Donnerstag, 2. Mai 2019

Im Farbenrausch - Teil 3 Rot

Sucre - Uyuni - La Paz
Rot ist eine warme Farbe und sicher nicht zufällig für die Innenausstattung des Salzhotels gewählt worden. Die Außenwände dieser Häuser sind jedoch mit Zement verputzt, da sich das Salzhotel sonst durch den Regen nach fünf Jahren aufgelöst hätte. Salz isoliert gut, kalt war uns trotzdem. Kein Wunder bei Außentemperaturen unter Null und ohne Heizung. Da bleibt auch die Matratze auf dem Salzblock kalt. Als wir den rotgelben Abendhimmel über dem Salzsee bestaunten, ahnten wir noch nicht, wie kalt es ohne Sonne hier oben werden kann.

Rote Dächer lieben die Architekten von La Paz offensichtlich. Knallrot glasiert. Bei zehn verschiedenen Seilbahnen gibt es natürlich auch eine rote Linie. Sie schwebt über den gigantischen Friedhof von La Paz, der die Größe eines Stadtteils einnimmt. Die Gräber liegen über der Erde, in vielen Etagen übereinander. 

 Rot in allen Schatttierungen fanden wir in Sucre im Museum Asur. Dieses präsentiert eindrucksvolle gewebte Textilien. Man kann den Frauen beim Weben zusehen und es ist unglaublich, dass es keine Mustervorlagen gibt. Sie machen alles aus dem Kopf. Wie ein Maler mit dem Pinsel! Die helle Mitte der Stoffe stellt das Herz dar, deshalb werden traditionelle Textilien nie zerschnitten oder weggeworfen, sondern entsprechend vernäht oder weiterverwertet. Die knallig roten Blüten, die uns auf einer Wiese in den Bergen bei Tarabuco ( nahe Sucre) anlockten, entpuppten sich aus der Nähe als Kakteen - Blüten! Die Kakteen selbst schauten nur an der Oberfläche aus der Erde. Wie gut, dass es an diesem Tag zu kalt zum Barfußlaufen war.















Dienstag, 30. April 2019

Im Farbenrausch - Teil 2 Gelb

Sucre -Uyuni - La Paz
Wir waren nicht in der Wüste, der Anblick täuscht. Auf den Hochebenen zwischen den Andenketten erschienen extrem unterschiedliche Landschaften. Die sogenannte Dali - Wüste zeigte sich wirklich wie der Bildhintergrund des berühmten Surrealisten in zarten Gelb- und Ockertönen. Der Saum von Lagunen war mit hellgelbem Gras verziert, in dem sich die Federn der Flamingos sammelten. Die gemütliche Plaza in Sucre war des Nachts in warmem Gelb erleuchtet, wogegen der Sonnenuntergang am Salzsee auch ohne Elektrizität seine Farbenpracht im Wasser spiegelte. Zweimal begegnete uns der einsame Fuchs. Nur der Kleine Prinz fehlte noch in dieser bizarren Szenerie.


Obwohl oft ein kalter Wind ging, mussten wir uns in Höhen von 3000 bis 5000 m Höhe gut vor Kälte und Sonnenbrand schützen. Gelb ist eine warme Farbe. Aber der gigantische Sternenhimmel samt Milchstraße (von dem ich kein Foto habe), war das kälteste Gelb dieser Reise, welches ich ganze drei Minuten im Freien ertrug.




 







Montag, 29. April 2019

Im Farbenrausch -Teil 1 Weiß

Seit einer Woche ist meine Freundin aus Deutschland hier . Um ihr den Schock der hässlichsten Stadt Boliviens zu ersparen, bin ich zuerst mit ihr in ein kleines Dorf gefahren, dann haben wir der Großstadt einen Besuch abgestattet und schon begann die Rundreise: Sucre - Salar Uyuni  - La Paz...
Innerhalb von einer Woche, die wir heute unterwegs sind, haben sich unvorstellbar viele Eindrücke angehäuft. Ich würde nicht fertig werden, wenn ich darüber in Tagebuchform schreibe.
Deshalb habe ich mich entschlossen, alles ein wenig nach Farben zu ordnen. Ich bin noch immer im Farbenrausch. Passt wohl auch ganz gut zu mir.


