Donnerstag, 13. Dezember 2018

Was hast du denn bisher gemacht? - Reisevorbereitungen

Was hast du denn bis jetzt so gemacht?

Schon so lange frei, und noch kein Blogeintrag…
Das letzte Vierteljahr war einfach so gut ausgefüllt, dass ich keine Lust zum Schreiben hatte.
Im November habe ich 17 Konzerte bei den Jazztagen begleitet und zahlreiche Musiker vor und hinter der Bühne erleben dürfen. 
Seit September lerne ich Spanisch. 
Meine digitalen Fotos sind endlich aussortiert und geordnet. Übrigens: Hätten wir uns im Zeitalter der analogen Fotografie vorstellen können, mehr als 10 000 Papierbilder zu Hause zu lagern? 
Weiterhin scanne ich derzeit alle meine Unterrichtsvorbereitungen ein und schaffe mir ein digitales Archiv. Manchmal bin ich erstaunt, was ich mir in 30 Arbeitsjahren so ausgedacht habe. Viele Ideen lagern seit Jahrzehnten ungenutzt in Pappordnern, weil im laufenden Arbeitsalltag oft die Zeit zum Heraussuchen fehlt. Bin gespannt, ob sich der Zugriff auf den Ideenpool bessert, wenn alles sofort digital abrufbar ist.


Reisevorbereitungen

Aber der Streik bei der Bahn und meine zweistündige Verspätung waren Grund genug, endlich über den Stand der Reisevorbereitungen für Bolivien zu berichten.
Hin- und Rückflug sind gebucht. Von Ende Januar bis Mitte Mai werde ich in Südamerika sein. Da ich in Bolivien nicht nur touristisch unterwegs sein will, benötigte ich ein Arbeitsvisum. Um das zu erringen, waren einige Hürden zu überwinden. Die Website der Botschaft (auf Spanisch/Englisch) hat mich zunächst in die Irre geführt und ich habe einen Monat vergebens auf eine Antwort auf meinen vermeintlich online abgeschickten Visaantrag gewartet. Ein Anruf bei der Botschaft klärte Einiges, doch stets fehlten Formulare. Schließlich musste ich noch Gehalts- und Impfnachweis sowie ein polizeiliches Führungszeugnis erbringen.
Relativ problemlos läuft dagegen das Spanischlernen. Je mehr Unterricht ich jedoch nehme, desto mehr wird mir bewusst, was ich alles nicht weiß und noch brauche.
Schließlich telefonierte ich mit meiner zukünftigen Wirkungsstätte, der Deutschen Schule in Santa Cruz. Als Praktikantin hatte ich mich beworben, aber sie wollen mich gern in Vollzeit. Ich habe auf meine letzte Mail noch keine Rückmeldung und werde wohl erst vor Ort meinen genauen Einsatz erfahren. 
Für die lange Zeit meiner Abwesenheit in Dresden habe ich inzwischen zuverlässige Zwischenmieter im Freundeskreis gefunden. Meine Unterkunft in Santa Cruz ist noch nicht in Sicht. Da ich allerdings eine Woche vor Arbeitsbeginn dort anreisen werde, kann ich zur Not zuerst im Hostel übernachten und vor Ort etwas suchen.
Abenteuerlich wird das auf jeden Fall. Auf mein Praktikum vor zehn Jahren in den USA blicke ich inzwischen sehr entspannt und mit Freude zurück. Damals war ich vor Reiseantritt mächtig aufgeregt, vor allem wegen der Sprachschwierigkeiten. Hatte ich doch gerade erst ein Jahr Englisch gelernt. An die Panik der ersten Tage in Amerika erinnere ich mich noch gut. Gefühlt verstand ich 20 Prozent aller Gepräche, aber jeder meinte, ich verstünde alles und redete munter auf mich ein. Das gleiche Gefühl habe ich nun beim Hören meiner Spanisch-CD. Es wird also wieder ein heftiger Neuanfang werden. 
Vielleicht kann ich mit der Erfahrung, dass es am Ende immer leichter wird, als man vermutet, meine Anfangspanik diesmal etwas eingrenzen. Doch es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, die Reise entspannt anzutreten.
Fast vier Monate in einem völlig anderen Umfeld zu leben und zu arbeiten, das ist einfach eine neue Dimension für mich. 

