Samstag, 28. Februar 2009

Sieben mal Sieben in Rom

Sieben Tage Sonnenschein waren uns in der italienischen Metropole mit den sieben Hügeln beschieden. Und das Mitte Februar. Unter einem besseren Stern konnte diese Reise nicht stehen.
Sonntag früh um Fünf stiegen wir in Dresden in den Bus nach Schönefeld und dort in den Flieger nach Rom. Zur Mittagszeit hatten wir bereits unser Gepäck im Hotel eingestellt und nutzten das bombastische Wetter für einen ersten Erkundungsspaziergang. In weniger als zehn Minuten lagen Kolloseum und Forum Romanum vor uns.Bis zum Tiber brauchten wir vielleicht eine halbe Stunde. Als wir am Nachmittag auf dem Balkon unseres Hotelzimmers den ersten Becher Wein tranken, hatten wir bereits eine Menge Sehenswürdigkeiten erspäht und es stand fest: in dieser Woche würden wir kein Metroticket brauchen, da jedes Highlight zu Fuß bequem erreichbar war. Ich freute mich, dass ich so lange nach einem preiswerten Hotel im Zentrum gesucht hatte. Bis auf das Frühstück (abgepacktes continental breakfast), welches wir nach einer Woche echt satt hatten, war unsere Bleibe prima.
Die folgenden 3 Tage gab es Kultur Nonstop. Jeden Tag pilgerten wir ca. 15 km durch die Stadt, blieben stehen, schauten,fotografierten,staunten, besuchten Galerien, Palazzi, Kirchen, stöhnten über die unweigerlichen Rückenschmerzen...genossen aber auch Eis, Kaffee und Pizza auf sonnigen Außenplätzen. Zur Erholung von den vielen Kunsteindrücken verordneten wir uns beide einen Tag Auszeit. Für mich hieß das Bummeln und Geschenke shoppen, für Back einen Ausflug in den Botanischen Garten. Hätte man unsere Zielobjekte vertauscht, wären wir beide sauer gewesen. Doch so fanden wir uns nach dem Alleingang am Abend beide zufrieden an der Spanischen Treppe ein.Die zwei letzten Tage erkundeten wir den Vatikan und fanden außerdem den wohl besten Blick von oben auf die Stadt. Trotz 7 € für eine Fahrstuhlfahrt begaben wir uns auf das Denkmal am Piazza Venezia und waren vollauf zufrieden. Immerhin kostet der Blick von der Frauenkirche noch einen Euro mehr.
Was mich am meisten an Rom beeindruckt hat, sind die Fülle an interessanten Bauwerken auf so dichtem Raum und der unbeschreibliche Reichtum an Kunstschätzen. Wie es zum Italiener passt, werden Bruchstücke von antiken Bauwerken einfach ganz locker in der Landschaft verstreut. Der historisch interessierte Tourist bummelt dann durchs Forum Romanum und denkt: Was stand hier früher wohl mal in der Mitte, wo jetzt die ganzen Steine liegen? Dabei war hier früher einfach nichts, denn es war ja ein Marktplatz. Aber mit den verstreuten Relikten sieht es so schön romantisch aus.
In der Galerie Borghese schaute ich - wie fast in jeder anderen Ausstellung - mehr auf die Räume als auf die Ausstellungsstücke. Als verwöhnter Dresdner fand ich es schade, dass die Gemälde oft ganz schlecht erkennbar waren, weil das Licht blendete oder es zu dunkel war. Einzig Berninis geniale Mamorplastiken haben uns lange gefesselt. Wir waren am Schluss auch sicher, dass kein Foto diesen Eindruck wiedergeben kann.
Natürlich kommt man auch ins Grübeln, wenn man sieht, was da im Vatikan im Namen der Kirche und des Glaubens an Schätzen gerafft wurde. Und schmunzeln musste ich schon angesichts einiger erotischer "Engel" - ausgerechnet im Petersdom. Schaut euch die Fotos im Webalbum an und macht euch selbst ein Bild.
Rom im Februar ist zu empfehlen, weil
1. wenige Touristen vor den Objekten der Begierde anstehen und man seine kostbare Zeit nicht mit Warten verbringt
2. man bei Temperaturen zwischen 5 und 15 Grad nicht so schnell ermüdet
3. im Winter der häufig herumliegende Müll noch nicht stinkt (Vielleicht ist es im Sommer aufgeräumter?)
4. man immer einen sonnigen Außenplatz im Cafe bekommen kann und
5. Hotel und Flug sehr preiswert sind
Wenn man fern der Heimat ist, fällt einem ja auch immer etwas auf, was man zu Hause schlechter oder besser findet.
Nun, in Rom kommt man als Fußgänger definitiv besser über die Straße, weil am Zebrastreifen wirklich gebremst wird, oft auch an nicht markierten Stellen. Oder die Vespas umkurven die Fußgänger, Rot und Grün sind einfach bunte Lichter. Die Polizei steht daneben und sieht das gelassen, solange keiner gefährdet wird. Sie ist oft präsent, aber das Gefühl "Sch.. Polizei, hab ich auch nix falsch gemacht?" hat keiner. Sie ist einfach da und jeder Tourist kann sie nach dem Weg fragen.
Der eingemauerte, schlammgraue Tiber lädt nicht zum Bummel am Ufer ein. Trotz allem Fledermausmist in Dresden haben vor Jahrhunderten übereifrige Umweltfreunde sicher dazu beigetragen, dass die Elbwiesen heute so etwas besonderes sind. Wer London, Paris oder Rom gesehen hat, weiß, wie störend sich ein zugebautes Flussbett in einer schönen Stadt ausnimmt.
Fazit: Rom ist mindestens eine Reise wert. Nach all dem Kunst- und Kulturtanken brauchte ich danach aber eine Aufnahme-Pause. Deshalb habe ich mich wieder zu meinen Sandsteinen verdrückt. Doch davon später. Jetzt erstmal viel Freude im Web in Rom wünscht euch
Kerstin