Teil 1 - Die Farbe Weiß
Die Nicht-Farbe erschien in 3000 bis 6000 m Höhe, am Morgen bei minus 9 Grad in den Anden und bei sommerlichen Temperaturen in der Hauptstadt Sucre auf dem Dach des Klosters San Felipe.
Auf dem Salar Uyuni verschaffte sie uns unendliche Weite für Fotos mit optischen Täuschungen, die Vulkane bedeckte der Schnee. Am Geysir zischte der weiße Dampf mit 130 Grad aus der Erde. Im Salzhostel haben wir ohne Heizung unglaublich gefroren, mit Handschuhen und Mütze gegessen und das Ende der Nacht herbeigesehnt. Es gab weiße Lamas und Flamingos, doch letztere waren auch ein bisschen rosa. Sie fischten in flachen Gewässern, die weißes Borax ablagerten.






Freitag, 19. April 2019

Achterbahn der Gefühle


Wenn Dinge im Vergleich zu Deutschland ganz verschieden sind, denke ich über meine Heimat, meine Familie, Freunde und die Arbeit besonders intensiv nach. 
In den Herbstferien (ja, hier ist Herbst) waren wir zu dritt unterwegs. Zuerst im Hochland, eine knappe Stunde Flug nach Sucre, auch die weiße Stadt oder Stadt des ewigen Frühlings genannt.
Es folgen vier Stunden Busfahrt ins Dorf Alcala und eine Stunde Wanderung ins Nirgendwo. 
2500m Höhe. Herrliche Bergwelt, ein Fluss, Sonne...
Mitten in den Bergen gibt es eine Schule, in der die Kinder der Indigenen bis zur vierten Klasse lernen können. Sie laufen bei Wind und Wetter eine Stunde oder mehr, um in zwei Klassenräumen die 
grundlegenden Dinge zu lernen: lesen, schreiben, rechnen. Nachmittags arbeiten sie auf den Feldern oder hüten Vieh. 
Kinderarbeit ist hier legal. Wenige von Ihnen gehen nach der Vierten auf eine weiterführende Schule. 

















