Sonntag, 31. Dezember 2017

Samstag, 26. Dezember 2015

Die geheimnisvollen Bewohner der Marmorkekse - Kalender 2016

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Ich wünsche euch für 2016 viel Entdeckerfreude. Hier könnt ihr gleich mal anfangen, Scharlin und die anderen zu suchen.
Alles Gute von Kerstin!

Montag, 29. Dezember 2014

Das Experiment

Lange habe ich nichts von mir lesen lassen. Seit August arbeite ich wieder und die freie Zeit wird für die nächsten vier Jahre etwas knapper. Das dritte Sabbatjahr beginnt im Sommer 2018.
Das letzte, welches in diesem Sommer endete, wirkt aber mit einem Projekt bis heute.
Mein Experiment bestand darin, das gesamte Kalenderjahr 2014 keine Klamotten, Schuhe, Schmuck, Taschen o.ä. zu kaufen.
Die Idee hatte ich schon öfter, meist in Zeiten eines Umzugs oder im Frühjahr und Herbst, wenn man seine Garderobe wechselt und natürlich auf Reisen, wo man mit wenigen Dingen sehr zufrieden und gut versorgt ist.
Heute kann ich feststellen: überhaupt kein Problem, so ein Jahr Konsumverzicht!
Ich habe wirklich nichts gekauft. Überraschenderweise hat es keine Überwindung gekostet, Stadtbummel sind anders geworden. Ein Schaufenster sendet keine Signale, es existiert quasi nur als Deko. Auch beim Reisen in andere Länder änderte sich daran nichts.
Ausnahmen?
Ich habe ein Tuch und Ohrringe als Geschenk für jemanden erstanden.
Nähgarn musste ich kaufen, weil ich ein paar Klamotten geändert habe bzw. Stoffe aus meiner Truhe durchgeschaut und verarbeitet.
Als ich mir eine Schwimmbrille zulegte, protestierte mein Sohn, ich wolle doch gar nichts kaufen. Aber das habe ich als Sportgerät verteidigt.
Im Laufe des Jahres, als sich beispielsweise meine Hausschuhe auflösten oder die Jeans durchgewetzt waren, habe ich ein paar Mal gedacht: Nächstes Jahr kannst du dir das dann wieder kaufen.
Durch die lange Bedenkzeit kamen mir zuvor immer andere Ideen. Die Sommerschuhe aus Stoff eignen sich (geputzt) ab Herbst super als Hausschuhe, die Jeans sind jetzt kurze Sommerhosen. Es interessiert keinen, ob man drei, sieben oder 15 lange Hosen besitzt - außer uns selbst. Anziehen können wir immer nur eine davon.
Positive Effekte des Experiments
Nr.1
Man spart viel Zeit, die man sonst beim Shoppen vertrödelt.
Nr.2
Wenn man weniger zur Auswahl hat, geht das Kofferpacken schneller.
Nr.3
Man wird kreativ, um den angeblichen "Mangel" auszugleichen.
Nr.4
Man braucht weniger Platz im Schrank.
Nr.5
Man beginnt, seine Sachen anders zu kombinieren, um Abwechslung zu haben.
Nr.6
Gespartes Geld kann man für Kultur und Bildung investieren. So habe ich mit Freude eine Dresdner Musikerin, den deutsch-amerikanischen Jugendaustausch und ein Festival unterstützt. Das macht mich zufriedener als drei neue T-Shirts zu kaufen.
Fazit
Irgendwie möchte ich diese Sache noch weiter testen. Vielleicht, indem ich in jedem Vierteljahr nur ein Teil kaufe? Oder bis zum Sommer gar nichts? Bis zum Jahreswechsel werde ich noch darüber nachsinnen. Vielleicht habt ihr auch eine gute Idee?
Nachmachen ist natürlich erlaubt.
Andererseits verstehe ich gut, wenn manch einer das nicht nachmachen will oder kann.
Auch ich habe meine schwache Stelle.
Süßigkeiten sind nämlich genauso verzichtbar wie zu viele Klamotten... Und erst die zu erwartenden positiven Effekte für Gewicht und Gesundheit...
In diesem Sinne, tut euch keinen Zwang an und startet gut gelaunt ins neue Jahr.
Aber experimentiert mal. Womit auch immer.
Viel Vergnügen dabei wünscht euch Kerstin!


Montag, 14. Juli 2014

Ein Jahr geht zu Ende

Nein, es ist noch nicht Silvester. Aber mein freies Jahr nähert sich seinem Ende.
Zwei Tage nach meiner Rückkehr aus Dänemark startete ich - diesmal planmäßig - Richtung Belgien zu einer langjährigen Freundin und ehemaligen Kollegin.
Mit einem guten Buch und etlichen Zwischenstopps schafft man es in ca. neun Stunden mit Flixbus von Dresden nach Köln. Beim Halt in Göttingen machte ich vor dem Bahnhof gleich zwei Entdeckungen. Ein kleiner, mit Luft gefüllter Kegel wies auf die Entdeckung des Zwergplaneten Ceres hin und die riesige Fahrradparkfläche auf junges, studentisches Leben. Wer aber nutzt wohl die neu eröffnete Fahrradwaschanlage?