Freitag, 16. Januar 2009

Freudige Ereignisse vor der Haustür

Das neue Jahr hatte ich bewusst nicht verplant. Einziges Vorhaben war, dass ich in den ersten 2 Monaten mal nicht verreisen, sondern hier bleiben wollte. Fast hätte ich es geschafft. Mein Schatz hat mich jedoch erfolgreich überredet, Ende Februar eine Woche gemeinsam in Rom zu verbringen. Aufgrund der ungewöhnlichen Reisezeit können wir dies sehr preiswert und ohne riesige Touristenströme tun, was mich letzendlich überzeugt hat.
Die erste ungeplante Unternehmung war eine Wintersportwoche. Der unerwartete Schnee lockte mich mehrmals auf den Elbwiesen Ski zu fahren. Bei Sonnenauf- und untergang sowie am Tage bei Sonnenschein habe ich viele Stunden die weiße Schönheit durchfahren, durchwandert, betrachtet, fotografiert und gelacht. Eine Menge Künstler hatten die verrücktesten Schneemänner kreiert. Hase, Elefant, Bär,ein Mann mit Stoppelbart und eine Burg mit Zinnen ließen mich trotz minus 15 Grad die Kamera herauspellen. Der Hafen in Loschwitz war völlig zugefroren und das Blaue Wunder zerfiel in der Abenddämmerung in zwei Hälften, weil eine Nebelwolke genau die Mitte verdeckte.Alles ließ sich nicht in Fotos einfangen, manche Momente sind einfach nur zum Genießen da. Aber einige meiner Lieblingsbilder könnt ihr im Fotoalbum "Winter09" sehen.(Ein Klick auf das Foto links bei Bilder,dann nach dem Öffnen des Webalbums auf die linke oder rechte "blaue" Kerstin klicken. Nun kann man aus allen Fotoalben auswählen.)
Obwohl inzwischen der graugelbbraune Großstadtschnee seinen Namen kaum noch verdient, beschert mir dies keine schlechte Laune, denn so war die Winterwoche etwas ganz Einmaliges. Außerdem kommen mir die milden Temperaturen bei meinem jetzigen Projekt sehr entgegen. Seit ein paar Tagen habe ich ein Praktikum bei einem Steinmetz begonnen und behaue im Freien Sandstein. (Danke an dieser Stelle an meinen Lieblingsonkel für die Armeefilzstiefel, ohne die meine Zehen sicher erfroren wären!)
Da ich bei heftigen Minusgraden während der Arbeit die kalten Füße und Hände völlig vergessen konnte, denke ich, noch eine ganze Weile bei dieser Arbeit zu verweilen. Langsam bekomme ich ein Gefühl für die Werkzeuge und den Stein und lerne jeden Tag etwas Neues. Mein "Lehrer" ist ausgesprochen nett und kann wunderbar erklären. Er lässt mir aber oft auch freie Hand, um selbst Dinge auszuprobieren und aus Fehlern zu lernen. Auf Sandstein-Fotos müsst ihr noch ein wenig warten. Ich muss schließlich auch geduldig schlagen und schleifen. Bleibt so neugierig wie ich!
Das wünscht sich Kerstin

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Barcelona

Anfang Dezember war bei uns schon einmal Weihnachten. Mein Geschenk für Willi(und mich!) sollte eine viertägige Reise nach Barcelona sein. Diese Stadt ist schon viele Jahre eines meiner Wunschziele und das deckte sich mit den Wünschen meines Sohnes hervorragend. Also fuhren wir gemütlich mit dem Bus nach Berlin, um dort bei Freunden noch eine Nacht zu verbringen. Eklig nasser Schneeregen empfing uns. Das war ein Grund mehr, mitten in der Nacht nach Schönefeld zu fahren und mit dem Flieger ins sonnige Spanien zu starten. Mit easyjet war wirklich alles easy. Da wir online eingecheckt hatten und nur mit unserem Handgepäck unterwegs waren, durften wir als Passagiere der A-Klasse bevorzugt in den Billigflieger einsteigen. Die Crew war dazu sehr lustig.
Am Morgen kamen wir an und erlebten bereits im Zubringer ins Zentrum eine Diebesaktion direkt neben uns. Wir waren dank unsrer Umsicht allerdings nicht die Opfer. Wenige Zeit später konnte Willi aus der U-Bahn eine Messerstecherei sichten. Alle anderen Aktivitäten liefen aber ganz entspannt und kulturvoll ab. In unser über priceline ersteigertes Hotel durften wir schon mittags. So zogen wir los zum Parc Güell, den wir bei herrlichem Sonnenschein durchstreiften. Jahreszeitgemäß hielten sich die Touristen in Grenzen und wir ließen uns viel Zeit für Gaudis fantasievolle Gebilde. Am nächsten Tag kamen wir in den Genuss einer privaten Stadtführung durch Willis Freundin Franziska, welche gerade in Barcelona studiert.So sahen wir die schönsten Ecken des gotischen Viertels. Am Hafen verabschiedeten wir uns bis zum Abend von ihr und bummelten gemütlich am leeren Strand entlang bis zum Olympiahafen. Lange schlenderten wir auch über die Ramblas und manch Künstler beeindruckte uns mit seiner Performance. Lukullische Genüsse im Bocceria-Markt und fetter Jugendstil wechselten sich ab. Am Abend verarbeiteten wir in Franzis Studentenbude gemeinsam die frischen Zutaten, die wir auf dem farbenprächtigen Markt gekauft hatten.
Am Wochenende wollten wir hoch hinaus, auf den Tibidabo. Mit der Tramvia blau, einer historischen Straßenbahn und einer Standseilbahn blieb uns genug Zeit für schöne Ausblicke auf teure Villen und auf die dichtbebaute Stadt. Auf dem Berg schlenderten wir durch einen nostalgischen Vergnügungspark, dessen Fahrgeschäfte direkt am Hang einen besonderen Nervenkitzel versprechen. Brauchten wir aber beide nicht, denn die Aussicht war aufregend genug. Später nahmen wir den Rückweg mit dem Bus, um unterwegs wieder etwas Neues zu sehen.
Das wohl berühmteste Bauwerk, die Sagrada Familia, schauten wir uns nur kurz an. Zu viele Leute, zu lange Schlangen und zu viele Kräne. Wir haben an den vier Tagen ohnehin kein Museum von innen gesehen, das Wetter war einfach zu herrlich. Dafür bin ich barfuß am Strand ins Mittelmeer, Willi hat in einer echten Grancia den katalanischen Pudding verkostet und wir ließen uns beim Mexikaner köstlich verwöhnen. Der Urlaub war von Anfang bis Ende ein Genuss für alle Sinne und ich bin sicher, irgendwann einmal wieder an diesen Ort zurückzukehren. Sollte es dann regnen, werde ich nicht traurig sein. Dann kann ich endlich mal ins Museum!