In der Schule unterrichtet ein Ehepaar. Alle Klassenstufen gleichzeitig. Elektrizität gibt es noch nicht. Wir hatten Sonnenschein, aber ohne diesen ist es drinnen ganz schön dunkel und im Winter kalt. Die Gebäude haben keine Fensterscheiben. Gekocht wird auf offenem Feuer. Draußen auf der Stufe sitzend wird gegessen.
In der Pause spielen die Jungs mit fünf Glasmurmeln, die Mädchen klettern in ihren Baum und kochen für ihre Puppen Milchreis aus Kreide und Sand. 
Sie sind nicht unglücklich, aber sie wissen schon viel vom Leben. 
Ein kleiner Junge repariert gerade fachmännisch seine Sandale. Sie können allein Feuer machen, kochen, mit einem Stein Kartoffeln schälen, Hühner rupfen oder auf das Baby aufpassen. Es sind Grundschüler.
Viele schauen sehr ernst auf den Fotos.
Die zwei Enten sind ein Geschenk für alle zum Kindertag. Nicht zum Streicheln, sondern für die Suppe. Das Essen wird durch Spenden finanziert. Es gibt Maissuppe zum Frühstück und Suppe aus Reis, Linsen und Kartoffeln zu Mittag. Beides schmeckt sehr gut.
Nach anfänglicher Scheu lesen sie mit uns, schreiben und zeichnen Comicfiguren mit mir.
Das ist gar nicht so anders als in Dresden.
Der Lehrer wünscht sich ein gemeinsames Foto von uns.
Zum Abschied spendiert er uns Gästen pinkfarbene Fanta. Das ist ein surrealer Moment, als ein paar Kinder auf das magische Zuckerwasser schauen. Coca Cola ist ein Stück vom vermeintlichen Reichtum der westlichen Welt. Alle drei halten wir den Kindern unsere Gläser zum Kosten hin. Sie trinken nur wenig und ich weiß nicht, ob es ihnen nicht schmeckt oder ob das aus Höflichkeit geschieht. Ich trinke aus Höflichkeit die Fanta aus und hätte hier aus Höflichkeit auch Fleisch gegessen. Weil ich niemandem hätte erklären können, 
dass ich mir aussuchen kann, was ich essen möchte und deshalb Vegetarier bin.
Als ich auf der Rückreise frierend im klapprigen Bus sitze, muss ich unentwegt an all die Geschichten denken, die mir Sophie unterwegs über das Leben hier erzählt hat. Sie hat vor sieben Jahren ein Jahr als Freiwillige die Schule mit aufgebaut. Damit die Kinder überhaupt zur Schule gehen können. Damit sie rechnen können und auf dem Markt nicht betrogen werden. Damit sie nicht mit zehn Jahren für immer die Schule verlassen. Damit das eine oder andere Mädchen 
vielleicht nicht mit 14 erstmals Mutter wird, um dann lebenslang weitere Kinder zu bekommen und Feldarbeit zu verrichten. 
Wenn es regnet, sind Fluss und Wege unpassierbar, Schule fällt aus. Wenn Trockenzeit ist, fehlt das Wasser für die Pflanzen und zum Kochen. Ohne Essen keine Schule. Durch die unverputzten Lehmwände der Behausungen kommen Wanzen, die beißen und eine unheilbare Krankheit (Chagas) übertragen. Daran stirbt man irgendwann, weil das Herz aussetzt. 
Der Rauch vom Kochen mit offenem Feuer im Haus schadet den 
Augen, was man den Menschen auch ansieht. In der Pampa gibt es keinen Arzt. Auch keinen Zahnarzt. Irgendwann  ist man alt und eben zahnlos. Oder gerade zwanzig und schon ohne Schneidezähne. Hier stört sich keiner am Anblick solcher Menschen.
Die Sechsjährige, die sich am Vormittag an uns klammert, kuschelte und fasziniert meine hellen Haare befühlt, ist ein kluges Kind. Sie fragt mich, wie viele Schüler in meine Klasse gehen. In jedem Buch, was wir gemeinsam anschauen, zählt sie ganz ernsthaft die Personen. Wie wird wohl ihr Lebensweg aussehen?
Jedenfalls sitze ich im Bus, draußen strahlend blauer Himmel über einer wunderbaren Landschaft.
Drinnen schlafen die Leute in Decken gehüllt und der typische Geruch nach Rauch und Koka und muffiger Kleidung umgibt mich. Ein Floh springt auf meinen Handrücken, durch das scheppernde Schiebefenster neben mir zieht ein kalter Luftzug.
Ich töte panisch den Floh und möchte meine Kleidung ausschütteln, vom Sitz aufstehen und sofort duschen. Aber noch vier Stunden Busfahrt. Ohne Toilette. Okay, ablenken....
Da bin ich in Gedanken wieder im Dorf und muss plötzlich hemmungslos weinen.
Wahrscheinlich gar nicht, weil mir die Kinder 
leid tun. Mir wird bewusst, wie ungerecht die Welt ist und dass ich für das Privileg, in Deutschland geboren und aufgewachsen zu sein, nichts tun musste.
Das Glück war einfach auf meiner Seite:
Gesundheit, Bildung, Reisefreiheit, warmes Wasser, Heizung, neue 
Kleidung....
Die Liste ist endlos.
Ich weiß nicht, ob ihr das verstehen könnt.
Ein paar Tage später erkunden wir Buenos Aires und Montevideo, stoßen auf der Dachterrasse des Hostels mit dem Begrüßungsdrink an und kaufen ein paar Souvenirs.