Studenten, die meist knapp bei Kasse sind, doch bestimmt nicht. Die Pause war zu kurz, dies zu erforschen und weiter gings bis Dortmund, wo acht partybereite Jugendliche mit Migrationshintergrund zustiegen. Nach einem lustigen Schlagabtausch mit dem Busfahrer setzten sie sich neben mich und die älteren Damen ringsum. Kurz darauf amüsierten sie sich bereit herzhaft über unsere sächsische Sprache und versuchten ein paar Sprüche im gleichen Dialekt. Aber die Zeit bis Köln reichte leider nur fürs "nu".
Nach einer Stunde Zugfahrt hatte ich es dann auch von Köln nach Aachen geschafft, wo ich von meiner Freundin und ihrer vierjährigen Tochter mit dem Auto abgeholt wurde, um die Grenze nach Belgien zu überqueren und eine halbe Stunde später in Eupen am Ziel zu sein.
Bereits im Auto bekam ich "Alle meine Entchen" auf Französisch vorgesungen. Allerdings war ich mit "Alouette" in Vorleistung gegangen. An den nächsten Tagen sollte ich noch oft Gelegenheit haben, die zweisprachige Erziehung zu belauschen. Ein besonderes Geschenk für einen halben Tag Babysitten waren gemixte Sätze wie:
Leg die Jacke in meinen voiture (Wagen).
Je veux (ich will) ein Brot.
Pegas (Pegasus) will in den jardin (Garten).
Ich bin aber fatigué (müde).
Als ich einmal abends ein französisches Kinderbuch vorlas, hörte die kleine Dame geduldig meiner Stotterei zu und bemerkte hinterher: Mein Papa kann das am besten vorlesen.
Sehr diplomatisch. Ich saß gern daneben und lauschte, wenn Vater und Tochter mit Playmobil in Rollenspiele vertieft waren und eine helle Kinderstimme so einen perfekte französischen Klang zauberte.
Im Kindergarten und der Schule, die ich auch besuchen durfte, wird jedoch Deutsch gesprochen, wie in der gesamten deutschsprachigen Gemeinde nahe der Grenze.
Beim Bäcker und im Finanzamt kann man sich die Sprache aussuchen und bei letzterem auch gleich mit seinen Belegen anrücken und die Steuererklärung vom Beamten ausfüllen lassen.
Typisch belgisch ist noch die Schokolade, wovon ich mich in der Chocolaterie Jacques in Eupen überzeugen konnte. Ein kleines Museum und gläserne Produktion waren sehr einladend. Zur Eintrittskarte gabs gleich Schokolade und unter all den Maschinen und Automaten natürlich sächsische Wertarbeit. Auch in Dresden gefertigtes Gerät war ausgestellt!
Frites (Pommes) und Kriek (Kirschbier) habe ich bei unserem Ausflug nach Liège (Lüttich) genossen und damit zwei weitere kulinarische Spezialitäten getestet. Lecker! Neben historischen Bauten in der Stadt an der Maas war das moderne, überdimensionierte Bahnhofsgebäude eine wahre Überraschung für mich.
Interessant waren vor allem aber die vielen Fachsimpeleien über Schulpolitik in Sachsen und NRW, wo meine Freundin als Grenzgängerin arbeitet und mehr Zuwanderer als Deutsche unterrichtet. Interessant auch, mit welchen Konflikten sich ihr Partner als Polizist in Brüssel befassen muss. Und dieses Thema brachte uns dann irgendwie zur Musik und zu Stromae, den ich bisher als Franzosen wähnte, der aber einer der bekanntesten belgischen Musiker ist.
Schließlich verbrachte ich noch einen halben Tag in Aachen, welches ich erstmals besuchte und mir mit tausenden Pilgern teilen musste.
Auf der Rückreise landete ich schon früh Viertel Sieben in Köln und war erstaunt, dass Rossmann auf dem Bahnhof bereits geöffnet hatte. Mit einem heißen Tee und frischem Gebäck sowie zwei neuen Büchern trat ich die Heimfahrt im Bus an.
Schön wars wieder und Bilder gibts hier.