Freitag, 21. November 2008

Venezuela –ein Besuch im Sozialismus des 21. Jahrhunderts

„Patria, socialismo o muerte“ (Vaterland, Sozialismus oder Tod) meint Herr Chavez. „Patria, socialismo i muerte“ (Vaterland, Sozialismus und Tod) wiederholte mein Liebster kurz vor unserer Heimreise zur Erheiterung unserer Gastgeber Maik und Maria.
Zwei gegensätzliche Empfindungen hatten wir in den 14 Tagen im sonnigen Venezuela. Atemberaubend schöne Landschaften, herrliches Wetter, eine bezaubernde Tier-und Pflanzenwelt sowie kulinarische Genüsse zogen uns in ihren Bann. Umso tiefer saß der Schock über all die Armut, Unsicherheit vor Gewalt, den Müll und die verfehlte Politik im Land. Ein regelrechtes Kontrastprogramm also. Der Hinflug nach Caracas verlief sehr entspannt und unsere Freunde holten uns vom Flughafen ab. Auf der Fahrt in ihr Wohngebiet wunderten wir uns, warum wir die verdunkelten Autofenster nicht öffnen durften, um die Millionenstadt auf unseren Fotos festzuhalten. Schließlich sahen die Barios (Hangbauten, Slums) spektakulär aus. „Zu gefährlich“ war die Antwort. Große Armut produziert hohe Kriminalität. Ein gemütlicher Abend erweiterte das für uns notwendige Wissen zum sicherheitstauglichen Reisen, denn am nächsten Tag gingen wir zwei 4 Tage allein und ohne Spanischkenntnisse auf Reisen.
Natur pur erlebten wir auf unserem Ausflug ins Naturschutzgebiet Canaima zum höchsten Wasserfall der Erde, dem Salto Angel (fast 1 km hoch). Nach abenteuerlichen Verhandlungen auf dem Flughafen (in Spanisch, denn Englisch spricht kaum jemand) und Diskussionen zur Hotel- und Taxibezahlung (viele Einheimische versuchen die Touris doppelt abzukassieren) hatten wir die Feuertaufe bestanden. Der Flug im 8-Sitzer über Wasserfälle und Tafelberge war ein einmaliges Erlebnis. In Canaima nahm uns Felix in Empfang. Er erklärte unserer 12-köpfigen Gruppe auf Englisch das Programm und bald schon saßen wir mit Schwimmwesten im Einbaum. In rasanter Geschwindigkeit fuhren wir bei Sonnenschein Stromschnellen hinauf, schrammten über Steine, picknickten an einem Wasserfall, badeten und fotografierten wie wild. Der Abend verschaffte uns einen ersten Blick auf den Salto Angel, herrliche gebratene Hühnchen und Hängematten zum Schlafen. Im Morgengrauen schlichen wir zum Fluss und schauten, wie die Sonne die Nebelwolken vertrieb. Mein Liebster kam zu spät zum Frühstück, weil er sich vorher noch mit einem Geier unterhalten musste. Gut gesättigt wanderten wir in feuchter Hitze durch den Regenwald bis zum Fuße des Wasserfalls. Alle Strapazen waren vergessen, sobald man ins erfrischende Nass steigen konnte. Nach dem Rückmarsch hatte man im Basislager schon für uns gekocht und wir hätten nach dem reichlichen Mahl gern noch lange in den Hängematten gedöst. Aber Felix hieß uns packen und in die Boote steigen. Nichtsahnend verstauten wir unsere Sachen (einschließlich Regenumhänge) unter der wasserdichten Plane im Einbaum und stiegen leichtbekleidet ins Boot. Nach kurzer Zeit verdunkelte sich der Himmel und wir gerieten in ein Gewitter. Eine volle Stunde peitschte uns der Regen ins Gesicht. Der Fahrtwind war so kalt, dass mir die Zähne klapperten. Zurück im Dorf strahlte die Sonne und der Fluss bescherte uns ein wärmendes Bad. Nach einem leckeren Fisch-Abendbrot verkosteten wir noch einheimisches Bier, welches wir im Dorfkonsum gekauft hatten. Am nächsten Tag fuhren wir per Boot zu den naheliegenden Wasserfällen, wanderten direkt durch sie hindurch und badeten in der Lagune. Nach dem Rückflug mit der Chesna landeten wir in Ciudad Bolivar und verabschiedeten uns von unseren Mitreisenden. Ein Taxi brachte uns nach Puerto Ordaz, von wo aus wir nach Caracas flogen. Maria und Maik waren froh, dass uns die Reise begeistert hatte und vor allem, dass wir ohne Probleme und Zwischenfälle alle kleinen Hürden gemeistert hatten.
Nach einem Ausruh- und Bummeltag in Caracas starteten wir alle 5 (Maik, Maria, Back, ich und Hundekind Harras) zu einem gemeinsamen Strandurlaub nach Cata. Erster geschmackvoller Zwischenstopp war die idyllische Hacienda Santa Teresa, wo seit ewigen Zeiten Rum gebrannt wird. Etwas geschockt standen wir am Abend in dem gemieteten Haus in einem karibischen Dorf. So heruntergekommen und unsauber hatten wir uns das nicht vorgestellt. Wir beschlossen, essen zu gehen und an den nächsten Tag am Strand zu denken. Die Paella mit Meeresfrüchten war ein kulinarischer Hochgenuss und auch der Palmenstrand übertraf die Erwartungen. Da heute Sonntag war, tauchten wir mitten in der lärmenden Masse der Einheimischen unter. Wir wurden von allen Seiten mit sehr lauter Musik (meist Reggaeton) beschallt und sahen sowohl atemberaubend schöne wie auch auffällig umoperierte Körper. Trotz allem Trubel fühlten wir uns wohl (kein Deutscher am Strand), kosteten den Saft einer selbstgepflückten Kokosnuss, ließen uns von den Wellen umwerfen und einfach die Seele baumeln.