Donnerstag, 16. August 2018

Zum ersten, zum zweiten, zum...

...dritten Mal.
Eine ganzes Jahr.
Frei.
Seit vielen Monaten wieder die Fragen: Und (Pause) was machst du? Schon Pläne? Wohin reist du diesmal?
Wenn ich dann zurückblicke, gab es jeweils eine größere Reise, die nie länger als zwei Monate dauerte. Diesmal plane ich drei Monate Bolivien Anfang 2019. Ist also noch bisschen Zeit und Genaueres schreibe ich erst, wenn ich mein Visum habe.
Bleiben immerhin noch 12 minus 3 minus 1(Urlaubsmonat August), also acht Monate zum Ausfüllen.
Mein Hauptanliegen wird natürlich, der geplanten Reise wegen, der Erwerb anwendbarer Spanischkenntnisse sein. Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer Wünsche, doch diesmal will ich mich mehr treiben lassen und warten, was so in meinem entspannten Hirn aufblitzt. Da zieht im Prinzip nie richtig Ruhe ein und heute früh beschäftigten mich beispielsweise wieder die Falläpfel, die ich geschenkt bekommen habe. Außerdem habe ich meine beleuchtete Scan Box fertig gebaut, welche nun dringend erprobt werden musste. So kann ich einfach mal eine Stunde wach daliegen, dann mit einer Kanne Tee wieder ins Bett gehen und eine Stunde später den Kurzfilm “Stummer Schrei “ drehen.


Im Sommer voller Trockenheit
so manches Früchtchen nicht gedeiht.
Drum gießt und trinkt und macht euch nass
und stöhnt und schwitzt, doch habt auch Spaß!

Sonntag, 31. Dezember 2017

Samstag, 26. Dezember 2015

Die geheimnisvollen Bewohner der Marmorkekse - Kalender 2016

Januar 2016
Februar 2016
















März 2016
April 2016
Mai 2016
Juni 2016
Juli 2016
August 2016
September 2016
Oktober 2016
November 2016
Dezember 2016





     






Ich wünsche euch für 2016 viel Entdeckerfreude. Hier könnt ihr gleich mal anfangen, Scharlin und die anderen zu suchen.
Alles Gute von Kerstin!