Ob die Kinder aus der Dorfschule das Wort Souvenir überhaupt kennen? Wenn man nie verreist, bringt man auch keine Andenken mit.
Wir genießen die Radtour mit den Schrotträdern am Meer, den Flug, das gute Essen.
Wir fühlen uns wohl im Schlafraum mit anderen Reisenden.
Wir leben nicht verschwenderisch, aber wir haben in einer Woche extreme Unterschiede erlebt.
Wir wissen das Alles schon lange aus Nachrichten und Reportagen.
Trotzdem ist es ganz anders, plötzlich mittendrin zu sein.
Dort, wohin sich kein Tourist verirrt.
Wenn ich mich in Zukunft doch mal wieder über meine Arbeit, die verspätete Bahn, das Wetter, die Steuererklärung oder die Falten im Gesicht aufregen möchte, so hoffe ich sehr, dass mich die Bilder aus dem Hochland ganz schnell daran erinnern:
Alles Luxusprobleme! Weniger Ansprüche und viel mehr Dankbarkeit!







Samstag, 6. April 2019

Hilfe! Mi corazón!

Mi corazón! Dieses Wort darf in keinem einzigen Musiktitel der hiesigen Hitparade fehlen. Das HERZ. MEIN HERZ!
Ganz ehrlich, ich hielt die inflationäre Verwendung dieses menschlichen Organs in meiner neuen Umgebung für extrem übertrieben. Die schwülstigen Liebesbeteuerungen, die meine jungen Kolleginnen in der discoteca von Bolivianern erhielten, weil sie die schönsten Augen der Welt hätten...
Auch die theatralisch wirkenden Verabschiedungen der Eltern am Morgen, viele Küsse, Umarmungen und Worte wie mi amor...
Doch plötzlich am letzten Schultag stand ich völlig verstört in dieser Welt voller Emotionen und konnte meine Abschiedstränen nicht zurückhalten. Nach rund zwei Monaten Deutschunterricht in Klasse 3 empfingen mich die Kinder am Zeugnistag mit Umarmungen und bedrängten mich auf
Spanisch mit „Lehrerin, du sollst nicht gehen, du wirst mir fehlen, ich hab dich lieb, kommst du nächstes Jahr wieder...“ Einige schluchzten so sehr, dass mir auch die Tränen kamen.



Sie haben alles auf kleine Herzen geschrieben. Wenn ich den erwachsenen Bolivianern immer etwas theatralisches Gehabe unterstellt habe, so waren die Gefühle der Acht- und Neunjährigen authentisch.
Mein deutsches Denken, dass ich hier mal kurze Zeit Erfahrungen austausche und danach ein bisschen reise, hat mich diesmal gründlich in die Irre geführt. Während manch Kind sich im Unterricht wegträumte und mich verständnislos ansah, hatte ich oft das Gefühl, hier wenig Fortschritt zu erzielen. Dieser mühsame Stundenbeginn, bis alle das richtige Material auf dem Tisch hatten.
Mitten in meinen Erklärungen standen sie auf, um am Waschbecken die Brille zu putzen oder ein Schnipsel wegzubringen. Ja, ich habe versucht, da ein wenig deutsche Ordnung (was für ein schrecklicher Begriff) hineinzubringen. Bei: „Wir machen jetzt Sport, Zack Zack!“ kamen sie rennend nach vorn und holten sich einzeln ihre Arbeit ab. Sie fanden das lustig und ich konnte mindestens fünf Minuten einsparen.
Meine Erfahrung mit ihrer Langsamkeit war ihre Erfahrung mit meinem Drängen nach Effektivität.
Noch habe ich nicht alle Herzchen übersetzt, denn sie haben in ihrer Muttersprache geschrieben, damit ich besser Spanisch lerne. Aber da steht, es war lustig, Singular und Plural zu lernen.
Da steht auch, du warst die beste Deutschlehrerin in meinem Leben und ich werde dich immer lieben.
Okay, das ist vielleicht dann doch schon ein wenig übertrieben.
Aber ihr könnt mir glauben, es hat mich ergriffen. Viele Kollegen haben schon seit Tagen ihr Bedauern kundgetan, dass ich sie verlasse.
Hier scheint fast immer die Sonne.
Der Freitag war ein stürmischer, kalter und grauer Tag.
Mi corazón!