Auch die nächsten zwei Tage waren Strandtage. Einmal schaffte uns ein Fischerboot in eine entlegene Bucht und es war eine grandiose Safari für uns. Mangrovenwald, Pelikane, Geier, Krabben, Fische, Korallen, Seesterne zum Anfassen. Zurück im Fischerhafen standen wir am schönsten Platz während unserer Venezuela – Reise. Im Sonnenuntergang flogen Pelikane über unsere Köpfe. Die Fischer luden riesige Fische aus. Wilde Hunde streunten herum. Ein Pärchen hatte die Autotür geöffnet, trank mit Freunden Bier und beschallte die Szene mit karibischer Musik. Wie verzaubert standen wir mitten in einem Gemälde, in dem einfach alles perfekt war. Das war Marias Beschreibung unseres Gefühls und ich kann es nicht treffender ausdrücken. Über der ganzen Bucht lag eine tiefe Zufriedenheit. Am letzten Tag suchten wir wieder den Palmenstrand vom Sonntag auf und waren diesmal fast allein!
Unsere Rückfahrt führte uns durch die Colonia Tovar, eine deutsche Kolonie in den Bergen. Maria hatte dort einige Zeit zu Studienzwecken verbracht und konnte uns unheimlich viel berichten und erklären. Ein Abstecher zu alten Felszeichnungen rang dem Jeep und unserem Fahrer Maik Höchstleistungen ab. Der Weg war unheimlich steil, von tiefen Rissen durchzogener glitschiger Lehm glänzte im Nieselregen. Maria stöhnte ausdrucksvoll, ich schwieg vor Angst und Paparazzi Back filmte unverfroren das schlingernde Auto. Dafür sind ihm aber im Nachhinein alle dankbar, denn wir haben den Film nunmehr vielleicht 20mal angesehen und uns köstlich amüsiert. Zurück in Caracas waren Back und ich so erfüllt von all den Eindrücken, dass wir eigentlich keinen Ausflug mehr brauchten. Die alltäglichen Dinge waren aufregend genug: mit Maria besuchte ich ein Kosmetikstudio und ging zur Maniküre. Ja, in Venezuela arbeitet man anders. Während ich mir das erste Mal in meinem Leben professionell die Nägel lackieren lasse, telefoniert die junge Angestellte mehrmals privat und tippt sms in ihr Handy. Aber das Ergebnis war trotz einfachster Arbeitsmittel ausgezeichnet. Wie in der DDR macht eine Mangelgesellschaft erfinderisch und der mehrfach verwendete Zahnstocher (mit Watte umwickelt und in Nagellackentferner getaucht) amüsierte mich.
In einem Geschäft um die Ecke saßen wir zweimal bei einem Portugiesen zum Frühstück. Schnell waren Maik und Maria durch ihr fließendes Spanisch und einen wohlerzogenen Hund mit den verschiedensten Leuten im Gespräch. Maiks Neugier bescherte mir sogar eine unterhaltsame Englischstunde mit einem Comiczeichner aus Caracas. Wir porträtierten uns gegenseitig und schwatzten dabei über Schule, Politik und die Berliner Kunstszene.
An den letzten beiden Tagen frönten wir den kulinarischen Köstlichkeiten des Landes. Im Nationalpark auf dem Avila verwöhnte uns ein französischer Koch, während wir bei Vollmond die erleuchteten Schiffe tief unter uns vor dem Hafen in Caracas ankern sahen. Am nächsten Abend blickten wir von der 360°Bar auf dem Dach eines Hochhauses auf den Moloch Stadt. Dort unten tobt(von hier aus unsichtbar) ein regelloser Verkehr, dort kostet eine Tankfüllung 2 €, dort steht man Stunden im Stau, dort liegt der Müll, dort riecht es nach Abgasen, dort gibt es 50 Prozent Arbeitslose, dort verrammelt man aus Angst vor Überfällen seine Autotüren . Wir genehmigten uns ein großartiges Abschiedsessen, erzählten, lachten, bemalten die Papiertischdecke und fuhren fröhlich heim. Unterwegs sahen wir Autos, die Weihnachtsbäume auf die Dächer gebunden hatten. Na klar, es war Mitte November.
Unsere Reise war ein Erlebnis im doppelten Sinne: Natur genießen und gleichzeitig hinter die Kulissen einer zwiespältigen Politik schauen. Maria und Maik waren die besten Gastgeber, die man sich wünschen kann. Sie organisierten unsere Ausflüge, sorgten für unsere Sicherheit, übersetzten geduldig Speisekarten und Chavez´ Radioansprachen und brachten uns die echten Regeln des nationalen Dominospiels bei.
Nochmal ein herzliches Danke an euch beide!
Die Fotos zu diesem Reisebericht habe ich soeben frisch ins Netz gestellt.
Eine fesselnde Entdeckungsreise im Album "Venezuela" wünscht euch
Kerstin!