Dienstag, 24. Juni 2014

Dänische Reise

Ganz überraschend war ich eine Woche in Dänemark. Keiner von euch hat eine Postkarte bekommen. Meine Mission als Nanny, Chauffeur und Geburtshelfer hat mir dazu keine Zeit gelassen. Deshalb gibt es als Entschädigung nun die wunderbare Geschichte meiner Krankenhaus-Expedition nach Kolding.
Der Beginn war allerdings alles andere als wunderbar, eher sehr kritisch.
Gute Freunde erwarten ihr zweites Kind. Die werdende Mama wird in der 33. Woche mit Schwangerschaftsvergiftung ins Krankenhaus eingewiesen. Zu Hause bleiben ein vierjähriger Sohn, ein Hund und ein Ehemann, der 300 km entfernt arbeitet, mit bangen Fragen zurück .
Also schaute ich in meinen Kalender und kaufte ein Zugticket, denn Kind und Hund sind so wohlerzogen, dass ich mich auf die Spaziergänge mit ihnen am Vejle Fjord schon freute.
Die größte Herausforderung für mich war das Fahren fremder Autos. Wer mich kennt, weiß, wie ängstlich ich diese Aufgabe versuche zu vermeiden. Gleich am Bahnhof Vejle durfte ich uns nach Hause chauffieren. Im BMW Cabrio! Dank einem Uralt-Navi habe ich mich nicht einmal verfahren. Die Verkehrsregeln sind so simpel wie: Wenn kein Verkehrsschild da steht, hast du Vorfahrt.
Am nächsten Morgen düste ich mit Sohnemann zur Spielgruppe der ansässigen Kirchgemeinde und nachmittags ins 35 km entfernte Krankenhaus nach Kolding.
Die werdende Mama freute sich, ließ sich im Rollstuhl zum Kiosk fahren und spendierte uns ein Eis. Während dieses kleinen Ausflugs bemerkte ich bereits, dass dieses Gebäude im Vergleich zu deutschen Kliniken überraschend anders war. In den Gängen kamen uns Krankenschwestern auf dreirädrigen Rollern entgegen geflitzt, an der Cafeteria überholte uns jemand mit dem Fahrrad und in den Fahrstuhl fuhr ein Elektroauto mit Anhänger. Da ich auf Wunsch der Schwangeren Saure Eier gekocht und mitgebracht hatte, aßen wir noch gemeinsam im Speiseraum Abendbrot. Dieser war mit Geschirr, Mikrowelle, Wasserspender, Kaffeeautomat und gefülltem Getränke - Kühlschrank vorzüglich ausgestattet.
Als Notfall - Patientin muss meine Freundin nichts für ihre Behandlung oder das Essen bezahlen . Mit der Sozialversicherungsnummer kann jeder Däne kostenlos das Internet in der Klinik nutzen. Die Besucher können in einem extra Speiseraum Essen kaufen und hier mit ihren Angehörigen gemeinsam sitzen und sich wie im Restaurant fühlen.
Als wir uns verabschiedeten, wusste ich meine Freundin sehr gut aufgehoben. Die Hebammen und Krankenschwestern sprachen alle entweder deutsch oder englisch. Für meine Freundin war dies weniger wichtig, da sie des Dänischen mächtig ist. Aber für mich sollte es noch an Bedeutung gewinnen.
Am zweiten Besuchstag, eine knappe Woche vor dem geplanten Kaiserschnitt, teilte die Patientin mir freudig mit, dass sie zur Aktivierung ihres Kreislaufs heute zum Eis - Kiosk laufen würde. Hätte ihr die Hebamme empfohlen. Bevor wir starteten, wollten wir noch die Einkaufsliste für das Frühchen schreiben. Der zukünftige große Bruder spielte derweil friedlich in der Ecke.
Da entfuhr der werdenden Mama ein verstörter Seufzer und binnen Sekunden vergrößerte sich der tiefrote Kreis auf dem Bett. Die herbeigerufene Hebamme fragte auf den verzweifelten Ausruf "Ich blute!" nur "Wo?". Meine Gedanken überschlugen sich. Oh Gott, was ist mit dem Baby? Wo gehe ich jetzt schnell mit dem Vierjährigen hin? Ich muss den Papa anrufen! Wie zum Teufel kann meine Freundin jetzt so beherrscht bleiben, mit der Hebamme dänisch reden und ihren Sohn mit deutschen Worten beruhigen? In ihren Augen sehe ich aber sehr wohl die Panik, welche sie erfasst hat.
"Die Mama muss untersucht werden und wir beide gehen jetzt Eis essen." Diesen Vorschlag akzeptiert er sofort. Mit meiner EC-Karte zahle ich umgerechnet 4,50 € für zwei Wassereis. Draußen rufe ich den werdenden Papa an, der noch 300 km vor sich hat und sofort startet.
Zurück im Krankenzimmer treffen wir nur noch die Mitpatientin, welche mir auf Englisch sagt, dass das Handy am Bett geklingelt hat. Ich nehme es an mich und lasse den Vierjährigen auf dem Tablet Märchen spielen, während ich dem besorgten Papa eine SMS schreibe.
Die Hebamme teilt uns mit, dass sie in einer Stunde Neues wüsste und so gehen wir noch zum Spielplatz. Von dort zurück, möchte ich sie fragen, ob die Mama im Kreißsaal telefonieren kann und reiche ihr unsicher das Handy. Sie schüttelt den Kopf und schickt uns beide mit den Telefonen in ein Zimmer. Was ist das? Wir sind im Kreißsaal bei der Risiko-Schwangeren, die schon aller drei Minuten Wehen bekommt. Wir dürfen telefonieren, bekommen Stühle und Saft angeboten. Der Sohnemann freut sich über die ihm spendierte Schokolade und meine Freundin erklärt mir, dass sie ihr Mädchen auf natürlichem Wege bekommen möchte und zunächst kein Kaiserschnitt gemacht werden soll. Ich verspreche, bis zur Ankunft ihres Mannes dazubleiben. Gewissenhaft schaut der Junior auf die Messinstrumente und reicht seiner Mama zu Beginn jeder Wehe die Sauerstoffmaske. Während der nächsten Untersuchung gehe ich mit dem Jungen Abendbrot essen. Als wir zurück ins Zimmer kommen, ist der Papa da und die Wehen sind schon so heftig, dass es Zeit für uns ist, abzufahren und die Eltern allein zu lassen. Als ich den großen Bruder endlich schlafend im Bett habe, bekomme ich die erlösende Nachricht. Julia ist geboren. 47cm lang und fast zwei Kilo leicht. Der Notkaiserschnitt ließ sich nicht vermeiden, aber sie atmet selbstständig!
Am folgenden Tag kann ich meine Freundin voller Erleichterung in die Arme schließen. Die schlimmsten Befürchtungen sind vorüber. Das kleine Menschlein liegt auf der Intensivstation im Inkubator und bekommt Nahrung über eine Magensonde.