Samstag, 23. März 2019

Zwischen Willkür und Gelassenheit


Die bolivianische Mentalität ist sehr schwer zu ergründen.
Genauso wie das Land von Extremen geprägt wird, erscheinen einige Verhaltensweisen der Bolivianer völlig entgegengesetzt. Vieles existiert nebeneinander:
Reichtum und Armut
Rücksichtnahme und Rücksichtslosigkeit
Sauberkeit und Umweltverschmutzung
Hilfsbereitschaft und Egoismus
Ehrlichkeit und Korruption
Chaos und Ordnung
Dafür möchte ich gern ein paar Beispiele erläutern.
Die Spanne zwischen Arm und Reich ist hier viel größer als in Deutschland. Die Marktfrau wäscht sich mit normaler Seife Haare und Gesicht. Papiertaschentücher, Küchenrolle, Deo oder Haarspülung kauft sie nie. Sie verkauft mir zwei Avocados für umgerechnet 25 Cent. Drei Ananas für 1,50 €. Ich bezahle für ein Einzimmerappartement im sichersten Viertel der Stadt ca. 400 €. Das sind deutsche Preise. Es gibt hier genug Bolivianer, die diese Preise zahlen können. Sie fahren SUV und ihre Kinder tragen in Klasse zwei eine Smartwatch.
In der Stadt versuchen viele Mütter mit Kindern, irgendetwas Kleines zu verkaufen. Sie sitzen in der Hitze am Boden auf Pappen, stillen ihr Kind, Löffeln Suppe aus Plastiktüten. Anfangs dachte ich jeden Morgen “die armen Kinder, so verwahrlost “. Inzwischen denke ich aber über die soziale Verwahrlosung von Kindern geschäftiger Eltern nach. Diese schmutzigen kleinen Kobolde hier werden den ganzen Tag umhegt und können jederzeit an Mamas Brust einschlafen. Die Geschwister sind füreinander verantwortlich. Sie würden den kleinen Bruder niemals auf die Straße ins Auto rennen lassen, wenn die Mama gerade erschöpft eingeschlafen ist. Es ist nicht ideal, zwischen
Straßenlärm und Abgasen aufzuwachsen. Aber im klinisch sauberen Einfamilienhaus ohne Zuwendung kann der Schaden für eine Kinderseele durchaus größer sein.
Es geht hier aber noch eine Stufe ärmer. Im Kanal in der Nähe der Schule leben die, die gar nichts haben, aber etwas vom Reichtum der Millionenstadt abbekommen wollen. Sie müssen betteln und stehlen. Man erkennt sie leicht. Ihre Haut- und Kleidungsfarbe ist graubraun, sie tragen keine Schuhe und riechen oft unerträglich. Sie haben den Rang von Ratten. Alle Gebäude ringsum sind von Mauern umgeben, Security sitzt davor und Stacheldraht windet sich unter den blühenden Ranken über den Toren. Auf den folgenden Fotos seht ihr Kanal und Reichenviertel. Es lohnt sich, die Ansichten mal ein wenig größer zu zoomen. Sonst sieht man die Sicherheitsvorkehrungen kaum.