Dienstag, 14. Oktober 2008

Homecoming und Abschied

Es wird Zeit, noch ein paar Geheimnisse des anderen Kontinents zu enthüllen. Homecoming ist eine typisch amerikanische Tradition an allen Schulen. Nach einer Woche unterschiedlicher Veranstaltungen gibt es eine Parade zur Begrüßung Ehemaliger. Es könnte also als eine Art Klassentreffen bezeichnet werden, welches von den jüngeren für die älteren Schüler vorbereitet wird. In Watertown hieß diese heißgeliebte Woche Ki-Yi-Week.Montag war "ugly sweater" Tag und der Dresscode versprach alte, unmoderne Stricksachen. Am Abend wurde von Schülern für die Öffentlichkeit die "legend", also die Hintergrundgeschichte von Ki-Yi vorgespielt. Zwei einstmals verfeindete Völker begruben das Kriegsbeil und vereinigten sich: Ki und Yi. Auf der Bühne mischten sich symbolisch die Gelben mit den Violetten. Hier sagt man gold und purple und hält diese Farben für das örtliche Footballteam in Ehren. Kein Baby und kein Rentner in Watertown, der nicht mindestens ein Kleidungsstück in gelb-violett besitzt!
Am Dienstag sah es aus wie Fasching, als die Schüler zum "Famest Person Day" in die Rolle einer bekannten Person schlüpften. Mein Lieblingstag war der Mittwoch, "Nerd Day". Manchen Schüler habe ich nicht wiedererkannt, weil er sich in einen perfekten Strebertypen verwandelt hatte: gegelte Haare, zu kurze Hosen, Hosenträger, zerbrochene Brille. Für die Kleidung am Donnerstag in "Class Colors" hatten sich viele Schüler bereits Tage zuvor extra T-Shirts gefärbt oder bedrucken lassen. Nun konnte man erkennen, wer in welche Klassenstufe ging: freshmen/9.Kl.=grün, sophomores/10.Kl.=blau, juniors/11.Kl.=rot und seniors/12.Kl.=schwarz.
Am Abend spielten im Stadion schwarze gegen rote Mädchen Football und die Jungs agierten als Cheerleader. Im Anschluss an das wenig ernste sportliche Ereignis traten Ehemalige in Aktion, z.B. eine Elternband. Höhepunkt war für mich der Auftritt der Schulband. Man stelle sich ca.60 uniformierte Musiker marschierend auf einem Spielfeld vor, dirigiert von 2 Schülern. Im Anschluss gab es ein Feuerwerk und das "burning w". Als Zeichen für die Stärke der "w"atertown-Mannschaft am Freitag wurde der überlebensgroße Buchstabe zum Brennen gebracht.
Am Freitag war der planmäßige Stundenrhythmus außer Kraft gesetzt und die Stunden alle stark verkürzt, damit am Mittag die "pep show" und die "parade" starten konnten.
Da dies mein letzter High School Tag war, bedankte ich mich bei den Kunstlehrern und "meinen" Schülern mit kleinen Geschenken und einem Vortrag über Dresden. Das Interesse war groß und wir nutzten jede Minute, um noch Fragen zu beantworten. Ich war ganz schön traurig, dass ich gerade jetzt Abschied nehmen musste und die Abschiedskarte der Zeichenklasse rührte mich geradezu. Auch die Schüler hätten mich gern das ganze Jahr behalten.Äußerlich waren Lehrer und Schüler heute nicht zu unterscheiden. Alle trugen Gelb-Violett. Mir hatte Jakob ein gelbes Batikshirt geschenkt.
12 Uhr startete in der Sporthalle das "pep fest".Eine Stunde mit Comedy, Spielen und Tänzen gestalteten die Schüler völlig allein. Die gewählten Prinzenpaare kamen zum Schluss auf Quads in die Halle gefahren und wurden gefeiert. Sprechchöre sind eine ganz alltägliche Sache bei Sportveranstaltungen, Watertown hat sogar ein eigenes Lied.Hier habe ich Lokalpatriotismus live erlebt und muss sagen, dass es mich sehr beeindruckt hat. Vor der Parade wurden alle geschmückten und bemalten cars und Anhänger auf dem Parkplatz vor der Schule eingewiesen. Die Lehrer arbeiteten in der Jury (schönstes Auto wählen) oder waren als Fahrer eingeteilt. Schülergruppen, die mit einem Auto teilnehmen wollen, müssen zuvor einen Lehrer als Fahrer werben. Die ausgelassene Stimmung zur Parade dient ansonsten nicht gerade der Verkehrssicherheit. Durch aufgeschnittene Autodächer zählt man viel zu viele Insassen, die durch rhythmisches Springen die Karosse gefährlich zum Wippen bringen.Alles begleitet von schallender Musik aus jedem Gefährt. Die rostigen, oft uralten Fahrzeuge würden in Deutschland nie eine Zulassung erhalten...