Als Nanny werde ich den großen Bruder unterhalten, während Papa und Mama bei ihrem Winzling sind. Falsch gedacht! Wer Hände wäscht und desinfiziert, darf reinkommen. Ich darf den neuen Erdenbürger sogar streicheln! Bruder und Schwester bekommen jeder ein Kuscheltier geschenkt. Die Hebammen und Schwestern sind entspannt. Keine Spur von Hektik, immer ein Lächeln im Gesicht. Steht einer von uns im Weg, gehen sie einfach drumherum. Big Brother spielt still neben Kabeln und Schläuchen, drückt auch mal die Knöpfe, um das Bett hoch- und runterzufahren. Der Papa füttert Muttermilch über die Sonde. Geduldig erklärt die Schwester, was dabei zu beachten ist. Sogar ich darf einmal Schwester spielen und füttern. So viel Vertrauen in die Patienten und Familien setzt man hier. Das ist eine gute Philosophie. Die Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind, deshalb werden sie in alles einbezogen. Wir dürfen die Mama im Bett von Station zu Station fahren. Der Papa darf die Milchpumpe holen, die Mama darf in Eigenverantwortung ihre Medikamente einnehmen und die Fieberkurve notieren. War etwas unklar, darf man jederzeit klingeln und nachfragen. Nie habe ich ein genervtes Gesicht erlebt. Keine Tür war verschlossen. Im Prinzip kann ich ohne Anmeldung von der Straße in jedes Zimmer gelangen. Da ich mit den Angehörigen kam, hat man Vertrauen. Ein weiterer Fakt wird der gute Patientenschlüssel sein. In Kolding arbeiten allein 90 Hebammen. Mutter und Kind werden bei einer Frühgeburt bis zum eigentlichen Geburtstermin im Krankenhaus weiterbetreut. Am Ende mutet es eher an wie ein Hotel, denn die letzten Nächte dürfen Geschwister mit im Zimmer der Mama übernachten. Das kostet den Staat natürlich eine Menge. Aber die Dänen haben ihre hohen Steuern hier vorzüglich investiert, finde ich.
An den nächsten beiden Besuchstagen war das Personal dann noch damit beschäftigt, der mitgebrachten Babypuppe des großen Bruders ebenfalls eine Magensonde zu legen, Spritze, Milchflasche und Klebeband zu schenken.o
Zu guter Letzt bot mir die Hebamme der ersten Stunde noch an, mein Busticket für die Heimreise auszudrucken, weil unser Drucker nicht funktionierte.
Nachdem ich zu Hause all die dänischen Wunder berichtet habe, meinte Willi:
Wird seine Gründe haben, warum die Dänen das glücklichste Volk sind...