 Die Armut wird teilweise als gegeben hingenommen. Manche Frau wurde von Gott eben als Putzfrau erschaffen. Als ich meiner Mitbewohnerin sagte, ich fände es unangenehm, wenn eine Fremde für mich Bad und Zimmer reinige, meinte die Putzfrau, es wäre doch eine Ehre für sie, für eine Deutsche zu arbeiten! Viele bolivianische Kolleginnen finden es völlig normal, eine Emplejada (Angestellte) im Haus zu “besitzen”. Wir schaffen damit doch Arbeit.
Themenwechsel. Bestechung, Willkür. Ich habe drei erfolglose Anläufe unternommen, mein Visum zu verlängern. Jedes Mal fehlte ein Dokument, war nicht von der richtigen Person unterschrieben und am Ende war die Zeit überschritten und ich musste 35 €  Strafe zahlen, weil mein Visum abgelaufen war. Letztendlich bin ich nach Peru ausgereist und als Tourist wieder eingereist, niemand wollte den Strafzettel sehen und ich bekam automatisch das Touristenvisum. Dann hab ich beim vierten Besuch der Migrationsbehörde einfach gelogen und gesagt, ich würde nicht mehr als Lehrerin hier arbeiten, sondern nur noch reisen. Hat funktioniert. Genauso, wie man sich ein Gesundheitszeugnis oder eine Fahrerlaubnis kaufen kann. Für andere Bolivianer steht Ehrlichkeit hoch im Kurs. Auf dem Markt ist es mir schon oft passiert, dass ich den Preis nicht genau verstanden und zuviel Geld gegeben habe, schon im Gehen war und die Verkäufer mir unbedingt das Rückgeld geben wollten.
Und während überall Müll herumliegt und alles in Plastiktüten verpackt wird, sind wir Deutsche hier die Exoten, wenn wir mit Stoffbeutel einkaufen. Doch einige Verkäufer lächeln bereits verständnisvoll und freuen sich. Die Müllsäcke stehen am Straßenrand, werden aber jeden Tag beräumt, weil es bei der Hitze und Luftfeuchtigkeit gar nicht anders ginge.
Mein erster Eindruck vom Straßenverkehr , bei dem es keine Regel gibt, außer das jeder auf sich selbst achtet, ist nicht ganz richtig. Zebrastreifen sind wirklich nur Dekoration und wer zuerst kommt oder am größten ist, fährt zuerst. Aber insgesamt sind alle viel aufmerksamer! Ich habe noch keinen einzigen Unfall gesehen. Hier wird gefahren, wo Platz ist und gehupt, wenn man als erster über die Kreuzung will. In den ersten Wochen habe ich vor Angst noch das Bodenblech im Taxi durchgetreten, jetzt finde ich es faszinierend, mit zwei Zentimeter Abstand am Bus vorbei zu jonglieren. Anschnallen ist nicht nötig, der Verkehr fließt nicht sehr schnell. Letzte Woche sind wir zu neunt in einem Kleinwagen gefahren, sechs Erwachsene und drei Kinder. Überhaupt kein Ding.
Es ist wie stets im Leben: Die absolute Wahrheit gibt es nicht und jedes Ding hat zwei Seiten.





Sonntag, 10. März 2019

Verlängertes Wochenende




Es war Karneval und wir hatten 5 Tage frei.
Was unternimmt man zur Erholung an so einem verlängerten Wochenende in Südamerika?
Karneval in Santa Cruz hatten wir gestrichen, denn da ist der Teufel los, man wird mit Wasser, Schaum und Farbbomben attackiert, der Alkohol tut sein Übriges dazu, dass die Stadt im Ausnahmezustand ist.


