl erst vor Ort meinen genauen Einsatz erfahren. 
Für die lange Zeit meiner Abwesenheit in Dresden habe ich inzwischen zuverlässige Zwischenmieter im Freundeskreis gefunden. Meine Unterkunft in Santa Cruz ist noch nicht in Sicht. Da ich allerdings eine Woche vor Arbeitsbeginn dort anreisen werde, kann ich zur Not zuerst im Hostel übernachten und vor Ort etwas suchen.
Abenteuerlich wird das auf jeden Fall. Auf mein Praktikum vor zehn Jahren in den USA blicke ich inzwischen sehr entspannt und mit Freude zurück. Damals war ich vor Reiseantritt mächtig aufgeregt, vor allem wegen der Sprachschwierigkeiten. Hatte ich doch gerade erst ein Jahr Englisch gelernt. An die Panik der ersten Tage in Amerika erinnere ich mich noch gut. Gefühlt verstand ich 20 Prozent aller Gepräche, aber jeder meinte, ich verstünde alles und redete munter auf mich ein. Das gleiche Gefühl habe ich nun beim Hören meiner Spanisch-CD. Es wird also wieder ein heftiger Neuanfang werden. 
Vielleicht kann ich mit der Erfahrung, dass es am Ende immer leichter wird, als man vermutet, meine Anfangspanik diesmal etwas eingrenzen. Doch es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, die Reise entspannt anzutreten.
Fast vier Monate in einem völlig anderen Umfeld zu leben und zu arbeiten, das ist einfach eine neue Dimension für mich. 

Donnerstag, 16. August 2018

Zum ersten, zum zweiten, zum...

...dritten Mal.
Eine ganzes Jahr.
Frei.
Seit vielen Monaten wieder die Fragen: Und (Pause) was machst du? Schon Pläne? Wohin reist du diesmal?
Wenn ich dann zurückblicke, gab es jeweils eine größere Reise, die nie länger als zwei Monate dauerte. Diesmal plane ich drei Monate Bolivien Anfang 2019. Ist also noch bisschen Zeit und Genaueres schreibe ich erst, wenn ich mein Visum habe.
Bleiben immerhin noch 12 minus 3 minus 1(Urlaubsmonat August), also acht Monate zum Ausfüllen.
Mein Hauptanliegen wird natürlich, der geplanten Reise wegen, der Erwerb anwendbarer Spanischkenntnisse sein. Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer Wünsche, doch diesmal will ich mich mehr treiben lassen und warten, was so in meinem entspannten Hirn aufblitzt. Da zieht im Prinzip nie richtig Ruhe ein und heute früh beschäftigten mich beispielsweise wieder die Falläpfel, die ich geschenkt bekommen habe. Außerdem habe ich meine beleuchtete Scan Box fertig gebaut, welche nun dringend erprobt werden musste. So kann ich einfach mal eine Stunde wach daliegen, dann mit einer Kanne Tee wieder ins Bett gehen und eine Stunde später den Kurzfilm “Stummer Schrei “ drehen.


Im Sommer voller Trockenheit
so manches Früchtchen nicht gedeiht.
Drum gießt und trinkt und macht euch nass
und stöhnt und schwitzt, doch habt auch Spaß!

Sonntag, 31. Dezember 2017