Montag, 29. Dezember 2014

Das Experiment

Lange habe ich nichts von mir lesen lassen. Seit August arbeite ich wieder und die freie Zeit wird für die nächsten vier Jahre etwas knapper. Das dritte Sabbatjahr beginnt im Sommer 2018.
Das letzte, welches in diesem Sommer endete, wirkt aber mit einem Projekt bis heute.
Mein Experiment bestand darin, das gesamte Kalenderjahr 2014 keine Klamotten, Schuhe, Schmuck, Taschen o.ä. zu kaufen.
Die Idee hatte ich schon öfter, meist in Zeiten eines Umzugs oder im Frühjahr und Herbst, wenn man seine Garderobe wechselt und natürlich auf Reisen, wo man mit wenigen Dingen sehr zufrieden und gut versorgt ist.
Heute kann ich feststellen: überhaupt kein Problem, so ein Jahr Konsumverzicht!
Ich habe wirklich nichts gekauft. Überraschenderweise hat es keine Überwindung gekostet, Stadtbummel sind anders geworden. Ein Schaufenster sendet keine Signale, es existiert quasi nur als Deko. Auch beim Reisen in andere Länder änderte sich daran nichts.
Ausnahmen?
Ich habe ein Tuch und Ohrringe als Geschenk für jemanden erstanden.
Nähgarn musste ich kaufen, weil ich ein paar Klamotten geändert habe bzw. Stoffe aus meiner Truhe durchgeschaut und verarbeitet.
Als ich mir eine Schwimmbrille zulegte, protestierte mein Sohn, ich wolle doch gar nichts kaufen. Aber das habe ich als Sportgerät verteidigt.
Im Laufe des Jahres, als sich beispielsweise meine Hausschuhe auflösten oder die Jeans durchgewetzt waren, habe ich ein paar Mal gedacht: Nächstes Jahr kannst du dir das dann wieder kaufen.
Durch die lange Bedenkzeit kamen mir zuvor immer andere Ideen. Die Sommerschuhe aus Stoff eignen sich (geputzt) ab Herbst super als Hausschuhe, die Jeans sind jetzt kurze Sommerhosen. Es interessiert keinen, ob man drei, sieben oder 15 lange Hosen besitzt - außer uns selbst. Anziehen können wir immer nur eine davon.
Positive Effekte des Experiments
Nr.1
Man spart viel Zeit, die man sonst beim Shoppen vertrödelt.
Nr.2
Wenn man weniger zur Auswahl hat, geht das Kofferpacken schneller.
Nr.3
Man wird kreativ, um den angeblichen "Mangel" auszugleichen.
Nr.4
Man braucht weniger Platz im Schrank.
Nr.5
Man beginnt, seine Sachen anders zu kombinieren, um Abwechslung zu haben.
Nr.6
Gespartes Geld kann man für Kultur und Bildung investieren. So habe ich mit Freude eine Dresdner Musikerin, den deutsch-amerikanischen Jugendaustausch und ein Festival unterstützt. Das macht mich zufriedener als drei neue T-Shirts zu kaufen.
Fazit
Irgendwie möchte ich diese Sache noch weiter testen. Vielleicht, indem ich in jedem Vierteljahr nur ein Teil kaufe? Oder bis zum Sommer gar nichts? Bis zum Jahreswechsel werde ich noch darüber nachsinnen. Vielleicht habt ihr auch eine gute Idee?
Nachmachen ist natürlich erlaubt.
Andererseits verstehe ich gut, wenn manch einer das nicht nachmachen will oder kann.
Auch ich habe meine schwache Stelle.
Süßigkeiten sind nämlich genauso verzichtbar wie zu viele Klamotten... Und erst die zu erwartenden positiven Effekte für Gewicht und Gesundheit...
In diesem Sinne, tut euch keinen Zwang an und startet gut gelaunt ins neue Jahr.
Aber experimentiert mal. Womit auch immer.
Viel Vergnügen dabei wünscht euch Kerstin!


Montag, 14. Juli 2014

Ein Jahr geht zu Ende

Nein, es ist noch nicht Silvester. Aber mein freies Jahr nähert sich seinem Ende.
Zwei Tage nach meiner Rückkehr aus Dänemark startete ich - diesmal planmäßig - Richtung Belgien zu einer langjährigen Freundin und ehemaligen Kollegin.
Mit einem guten Buch und etlichen Zwischenstopps schafft man es in ca. neun Stunden mit Flixbus von Dresden nach Köln. Beim Halt in Göttingen machte ich vor dem Bahnhof gleich zwei Entdeckungen. Ein kleiner, mit Luft gefüllter Kegel wies auf die Entdeckung des Zwergplaneten Ceres hin und die riesige Fahrradparkfläche auf junges, studentisches Leben. Wer aber nutzt wohl die neu eröffnete Fahrradwaschanlage?