14 Uhr startete der Umzug schließlich mit dem perfekten Spiel der beiden Big Bands. Sowohl High als auch Middle School hatten seit über 2 Wochen unermüdlich geprobt. Manchmal habe ich auf meinem Weg zur Schule früh mit dem Fahrrad am Sportplatz ein Stopp eingelegt, um den enthusiastischen Musikern beim Marschieren und Schritte zählen zuzusehen. Ohne Murren erschienen sie tagelang eine Stunde vor Unterrichtsbeginn zum Proben in der Kälte. Nun liefen sie in ihren strahlenden Uniformen (natürlich gelb-violett)an mir vorbei. Die gesamte Stadt war auf den Beinen um mitzufeiern. Die 1958er Abschlussklasse bat mich um ein Foto.Sie hatten vor 50 Jahren die High School beendet und sogar ihr norwegischer Austauschschüler von damals war gekommen. In der Stadt traf ich viel bekannte Gesichter und wurde stets Eltern, Kindern und Geschwistern vorgestellt.Das gab mir das Gefühl, hier aufgenommen worden zu sein und in gewisser Weise dazuzugehören.Ich war nicht als Tourist hergekommen, sondern als Kollege. Manchen Lehrer habe ich nur beim Mittagessen getroffen, über deutsches Essen,Erziehungsansichten,Football und die Schulpolitik geschwatzt. Der eine schenkte mir seinen Eisshake (ja, sowas gibts zum Mittag in der Schulspeisung), die andere meinte, mein deutsches Rotkraut würde so verdammt gut riechen. So war mein Abschiedsgeschenk für diese Runde eine Schüssel handgeschnittenes Rotkraut zum Kosten,dazu das Rezept in Englisch.
Am Abend erhielt ich beim großen Footballmatch von Rich eine Einweisung in die wichtigsten Regeln. Unsere Arrows (Pfeile) mussten gegen die Tiger kämpfen. Erst in der Verlängerung gewannen wir knapp und die Stimmung war euphorisch.
Rückblickend kann ich feststellen, dass alle Befürchtungen, an der fremden Schule oder mit der fremden Sprache nicht zurechtzukommen, überflüssig waren. Ich wurde so herzlich und voller Offenheit aufgenommen, dass ich mich jede Minute wohlfühlte.
In der Presse fand ich einen Artikel, in dem die Süddakotaer als angenehmste Menschen aller US-Staaten bezeichnet wurden. Mein erster Aufenthalt im riesigen Amerika hat mich wohl in den richtigen Staat gelotst.
Ich kann nicht behaupten, Amerika zu kennen. Ich habe nur Süddakota und Minnesota erlebt und dort die Freundlichkeit und das Interesse der Menschen gespürt.
Mitnehmen würde ich: die Gelassenheit, die Freude am Tun,etwas Patriotismus, die Hilfsbereitschaft, die Offenheit,die Verkaufskultur, die musische und sportliche Ausbildung an der High School,die Benzinpreise, den Respekt der Schüler, Automatik-Autos, Cookies und den genialen 4 -Way-Stop (Kreuzung mit 4 Stoppschildern/wer zuerst kommt, fährt zuerst).
Dalassen würde ich: fettfreie Milch und Joghurt, Aircondition,die kurze Babypause (nur 6 Wochen), Bewegungsarmut, Gewaltfilme im Vorabend-TV und Telefone im Klassenzimmer. Bestimmt habe ich nicht an alles gedacht. Wie das beim Packen so ist, irgendwas vergisst man immer.
Zeitgleich zu diesem letzten Bericht über meine Reise werde ich noch ein Fotoalbum in die Galerie laden: "Schlussakkorde".
Aber keine Angst, mit dem Blog ist noch lange nicht Schluss. Vor Weihnachten gibt es sicher Fotos aus Venezuela.Gemeinsam mit meinem Liebsten fahre ich zu deutschen Freunden, die im "Land des Kommunismus des 21. Jahrhunderts" arbeiten.
Was man dort "mitnehmen" oder "dalassen" würde, fragt sich voller Neugier
Kerstin

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Rundreise Minnesota

Obwohl dieser Reisebericht unsere letzten Erlebnisse in Amerika reflektiert, schreibe ich dies zuerst, weil es mir am leichtesten fällt. Die Eindrücke aus der letzten Woche an der High School habe ich noch nicht alle verarbeiten und ordnen können. Sie sind so zahlreich, dass ich dafür noch ein wenig Zeit benötigen werde.