Dienstag, 6. Mai 2014

635 plus x


635 Kilometer plus x.
Hamburg - Dresden .
Neun Tage allein auf dem Rad.
Wunderbare Erfahrung!
Wer jetzt ungläubig den Kopf schüttelt, den kann ich sogar verstehen. Hätte mir selbst vor nicht all zu langer Zeit kaum vorstellen können, tagelang allein unterwegs zu sein. In Australien und Neuseeland reifte letztes Jahr das Gefühl, sich nicht einsam fühlen zu müssen, wenn man allein reist. Warum sollte dies in Deutschland nicht genauso möglich sein?
Deshalb fragte ich bei einigen Couchsurfer-Gastgebern (=hosts) an und fuhr ansonsten ins Blaue, um vor Ort nach einer Unterkunft zu schauen.
Eins
Nach einem gemütlichen Frühstück bei meiner Tochter startete ich freitags nach dem Mittag in Hamburg.
Auf Anraten meines Sohnes war ich technisch sogar mit einer Navigations-App ausgestattet. Nachdem ich eine gefühlte Stunde etwas orientierungslos durch Hamburg-Barmbek geradelt bin, fand ich den gesuchten Fluss und damit auch die ersten tollen Landschaften am Elbdeich.
Als Technik-Skeptikerin hatte ich noch immer Angst, meine Navigation könne ausfallen oder der Akku des Smartphones wäre vor Ankunft plötzlich leer und ich könne meine Gastgeber nicht mehr anrufen. Deshalb fuhr ich gleich mal 60 km in drei Stunden. Pausen gabs quasi nur an roten Ampeln. In Hohnsdorf/Lauenburg empfing mich Anja mit Tee, Kuchen und einer qualmenden Feuertonne. Direkt hinterm Deich versteckt durfte ich in einem liebevoll gestalteten Gutshaus einziehen, kochte für meine Hosts Fischsuppe und saß bis Mitternacht mit ihnen am Feuer.
Zwei
Morgens gabs selbstgebackenes Brot zum Frühstück.
Mit super Laune schwang ich mich in den Sattel, um durch nebelverhangene Wiesen zu radeln, Störche und Schafe zu treffen und einfach allein zu sein. Bei 5 Grad freut man sich, dass alle eingepackten Sachen ihre Berechtigung haben, wie z.B. Handschuhe, Stirnband und Skiunterhemd. Doch bald gabs Sonne und bei 13 Prozent Steigung am Kniepenberg kam ich mächtig ins Schwitzen. Dafür erwartete mich ein Aussichtspunkt mit Holzturm mit Blick aufs Elbtal. In Hitzacker setzte ich mich mit einem Latte beim Bäcker zu den Rentnern, schwatzte mit ihnen und fand das schon völlig normal. Ist man allein unterwegs, kommuniziert man viel gelassener. Man wird natürlich auch öfter angesprochen. Abends in Gorleben hatte ich stolze 85km in fünf Stunden absolviert und mietete mich im Kaminstübel ein. Ja, das Gorleben - Castor usw.
Aber an diesem Abend interessierten mich vorwiegend die Dusche und die Speisekarte. Buttertriefende Bratkartoffeln und Hausmachersülze, dazu eine Rhabarberschorle, umfallen und schlafen.
Drei
Am Frühstückstisch schenkt mir ein älterer Herr seinen Joghurt. Wir sind die einzigen Radler in der Pension und tauschen uns über Strecke und Sehenswürdigkeiten aus. Der Wirt empfiehlt mir, einmal Richtung Endlager und einmal Richtung Elbaue zu fahren, um mir ein reales Bild von Gorleben zu machen. In der Tat ist die Landschaft wunderschön, die gelben Kreuze an den Grundstücken machen nachdenklich und schließlich bringt mich meinen Neugier an den Grenzradweg. Mitten im Nirgendwo hab ich kein Internet mehr und das dumme Gefühl, im Kreis zu radeln. Ein paar Camper im Wald weisen mir hilfreich den Weg. Im Storchendorf Rühstedt gönne ich mir frischen Spargel und zähle 48 Störche, während ich aufs Essen warte. In Havelberg habe ich mein Tagesziel erreicht, annähernd 90 km hinter mir und finde eine fahrradfreundliche Unterkunft und ein Bilderbuchcafe´. Dort setze ich mich auf den vorletzten freien Platz und habe neben superleckerem Essen aufgeschlossene Tischnachbarn aus Berlin neben mir: eine Lehrerin und einen Arzt, ebenfalls mit den Rädern unterwegs.
Vier
Der Wind vom Vortag hat so zugenommen, dass die jungen Leute an unserem Frühstückstisch überlegen, einen Tag auszusetzen. Mir war das nicht bewusst, da ich in die Gegenrichtung fuhr.Es sieht zudem nach Regen aus und den ersten Guss überstehe ich trocken bei der Besichtigung des Domes. Bei Sonnenschein trete ich dann in die Pedalen und muss vor der Gierseilfähre in Sandau vom Rad springen. Sturmböen drohen mich umzuwerfen und Sand weht mir in die Augen. Der Fährmann lacht, als ich endlich mein Rad aufs Boot schiebe. Ob es auf der anderen Elbseite ruhiger wird, kann er mir nicht verraten. Bald weiß ich Bescheid: heftiger Seitenwind, aber man kann das Gleichgewicht halten. In Arneburg Mittagspause, die Gaststätte auf der Burg hat Ruhetag, bietet mir aber eine verglaste Veranda mit sonnigem Ausblick auf Elbe und Rapsfelder. Ich packe meine Verpflegung aus (meist Apfel, Banane, Wasser und Nüsse), schreibe Postkarten und fotografiere.Weiter gehts. Der Sturm war längst nicht alles. Es regnet noch und kurz vor meinem Ziel Tangermünde kann ich mich mit einer weiteren Radlerin beim Hagel unter eine Brücke retten.
Nach nur 43 km in der Hansestadt Tangermünde angelangt, genieße ich Sturm, Sonne und einen dramatischen Himmel als perfekte Kulisse dieses Kleinods. Fast zwei Stunden werde ich nicht müde, zu spazieren und zu fotografiere. Dann lande ich in einer SCHULE! Noch während ich mich im Museum wähne, stehe ich schon mitten in der Gaststube.
Fünf
Magdeburg heißt das Ziel heute. Dort wollen mir Günter und seine Frau Quartier geben. Ein Couchsurfer jenseits der 60, das verspricht interessant zu werden. Wird es dann auch, aber ganz anders als gedacht.
Unterwegs in der Schleuse Niegripp beobachte ich das Schließen der Tore und schaffe es gerade noch vor dem Guss, das Regencape überzuwerfen. 70 km werden es heute. Als das Navi "noch acht Minuten Fahrzeit" anzeigt, klingelt mein Handy. Günter ist dran , beschreibt mir den Weg und meint, alles ok, er müsse nur noch mal zu Arzt. Seine Schwiegertochter und der Enkel begrüßen mich.Später kommt seine Frau Martina nach Hause. Aufregung, Sorgen und ich mittendrin. Günter hat schlimme Herzbeschwerden und muss in die Klinik, er drückt mich kurz, als er seine Sachen holt, dann ist er schon wieder weg. So beschließe ich, wenigstens das Abendbrot zu kochen. Schließlich sitze ich mit Martina, die Couchsurfing nicht so mag, bei einer Fischsuppe und wir philosophieren übers Leben.