Studenten, die meist knapp bei Kasse sind, doch bestimmt nicht. Die Pause war zu kurz, dies zu erforschen und weiter gings bis Dortmund, wo acht partybereite Jugendliche mit Migrationshintergrund zustiegen. Nach einem lustigen Schlagabtausch mit dem Busfahrer setzten sie sich neben mich und die älteren Damen ringsum. Kurz darauf amüsierten sie sich bereit herzhaft über unsere sächsische Sprache und versuchten ein paar Sprüche im gleichen Dialekt. Aber die Zeit bis Köln reichte leider nur fürs "nu".
Nach einer Stunde Zugfahrt hatte ich es dann auch von Köln nach Aachen geschafft, wo ich von meiner Freundin und ihrer vierjährigen Tochter mit dem Auto abgeholt wurde, um die Grenze nach Belgien zu überqueren und eine halbe Stunde später in Eupen am Ziel zu sein.
Bereits im Auto bekam ich "Alle meine Entchen" auf Französisch vorgesungen. Allerdings war ich mit "Alouette" in Vorleistung gegangen. An den nächsten Tagen sollte ich noch oft Gelegenheit haben, die zweisprachige Erziehung zu belauschen. Ein besonderes Geschenk für einen halben Tag Babysitten waren gemixte Sätze wie:
Leg die Jacke in meinen voiture (Wagen).
Je veux (ich will) ein Brot.
Pegas (Pegasus) will in den jardin (Garten).
Ich bin aber fatigué (müde).
Als ich einmal abends ein französisches Kinderbuch vorlas, hörte die kleine Dame geduldig meiner Stotterei zu und bemerkte hinterher: Mein Papa kann das am besten vorlesen.
Sehr diplomatisch. Ich saß gern daneben und lauschte, wenn Vater und Tochter mit Playmobil in Rollenspiele vertieft waren und eine helle Kinderstimme so einen perfekte französischen Klang zauberte.
Im Kindergarten und der Schule, die ich auch besuchen durfte, wird jedoch Deutsch gesprochen, wie in der gesamten deutschsprachigen Gemeinde nahe der Grenze.
Beim Bäcker und im Finanzamt kann man sich die Sprache aussuchen und bei letzterem auch gleich mit seinen Belegen anrücken und die Steuererklärung vom Beamten ausfüllen lassen.
Typisch belgisch ist noch die Schokolade, wovon ich mich in der Chocolaterie Jacques in Eupen überzeugen konnte. Ein kleines Museum und gläserne Produktion waren sehr einladend. Zur Eintrittskarte gabs gleich Schokolade und unter all den Maschinen und Automaten natürlich sächsische Wertarbeit. Auch in Dresden gefertigtes Gerät war ausgestellt!
Frites (Pommes) und Kriek (Kirschbier) habe ich bei unserem Ausflug nach Liège (Lüttich) genossen und damit zwei weitere kulinarische Spezialitäten getestet. Lecker! Neben historischen Bauten in der Stadt an der Maas war das moderne, überdimensionierte Bahnhofsgebäude eine wahre Überraschung für mich.
Interessant waren vor allem aber die vielen Fachsimpeleien über Schulpolitik in Sachsen und NRW, wo meine Freundin als Grenzgängerin arbeitet und mehr Zuwanderer als Deutsche unterrichtet. Interessant auch, mit welchen Konflikten sich ihr Partner als Polizist in Brüssel befassen muss. Und dieses Thema brachte uns dann irgendwie zur Musik und zu Stromae, den ich bisher als Franzosen wähnte, der aber einer der bekanntesten belgischen Musiker ist.
Schließlich verbrachte ich noch einen halben Tag in Aachen, welches ich erstmals besuchte und mir mit tausenden Pilgern teilen musste.
Auf der Rückreise landete ich schon früh Viertel Sieben in Köln und war erstaunt, dass Rossmann auf dem Bahnhof bereits geöffnet hatte. Mit einem heißen Tee und frischem Gebäck sowie zwei neuen Büchern trat ich die Heimfahrt im Bus an.
Schön wars wieder und Bilder gibts hier.