Samstag, 27. September: Der Tag begann schweigsam und traurig. Nach 8 Wochen fiel es uns schwer, in Sioux Falls von Rich und Jakob Abschied zu nehmen. Kay sagten wir bereits am Tag zuvor Goodbye, da sie übers Wochenende verreiste. Rich brachte uns zur Autovermietung am Flughafen und war mir eine große Hilfe beim Abschluss einer sinnvollen Unfallversicherung. Schließlich mieteten wir noch ein GPS zur besseren Orientierung. Da ich mich erstmal mit unserem Gefährt, einem nagelneuen Mazda 6, vertraut machen musste, hatte ich wenigstens eine kleine Ablenkung. 4-5 Stunden Fahrt lagen vor uns. Ziel Minneapolis. Die Highways waren oft wie leergefegt, Lotti programmierte das GPS und lotste mich in den Nachbarstaat Minnesota. Das Gerät funktionierte leidlich, aber der Bildschirm klappte ständig herunter, so dass wir nix sehen konnten. Bis zur Metropole konnte ich das neue Fahrgefühl genießen. Wer meinen 18-jährigen Ford kannte, weiß, welche Art Autos ich normalerweise benutze...
Das Auffahren und Spurenwechseln in Downtown Minnesota brachte mich nah an den Herzstillstand. Ein Gewirr der Interstate (Autobahn), oft vierspurig, ließ mich jegliche Orientierung verlieren. Aber wozu hat man Kinder? Lotti lotste mich siegessicher zu unserer ersten Bleibe, die sich als nobles Hotel mit Fitnessstudio entpuppte. Rich hatte für mich im Internet Restpostenzimmer gesucht. Dabei bekommt man mit etwas Glück dann eine 250-Dollar-Suite für 50 Dollar, mit Flachbild-TV, Kaffemaschine, Mikrowelle und Popcorn. Alle unsere Unterkünfte waren top, deshalb kann ich die Hotelsuche über www.priceline.com nur weiterempfehlen. Eine 35 €-Übernachtung für 2 Personen mit Frühstück hätte ich nicht einmal im billigsten Motel bekommen.
Am Abend fuhren wir mit einer Art S-Bahn mitten in die City. Zwischen Wolkenkratzern, Lichtreklame, Türstehern und Cocktailkleidern pulsierte der Samstagabend in der Hauptstadt. Das war das völlige Gegenteil nach der Ruhe der weiten Prärie. Wie in einem schlechten Film passierte dann vor unseren Augen noch ein Auffahrunfall mit Verletztem. Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr und schrille Sirenen waren der letzte Eindruck, bevor wir in die Bahn stiegen.

Sonntag, 28.September: Mit dem Auto fuhren wir zur MOA, der Mall of America. Dies ist das weltgrößte Einkaufszentrum mit Vergnügungspark im Inneren. Alles überdacht! Lotti ließ mir eine Einweisung zur besseren Orientierung angedeihen, da sie hier bereits einmal mit Freunden war. Ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden laufen-kaufen-schauen am Abend hinter uns lagen. Jedenfalls entschieden wir uns, das Fitnessstudio des Hotels zu nutzen und anschließend mit Popcorn im Bett vor dem TV zu landen. Dabei hatten wir kein schlechtes Gewissen, denn Fernsehen in Amerika war ja stets Sprachunterricht für uns!

Montag, 29.September:Die Reise nach Norden verging schnell und führte uns durch herrlich gefärbte Wälder. Duluth empfing uns mit einem sonnigen Blick auf den Lake Superior. Schnell war klar, dass wir den Skyline Drive entlangfahren mussten. Von dieser Bergstraße aus hatten wir fantastische Aussichten auf die Stadt und den riesigen See. Seine Fläche ist so groß wie mehrere Staaten zusammen. An seinem Ufer fühlt man sich wie am Meer und kann über laaaaaaaaaaaange Brücken sogar in den Nachbarstaat Wisconsin fahren. Das viele im-Auto-sitzen konnten wir am Abend mit einer Stunde Schwimmen im Hotelpool ausgleichen.

Dienstag, 30.September: Das anhaltend schöne Herbstwetter ließ uns alle angepriesenen Sehenswürdigkeiten in der City vergessen und wir starteten zu einer Küstenfahrt. Am Abend hatten wir 140 Meilen zurückgelegt! Ein Leuchtturm, die Hafenstadt Two Harbors, die Wasserfälle im Gooseberrys Falls Park, Duluth bei Nacht, ein Abstecher nach Wisconsin und mehrfache Fahrten über die 3 großen Brücken brachten so viele schöne Eindrücke, dass kein Museumsbesuch das toppen konnte.

Mittwoch, 1.Oktober:Dieser Tag war entschieden ruhiger, denn unser nächstes Ziel, St.Cloud, entpuppte sich als Kleinstadt. Als Besonderheit fielen uns die Fußgänger und Radfahrer auf. Grund dafür ist die Universität in der Stadt, die eine Menge Studenten in die Stadt bringt. Im Riverside Park sah ich endlich mit eigenen Augen den Missisippi, welchen ich seit meiner Kindheitslektüre von „Tom Sawyer“ nur als verklärtes Bild in Erinnerung hatte. Mit der richtigen Blickrichtung konnte man ein romantisches Delta ins Auge fassen. Mitten in der Stadt hatte allerdings die Gegenwart ihre Spuren am Fluss hinterlassen.