Sechs
Am Morgen finde ich einen netten Brief, Frühstück, Alufolie zum Schnitten einpacken für unterwegs und eine Handynummer von Martina vor. Sie selbst ist schon wieder arbeiten. Draußen ist keine Wolke am Himmel, aber das Thermometer sagt: Null Grad! Egal, ich habe knapp 70 km vor mir und bin in Dessau mit Sebastian verabredet, der mich heute hostet. Unterwegs treffe ich Rehe und Bussarde. Eine halbe Stunde lege ich mich auf einem Rastplatz in die Sonne. In Dessau schließlich lotst mich eine nette Omi mit ihrem Rad in die richtige Richtung, eine weitere fragt mich vor der gerade geschlossenen Post nach einer Briefmarke. Klar, hab ich eine und will sie ihr schenken. Sie ist so glücklich, dass sie mir zwei Euro für ein Eis in die Hand drückt und keine Widerrede duldet. Zurück an meinem Rad trübt sich kurz meine Laune. Das Hinterrad hat einen Platten! Nach dem ersten Zorn entspanne ich mich aber schnell. Wie gut, dass mir das heute nicht auf dem kilometerlangen Schotterweg an der Elbe passiert ist. So schiebe ich mein Gefährt einen Kilometer, Sebastian trägt es in den Keller, wir gehen ein Bier trinken und haben jede Menge zu erzählen. Sein Pech war an diesem Tag weitaus größer! Hunderte Kilometer entfernt zum Lehrgang übernachtete er bei einem Freund. Erst nach dem Frühstück merkte Sebastian, dass er in der Wohnung seines Freundes eingeschlossen war, dieser jedoch am frühen Morgen zu seiner Arbeit aufgebrochen und ebenfalls schon 100 km gefahren war. Der Schlüsseldienst verlangte 300 €!
Sieben
Ich kam am nächsten Tag mit weniger als 50 € zu einem fahrtüchtigen Rad. dazu gabs noch Kaffee vom Chef. Da ich nun aber einen halben Tag eingebüßt hatte, änderte ich kurzerhand meine Tour ein wenig und fuhr den Mulderadweg Richtung Bad Düben. Unterwegs wurde mir plötzlich bewusst, dass ich die Orte meiner Kindheit durchfuhr. In Wolfen geboren, in Eilenburg oft bei Oma, Tante, Onkel gewesen. Mit dem Schienenbus und Omas Kaffekränzchen in die Dübener Heide gefahren. Viele kleine Orte, aber irgendwie vermisste ich eine Pension. Kurz vor Eilenburg googelte ich dann doch mal den nächsten Ort wegen einer Schlafstatt. Thallwitz, einladender Internetauftritt, aber leider ohne Telefonnummer. Hmmm. Auf gut Glück hinfahren? Hab ich nicht gemacht und am Abend mit meiner Wirtin in Eilenburg herzlich darüber gelacht. Den Gasthof gibt es längst nicht mehr, in dem Gebäude ist jetzt ein Pflegeheim! Das hätte ich nach 75 km vielleicht nicht unbedingt gebraucht.
Acht
Karfreitag, Ostereier und Regen. Heute will ich meine Heimatstadt Oschatz erreichen, wo mich mein Bruderherz erwartet. Der schickt mir erstmal eine sms, dass er mich bei dem Mistwetter in 45 min abholen könne. Ich finde es moralisch sehr unterstützend, diesen rettenden Engel zur Not anrufen zu können. Trotzdem ziehe ich Regenhose und Cape über und starte. Die Feuchtigkeit sammelt sich zunächst mehr innen als außen. Dann klatschen richtig fette Tropfen herab. Kein Mensch auf der Straße. Ich ziehe zwei Mülltüten über meine Schuhe und behalte warme, trockene Füße. Das funktioniert also gut.
Am Straßenrand parkt ein Auto. Ein alter Mann zündet eine Kerze an einem Kreuz mit Blumen an. Ob sein Sohn bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist oder seine Frau? Plötzlich fühle ich Einsamkeit. Vielleicht ist es gar nicht meine, sondern die des alten Mannes. Ich schalte die Musik ab, die mich bei den letzten Etappen so oft begleitet und vorwärtsgetrieben hat. Mir wird bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann, durch die graue Landschaft zu reisen und in Kürze meine Familie gesund zu treffen.
Ich fahre durch den Ort Schwarzer Kater, telefoniere mit meinem Liebsten und wir amüsieren uns über den lustigen Namen. So ein Smartphone ist eine feine Spielerei, freue ich mich. Damit kann man telefonieren, fotografieren, im Internet surfen, Musik hören, sich navigieren lassen - wenn man nicht gerade telefoniert!
Dann schweigt nämlich die Navigatorin (Ich habe sie Janine getauft) und man fährt gedankenverloren Kilometer in die falsche Richtung weiter. Aber ich kann mich nicht aufregen. Noch vor wenigen Monaten habe ich behauptet, kein Smartphone zu brauchen und nun würde ich es nicht mehr hergeben. Janine hat mich zurückgelotst, auf sie ist Verlass.
In Oschatz beschert uns das wechselhafte Wetter einen fantastischen Doppel-Regenbogen und am Abend liegt ein Osternest auf und ein Wärmekissen unter meiner Bettdecke.
Neun
Schon liegt der Endspurt vor mir.
69 km von Oschatz nach Dresden. In Riesa kehre ich auf den Elberadweg zurück. In Meißen fühle ich mich schon fast zu Hause, obwohl noch die knappe Hälfte vor mir liegt. Beim Warten an der Ampel treffe ich Otto. Wir fahren ein Weilchen nebeneinander her, schwatzen, kehren im Biergarten ein und philosophieren schließlich bis Dresden über Solo-Radtouren. Otto ist Schlachter, geschätzte 60 und kennt nur die Dresdner Altstadt. Das muss sich ändern, denke ich und ich biete ihm eine kleine Neustadtrunde an. Er nimmt dankend an und so gehts nach einem Eis im Rosengarten zu Pfunds Molkerei und in den Kunsthof.
Erst als wir uns verabschiedet haben und ich die letzten Meter bis nach Hause rolle, fühle ich meine Erschöpfung.Da steckt nun doch ganz schön was in den Knochen.
Vor allem aber eine Menge interessante Erfahrungen:
Auf dem Elberadweg ist man nicht einsam, auch wenn man stundenlang keiner Menschenseele begegnet..
Wir Deutschen können genauso herzlich, unkompliziert und offen sein wie Australier und Neuseeländer.
Gepolsterte Radlerhosen sind eine geniale Erfindung. (Warum hab ich das nicht früher entdeckt?)
Bei Radtouren nimmt man trotz 200g Schokolade am Tag nicht zu!
Ich kann fünf km hintereinander freihändig fahren, getestet auf dem Elbdamm hinter Wittenberge.
Unplattbar Reifen sind nicht unplattbar.
Und hier nun noch die Bilder.