Dienstag, 24. Juni 2014

Dänische Reise

Ganz überraschend war ich eine Woche in Dänemark. Keiner von euch hat eine Postkarte bekommen. Meine Mission als Nanny, Chauffeur und Geburtshelfer hat mir dazu keine Zeit gelassen. Deshalb gibt es als Entschädigung nun die wunderbare Geschichte meiner Krankenhaus-Expedition nach Kolding.
Der Beginn war allerdings alles andere als wunderbar, eher sehr kritisch.
Gute Freunde erwarten ihr zweites Kind. Die werdende Mama wird in der 33. Woche mit Schwangerschaftsvergiftung ins Krankenhaus eingewiesen. Zu Hause bleiben ein vierjähriger Sohn, ein Hund und ein Ehemann, der 300 km entfernt arbeitet, mit bangen Fragen zurück .
Also schaute ich in meinen Kalender und kaufte ein Zugticket, denn Kind und Hund sind so wohlerzogen, dass ich mich auf die Spaziergänge mit ihnen am Vejle Fjord schon freute.
Die größte Herausforderung für mich war das Fahren fremder Autos. Wer mich kennt, weiß, wie ängstlich ich diese Aufgabe versuche zu vermeiden. Gleich am Bahnhof Vejle durfte ich uns nach Hause chauffieren. Im BMW Cabrio! Dank einem Uralt-Navi habe ich mich nicht einmal verfahren. Die Verkehrsregeln sind so simpel wie: Wenn kein Verkehrsschild da steht, hast du Vorfahrt.
Am nächsten Morgen düste ich mit Sohnemann zur Spielgruppe der ansässigen Kirchgemeinde und nachmittags ins 35 km entfernte Krankenhaus nach Kolding.
Die werdende Mama freute sich, ließ sich im Rollstuhl zum Kiosk fahren und spendierte uns ein Eis. Während dieses kleinen Ausflugs bemerkte ich bereits, dass dieses Gebäude im Vergleich zu deutschen Kliniken überraschend anders war. In den Gängen kamen uns Krankenschwestern auf dreirädrigen Rollern entgegen geflitzt, an der Cafeteria überholte uns jemand mit dem Fahrrad und in den Fahrstuhl fuhr ein Elektroauto mit Anhänger. Da ich auf Wunsch der Schwangeren Saure Eier gekocht und mitgebracht hatte, aßen wir noch gemeinsam im Speiseraum Abendbrot. Dieser war mit Geschirr, Mikrowelle, Wasserspender, Kaffeeautomat und gefülltem Getränke - Kühlschrank vorzüglich ausgestattet.
Als Notfall - Patientin muss meine Freundin nichts für ihre Behandlung oder das Essen bezahlen . Mit der Sozialversicherungsnummer kann jeder Däne kostenlos das Internet in der Klinik nutzen. Die Besucher können in einem extra Speiseraum Essen kaufen und hier mit ihren Angehörigen gemeinsam sitzen und sich wie im Restaurant fühlen.
Als wir uns verabschiedeten, wusste ich meine Freundin sehr gut aufgehoben. Die Hebammen und Krankenschwestern sprachen alle entweder deutsch oder englisch. Für meine Freundin war dies weniger wichtig, da sie des Dänischen mächtig ist. Aber für mich sollte es noch an Bedeutung gewinnen.
Am zweiten Besuchstag, eine knappe Woche vor dem geplanten Kaiserschnitt, teilte die Patientin mir freudig mit, dass sie zur Aktivierung ihres Kreislaufs heute zum Eis - Kiosk laufen würde. Hätte ihr die Hebamme empfohlen. Bevor wir starteten, wollten wir noch die Einkaufsliste für das Frühchen schreiben. Der zukünftige große Bruder spielte derweil friedlich in der Ecke.
Da entfuhr der werdenden Mama ein verstörter Seufzer und binnen Sekunden vergrößerte sich der tiefrote Kreis auf dem Bett. Die herbeigerufene Hebamme fragte auf den verzweifelten Ausruf "Ich blute!" nur "Wo?". Meine Gedanken überschlugen sich. Oh Gott, was ist mit dem Baby? Wo gehe ich jetzt schnell mit dem Vierjährigen hin? Ich muss den Papa anrufen! Wie zum Teufel kann meine Freundin jetzt so beherrscht bleiben, mit der Hebamme dänisch reden und ihren Sohn mit deutschen Worten beruhigen? In ihren Augen sehe ich aber sehr wohl die Panik, welche sie erfasst hat.
"Die Mama muss untersucht werden und wir beide gehen jetzt Eis essen." Diesen Vorschlag akzeptiert er sofort. Mit meiner EC-Karte zahle ich umgerechnet 4,50 € für zwei Wassereis. Draußen rufe ich den werdenden Papa an, der noch 300 km vor sich hat und sofort startet.
Zurück im Krankenzimmer treffen wir nur noch die Mitpatientin, welche mir auf Englisch sagt, dass das Handy am Bett geklingelt hat. Ich nehme es an mich und lasse den Vierjährigen auf dem Tablet Märchen spielen, während ich dem besorgten Papa eine SMS schreibe.
Die Hebamme teilt uns mit, dass sie in einer Stunde Neues wüsste und so gehen wir noch zum Spielplatz. Von dort zurück, möchte ich sie fragen, ob die Mama im Kreißsaal telefonieren kann und reiche ihr unsicher das Handy. Sie schüttelt den Kopf und schickt uns beide mit den Telefonen in ein Zimmer. Was ist das? Wir sind im Kreißsaal bei der Risiko-Schwangeren, die schon aller drei Minuten Wehen bekommt. Wir dürfen telefonieren, bekommen Stühle und Saft angeboten. Der Sohnemann freut sich über die ihm spendierte Schokolade und meine Freundin erklärt mir, dass sie ihr Mädchen auf natürlichem Wege bekommen möchte und zunächst kein Kaiserschnitt gemacht werden soll. Ich verspreche, bis zur Ankunft ihres Mannes dazubleiben. Gewissenhaft schaut der Junior auf die Messinstrumente und reicht seiner Mama zu Beginn jeder Wehe die Sauerstoffmaske. Während der nächsten Untersuchung gehe ich mit dem Jungen Abendbrot essen. Als wir zurück ins Zimmer kommen, ist der Papa da und die Wehen sind schon so heftig, dass es Zeit für uns ist, abzufahren und die Eltern allein zu lassen. Als ich den großen Bruder endlich schlafend im Bett habe, bekomme ich die erlösende Nachricht. Julia ist geboren. 47cm lang und fast zwei Kilo leicht. Der Notkaiserschnitt ließ sich nicht vermeiden, aber sie atmet selbstständig!
Am folgenden Tag kann ich meine Freundin voller Erleichterung in die Arme schließen. Die schlimmsten Befürchtungen sind vorüber. Das kleine Menschlein liegt auf der Intensivstation im Inkubator und bekommt Nahrung über eine Magensonde.