Donnerstag, 2. Oktober: Unsere letzte lange Autofahrt führte uns durch Pipestone. Das war mehr dem Umstand geschuldet, dass das GPS seinen eigenen Willen durchsetzen wollte. Aber den Namen Pipestone hatte ich schon mehrfach gehört. Da musste irgendetwas Berühmtes sein. So überredete ich Lotti, dass wir in den Ort fahren. Das Pipestone National Monument war ausgeschildert. Allerdings suchten wir bei „Monument“ zuerst nach etwas Hohem. Nichts zu sehen. Überall flaches Land. Schließlich ließ ich mich im Nationalpark aufklären: das Monument ist ein im Original erhaltenes Stück heiliges Indianerland. Versunken in der kargen Graslandschaft wächst rotes Gestein mit einem Wasserfall aus der Erde. Hier wurde der Pipestone (Pfeifenstein) für die Friedenspfeifen abgebaut, ein weiches Material ähnlich dem Speckstein. Hier mussten die Indianer als Mutprobe über eine Felsschlucht springen, hier beteten sie an einem Felsenkopf ihre Götter an. Lotti wollte die Romantik des Ortes allerdings nicht genießen und stürzte hektisch durchs raschelnde Gras. Tausende Grashüpfer querten unseren Weg. Wenn wir sie fast berührten, flogen sie davon und sahen aus wie Schmetterlinge. Ein Naturschauspiel, das in manchen Sommern verheerende Folgen hatte: kahlgefressene Wiesen und Bäume. Wie eine schwarze Wolke können diese Tiere über das Land einfallen und ein wahres Horrorszenario entfalten. In Watertown hatte ich bereits drei Kinderbücher über die ersten Siedler in der Prärie gelesen. Pipestone war nun ein lebendiges Beispiel dafür. Um Lotti für die ausgestandenen Grasshopper-Ängste zu entschädigen, durfte sie auf dem Highway in Süddakota noch ein letztes Mal hinter das Steuer und Auto fahren. In diesem Staat war ihre Fahrerlaubnis wieder gültig. Es ist der einzige Staat, in dem Kinder ab 14 in Begleitung von Erwachsenen Auto fahren dürfen. So erfüllte ich ihren Wunsch und auf dem leeren Parkplatz vor der Mall in Sioux Falls übten wir bis zur Dämmerung einparken. Am letzten Abend nutzten wir nochmal unseren Hotelpool . Da wir immer die einzigen Gäste im Wasser waren, konnten wir wieder richtig Blödsinn machen und hatten eine vergnügliche Stunde.

Freitag, 3.Oktober: Wir gaben das Auto am Flughafen zurück und wollten einchecken. Eigentlich ahnten wir schon lange, dass unser Gepäck zu schwer sein würde. Aber genau wussten wir es erst, als der lustige Flughafenangestellte meinte: Kein Koffer über 50 pound! So nutzten wir unsere Reservezeit und packten in aller Ruhe um. Von den jeweils 49,9 pound nach dem ersten Versuch war unser Beamter schwer beeindruckt und meinte, dies hätte uns 100 Dollar Ersparnis gebracht! Die gesamten Rückflüge verliefen ruhig und auf dem Flughafen in Chicago hatten wir dieses Mal sogar Zeit zum Bummeln, weil wir nicht auschecken mussten. Im Flieger nach Frankfurt unterhielten wir uns noch mit dem netten Kanadier neben uns und schauten non stop Filme in deutsch, englisch und französisch. An Schlaf war kaum zu denken, dafür war die Vorfreude auf das Wiedersehen mit unseren Lieben viel zu groß. Überpünktlich landeten wir am 4. Oktober 8 Uhr in Dresden. Mein Schatz ist nun nach 9 langen Wochen Wartezeit erlöst und Willi habe ich nach 13 Monaten trotz einiger Veränderungen wiedererkannt. Jetzt gibt es natürlich eine Unmenge zu erzählen!

Sonntag, 5. Oktober 2008

Zurück

Gestern sind wir ohne Probleme wieder in Dresden gelandet und fühlen uns noch etwas fremd. Das merke ich zum Beispiel bei der Tastatur meines Computers. Ich hatte mich gerade an die fehlenden Umlaute und die andere Anordnung der Buchstaben gewöhnt. Die Straßen sind so eng und der Verkehr hektisch. Der erste unfreundliche Mensch seit Wochen begegnete uns bei der deutschen Passkontrolle in Frankfurt. In Süddakota hätte man gefragt, wie der Urlaub war, in Deutschland wird man an eine gelbe Linie zurückgeschickt, weil man sich nicht richtig angestellt hat.
Nachdem uns Familienmitglieder und Freunde vom Flughafen abgeholt haben, wartete daheim die erste Überraschung auf uns: eine australische Couchsurferin. So konnten wir gleich am Frühstückstisch wieder englisch reden. Mein großer Sohn gibt die Gastfreundschaft zurück, die er über ein Jahr am anderen Ende der Welt selbst erfahren durfte. Auch wenn die Wohnung nicht so aufgeräumt aussieht und man Badzeiten einführt, finde ich es sehr angenehm, nicht nur in die Welt zu reisen, sondern die Welt auch in die eigenen vier Wände hineinzulassen.
Sollte das einige Leser interessieren, einfach mal unter www.couchsurfing.com nachlesen. Ist ne tolle Sache, denn Leute, die auf diese Art die Welt bereisen, sind meist unkomplizierte und interessante Persönlichkeiten.
Für diese Woche verspreche ich einen neuen Bericht und auf jeden Fall Fotos. Zuvor muss ich aber die 3 GB Bild- und Filmmaterial sichten...
Noch etwas Geduld wünscht euch Kerstin!