Mittwoch, 5. März 2014

Einmal Amsterdam und zurück - Eine Zugfahrt, die vierte



Richtung Coffeeshop
Das wohl Aufregendste an dieser Reise geschieht diesmal vor Fahrtantritt.
Bepackt mit kleinem Rucksack und Umhängetasche fahre ich morgens ganz gemütlich mit dem Bus zum Schillerplatz. Der Komfort des Reisens steigt mit der Minimierung des Gepäcks. Im zivilisierten Europa kann man beim Einpacken vieles vergessen und kommt trotzdem gut voran. Man wird nicht verhungern, nicht erfrieren und ich hätte sogar den Personalausweis zu Hause vergessen können. Niemand wollte ihn sehen. Das ist noch immer ein überraschendes Gefühl, wenn man die ersten Reisen seines Lebens als DDR-Bürger erlebt hat.
Auf dem Wochenmarkt am Schillerplatz steht ein Fischverkaufswagen mit der Aufschrift:
"Piranhas fressen Menschen. Wehrt euch. Esst mehr Fisch!"
Kurz darauf entdecke ich einen neuen Müllbehälter an der Haltestelle, der dem Sprachrohr eines Schiffes ähnelt. Cooles Design, wahrscheinlich können hier die Vögel den Abfall nicht herausholen.
Acht Minuten Umsteigezeit reichen locker, um einen großen heißen Tee für den Weg zu kaufen. Einsfünfzehn. Ein sehr fairer Preis, finde ich.
Dreiviertel Sieben sitze ich in der Bahn Richtung Neustädter Bahnhof, schlürfe meinen Tee und werde jäh aus meiner morgendlichen Träumerei gerissen.
"Aufgrund einer Störung am Sachsenplatz verkehrt die Linie sechs...."Arrrgh!
Die Bahn hält, wir steigen aus und eine junge Frau mit Rollkoffer fragt hilflos, ob denn eine andere Verbindung zum Bahnhof bestünde. Ich schlage ihr vor, gemeinsam loszulaufen und währenddessen ein Taxi zu ordern. Wir stapfen los. Ein Blick auf meine Uhr bringt mir die Erkenntnis, dass die Strecke bis zur Zugabfahrt zu Fuß nicht zu schaffen ist. Sie telefoniert und erhält keine Verbindung. Ich wähle achtmaldieacht und bin in der Warteschleife. Dann die freundliche Auskunft, dass in 15 Minuten ein Taxi bei uns sein könne. Dankend muss ich ablehnen, denn das dauert zu lange. Während ich für drei Leute die Zugfahrkarte einstecken habe, muss sie zum Flughafen und hat noch weniger Zeit als ich. Plötzlich überholt uns die Bahn, aus welcher wir vor einigen Minuten ausgestiegen waren. Wir rennen zur Haltestelle, kurzentschlossen lasse ich meinen halben Tee am Straßenrand zurück. Neue Durchsage und Entschuldigung für die Fehlinformation. Noch während sich unsere Gesichtsmuskeln vor Erleichterung entspannen wollen, folgt der Nachsatz über die erneute Umleitung.
Eine Haltestelle vor dem Sachsenplatz springen wir wieder raus. Vielleicht kann man per Anhalter bis zum Bahnhof gelangen? Meine Hand winkt, das leere Auto fährt vorbei und die Fahrerin würdigt uns keines Blickes. Ach, wäre ich doch jetzt auf einer einsamen neuseeländischen oder australischen Straße! Da würde es reichen, mit Gepäck unterwegs zu sein und man müsste nicht mal winken. Am Sachsenplatz gibt es einen Taxistand, vielleicht auch noch ein freies Taxi? Vor mir beginnt ein Mann schneller zu laufen. Da verfalle ich in Trab, verspreche meiner Leidensgefährtin, am Taxi auf sie zu warten und überhole den Herrn. Nicht ohne ihn zu fragen, ob wir gemeinsam zum Neustädter fahren wollen. Er stimmt freudig zu und kurz darauf sitzen wir zu dritt schnaufend im Auto. Die junge Frau sieht ihr Flugzeug schon starten, auf den Herrn warten 15 Mann in Leipzig und ich möchte gern mit zwei weiteren Personen den Zug nach Amsterdam schaffen. Der Taxifahrer hat verstanden und gibt sein Bestes. "Aber nicht schneller, als die Polizei erlaubt", meint er fröhlich. Der könnte bestimmt auch jeden Tag was Interessantes auf seinem Blog veröffentlichen, stelle ich mir vor.
Meine Freundin zückt gerade das Handy, als ich die Bahnhofshalle erreiche. "Das ist so untypisch für dich", meint sie und ich nicke.Fünf Minuten später sitzen wir im rollenden Zug. Ich bin putzmunter. Der Adrenalinkick hat gewirkt.
Ein paar Herren neben uns unterhalten sich darüber, welche Medikamente man in Tschechien frei kaufen kann und was man aus Efidril und Hustensaft so herstellen könnte. Sind das schon die Vorboten, weil wir in die Stadt der Coffee-Shops reisen?
In Leipzig-Halle eine Ansage: "Wir verabschieden uns von allen Gästen, die hier aussteigen möchten und müssen."
Aha. Das ist wohl wahr. Wir möchten erst in Hannover umsteigen und bleiben sitzen.
Später lässte sich ein schlanker junger Mann am Tisch neben uns nieder, hantiert mit Handy, Laptop und dickem Ordner. Telefoniert in den Erbschaftsangelegenheiten seiner Mutter. Schaut unruhig hin und her.
Die nächsten Telefonate handeln von Sport, Liga und Wäsche. Wir passen auf seinen Laptop auf, er kommt wieder und sagt: "Die verbotene Stadt - Braunschweig." Unsere Blicke vermelden ihm Unwissen und er erläutert: "Ganz viele Rechte hier, beim Fußball." Da kenne er sich aus.
Hinter ihm durchs Abteilfenster lese ich ein Schild: Braunschweig - Stadt der Zukunft.
In Gedanken versuche ich ein Wortspiel : Braun? Schweig!
Vielleicht ist seine Stigmatisierung dieser Stadt genauso ungerecht wie Dynamo Dresden mit einer Nazishochburg in Verbindung zu bringen.
Egal, die Diskussion ist eröffnet, nachdem er erfährt, dass wir nach Amsterdam wollen. Da er mehr redet als wir, können wir schon bald ein interessantes Profil von ihm erstellen:
27-jähriger Kampfsportler mit eigenem Büro, absolut coole Mutter, die mit 61 nochmal nen Joint geraucht hat und sowieso immer sehr liberal gegenüber Drogen war. Er empfiehlt uns das Greenhouse in Amsterdam, wo man viel über Drogen erfahren kann. Zum Beispiel könne man das Glaukom damit heilen. Alkohol, der deutsche Teufel, sei tausendmal schlimmer als Marihuana. Er mache aggressiv und unzurechnungsfähig. Haschkekse seien auch schwer einzuschätzen, deshalb empfehle er uns die neueren Inhalatoren, bei denen der Tabak nicht verbrannt wird. Er erzählt dies immer mit einem Blick auf den ohrverstöpselten Sohn meiner Freundin, der uns gegenüber sitzt. Dieser jedoch hat längst die Lautstärke auf Null gesetzt und verfolgt interessiert die Erklärungen. Das Rotlichtviertel  dürften wir nicht versäumen. da gäbe es auch ganz alte Prostituierte und Schwangere. Habe er selbst gesehen. Dann holt sich unser Drogensachverständiger ein Bier, öffnet es schmunzelnd und sagt: "Teufel Deutschland."
Nachdem er sich verabschiedet hat, analysieren wir zwei Mamas noch eine Weile diesen interessanten Fall. "Hast du seinen Blick gesehen?" - " Klar, der hatte was genommen." - " Ob seine Mutter tot ist?"
Aufenthalt in Hannover. Eine halbe Stunde davon verbringen wir im Buchladen. Schließlich bekommen wir noch Em-Eukal-Hustenbonbons von einem Promoter geschenkt, welcher gerade heftig niesen muss. Wir empfehlen ihm, doch mal seine eigenen Sachen zu probieren.
Im nächsten Zug wirds holländisch. Diese Sprache ist einfach lustig und besonders als Sachse kann man eine Menge übersetzen:
Verboden toegang voor onbevoegden! (oe wird wie u gesprochen)
Treinsamenstellingen (train kennt man aus dem Englischen)
Rookzone (nicht Rock sondern Rooch ist gemeint)
Und schwuppdiwupp sind wir da und stehen in einem gigantischen Renaissance-Bahnhofsgebäude.
Amsterdam Centraal!