Als Nanny werde ich den großen Bruder unterhalten, während Papa und Mama bei ihrem Winzling sind. Falsch gedacht! Wer Hände wäscht und desinfiziert, darf reinkommen. Ich darf den neuen Erdenbürger sogar streicheln! Bruder und Schwester bekommen jeder ein Kuscheltier geschenkt. Die Hebammen und Schwestern sind entspannt. Keine Spur von Hektik, immer ein Lächeln im Gesicht. Steht einer von uns im Weg, gehen sie einfach drumherum. Big Brother spielt still neben Kabeln und Schläuchen, drückt auch mal die Knöpfe, um das Bett hoch- und runterzufahren. Der Papa füttert Muttermilch über die Sonde. Geduldig erklärt die Schwester, was dabei zu beachten ist. Sogar ich darf einmal Schwester spielen und füttern. So viel Vertrauen in die Patienten und Familien setzt man hier. Das ist eine gute Philosophie. Die Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind, deshalb werden sie in alles einbezogen. Wir dürfen die Mama im Bett von Station zu Station fahren. Der Papa darf die Milchpumpe holen, die Mama darf in Eigenverantwortung ihre Medikamente einnehmen und die Fieberkurve notieren. War etwas unklar, darf man jederzeit klingeln und nachfragen. Nie habe ich ein genervtes Gesicht erlebt. Keine Tür war verschlossen. Im Prinzip kann ich ohne Anmeldung von der Straße in jedes Zimmer gelangen. Da ich mit den Angehörigen kam, hat man Vertrauen. Ein weiterer Fakt wird der gute Patientenschlüssel sein. In Kolding arbeiten allein 90 Hebammen. Mutter und Kind werden bei einer Frühgeburt bis zum eigentlichen Geburtstermin im Krankenhaus weiterbetreut. Am Ende mutet es eher an wie ein Hotel, denn die letzten Nächte dürfen Geschwister mit im Zimmer der Mama übernachten. Das kostet den Staat natürlich eine Menge. Aber die Dänen haben ihre hohen Steuern hier vorzüglich investiert, finde ich.
An den nächsten beiden Besuchstagen war das Personal dann noch damit beschäftigt, der mitgebrachten Babypuppe des großen Bruders ebenfalls eine Magensonde zu legen, Spritze, Milchflasche und Klebeband zu schenken.o
Zu guter Letzt bot mir die Hebamme der ersten Stunde noch an, mein Busticket für die Heimreise auszudrucken, weil unser Drucker nicht funktionierte.
Nachdem ich zu Hause all die dänischen Wunder berichtet habe, meinte Willi:
Wird seine Gründe haben, warum die Dänen das glücklichste Volk sind...