Richtung deutsche Ordnung
Fünf Tage später sitzen wir mit unseren Erinnerungen wieder im Zug. Ab Amsterdam gut gefüllt mit Reisenden aller Herren Länder. Entsprechend das Sprachengewirr um uns herum. Zwei Meisjes vergessen über ihrem Gespräch fast das Aussteigen und der holländische Kontrolleur ist lustig.
Warum bin ich so fröhlich, so fröhlich so fröhlich? - klingt mir Hermann van Veen im Ohr.
Die Lockerheit schwindet leider proportional zu unserem Abstand von unserem Urlaubsziel.
Der deutsche Kontrolleur ist ein waschechter Hardliner. Schon sein Aussehen! Stellt euch den Zwerg in der Bank bei Harry Potter vor. Zuerst müssen die Koffer aus dem Fluchtweg geräumt werden, obwohl wir nur noch sieben Personen im Waggon sind. Folgsam wuchtet der junge Herr seinen Riesenkoffer auf die Gepäckablage in die Höhe. Wenn mich dieses Gewicht je treffen sollte, brauche ich keinen Fluchtweg mehr.
In seiner Kontrollwut veranlasst Mister Akkurat eine Frau, ihr Klapprad zwischen die Sitze zu pressen und will im Vorbeigehen das Ladekabel des jungen Herrn aufsammeln, weil es vom Sitz gerutscht war, als Besagter den Koffer wegräumen musste. Wir Passagiere verdehen nur noch die Augen und werfen uns vielsagende Blicke zu, wenn der Ordnungshüter wieder im Anmarsch ist und nach neu Zugestiegenen giert.
Die letze Episode auf unserer Rückfahrt ist ein warmherziges zweisprachiges Familienspiel. Eine französisch sprechende junge Mama setzt sich mit ihren drei blonden Mädchen um einen Tisch und startet ein Ratespiel. Sie fragt auf Französisch und die Kinder, etwa zwischen sechs und elf Jahre alt, antworten auf Deutsch. Wer gewonnen hat, bekommt etwas Chocolate. Dann liest sie ein Kinderbuch auf Französisch vor und die Älteste übersetzt den jüngeren Schwestern. Es ist eine Freude, heimlich zuzuschauen und zuzuhören.
Die Zugfahrt zieht sich in die Länge, das Sitzen fällt schwer. Ich versuche mich an einigen Skizzen, um die skurrilen Körperhaltungen der eingeschlafenen Gäste einzufangen. Es ist erstaunlich, zu welchen Verrenkungen ein Mensch nach einem Tag Zugfahrt in der Lage ist.


Kurz vor Mitternacht ist es endlich vollbracht. Nachdem wir den Irrgarten vom Bahnsteig in die Bahnhofshalle gemeistert haben, steht mir nur noch eine Straßenbahnfahrt bevor. Wie ein Überfallkommando gehen in Linie 6 um Mitternacht FÜNF Kontrolleure gleichzeitig ans Werk, die Schwarzfahrer zu finden.
Ich zücke meine Fahrkarte und wundere mich über nichts mehr.
Wer jetzt noch Fotos von Amsterdam sehen möchte, klickt einfach hier.