Den Vorschlag, mit einer Kollegin in nur 5 Tagen ins benachbarte Peru auf den Machu Picchu mitzureisen, hatte ich anfangs abgelehnt. Was für ein Stress: zwei Flüge, zwei lange Busfahrten,
Höhenkrankheit, ewige Grenzkontrollen. Nein, danke.
Aber zwei Wochen vor den Ferien hatten sie mich dann soweit. Jeder, der die Inkastätte bereits
besucht hatte, redete mir zu. Das musst du sehen. Es ist magisch.
So wurde aus einem verlängerten Wochenende eine der verrücktesten Reisen, die ich je erlebt habe.
Denn eins kann ich vorwegnehmen: es war alles andere als erholsam!
Doch nun von Anfang an.
Freitags direkt nach dem Unterricht führen wir mit unseren gepackten Rucksäcken zum Flughafen und starteten nach La Paz, Boliviens Hauptstadt. Eine Stunde Flug, herrlicher Blick auf die schneebedeckten Anden. Meine Reisebegleiterin Jule war genauso aufgeregt wie ich. Wir landeten in 4000 m Höhe in El Alto, der zweitgrößten Stadt Boliviens, von der aus man mit dem Taxi in die 500 m tiefer gelegene Hauptstadt fährt. Alle hatten uns Tipps gegen die Höhenkrankheit gegeben, wir
hatten Sorochipillen, Koka und ausreichend Wasser dabei. Aber die ersten Schritte aus dem Flugzeug waren der Hammer! Im Schneckentempo liefen wir die Gangway entlang. Es fühlte sich extrem rauschhaft an, ähnlich wie  das Aufwachen aus der Narkose. Der Kreislauf ist völlig überfordert,
innerhalb einer Stunde fast 4 km  Höhenunterschied zu bewältigen. Im Taxi wurde es nicht besser und im Hostel ließ ich anschreiben, um nicht mein Geld im Zimmer eine Stockwerk höher holen zu müssen. Unsere Abendrunde in La Paz war winzig, zeitig lagen wir im Bett. Der Kokatee und die Pillen schienen ganz gut zu wirken. Am nächsten Morgen irrten wir eine Weile auf dem Busbahnhof herum, um unsere Tickets abzuholen und dann saßen wir in einem wirklich komfortablen Fünfsterne-Reisebus, der uns in 14 Stunden an unser nächstes Ziel, Cusco in Peru, bringen sollte. Zur Abfahrt gab es einen Kokatee, wir klappten unsre Liegesitze um und wickelten uns in warme Decken. Einzig die Bustoilette hatte nicht einen Stern verdient...
Die Fahrt im Hochland ging durch El Alto bis an den Titicacasee, den größten Süßwassersee Südamerikas, der Peru und Bolivien verbindet. Obwohl uns die fremden Landschaften in ihren Bann zogen, merkten wir, wie unsere Kopfschmerzen stetig zunahmen und fast unerträglich wurden. Da hatten wir uns ziemlich naiv vorgestellt, dass wir auf der Fahrt ja an Höhe verlieren würden, weil Machu Picchu auf 2500 m liegt. Aber der Titicaca liegt auf 3800 und Cusco auf 3000 m... An der
Grenze durften wir dann noch zwei Stunden mit unserem Gepäck in der Sonne anstehen. Spätabends fielen wir ohne Abendbrot, aber mit einem Kokatee ins Bett unseres kleinen Hostels. In der Hoffnung, dass es uns am Morgen gesundheitlich besser gehen würde. Unser Hostelbesitzer überraschte uns mit Rührei und frischem Mangosaft zum Frühstück, die Innenstadt mit Karnevalsumzügen, Wasserbomben und Schaumattacken. Um den Zug nach Aguas Calientes, dem Startpunkt unserer Wanderung zur berühmten Inkastätte,  zu erreichen, war  eine fast zweistündige Bus- oder Taxifahrt nötig. Endlich saßen wir im Zug. Welche Freude, durch die Panoramafenster das Andental mit Fluss, Wasserfällen und wilden Orchideen zu erleben. Dazu gab es noch Kaffee  und Kuchen. Im Hostel in Aguas Caliente erhielten wir vom Betreiber nützliche Insidertipps für unseren großen Tag. Wie gut, dass wir keinen Guide gebucht hatten, der uns in zweieinhalb Stunden durch den Rundgang getrieben hätte.  Hoffentlich würden wir zeitig schlafen können. Aber nach dieser physisch und psychisch strapaziösen Anreise und einem superleckeren peruanischen Abendbrot hatten wir an  diesem Abend noch das Privileg, uns keine Bettdecke teilen zu müssen, da wir erstmals zwei  Einzelbetten hatten.  4 Uhr klingelte das Handy. Also Jules Handy. Meines hatte sich in Cusco plötzlich verabschiedet. Der Touchscreen funktionierte nicht, es ging nicht einmal auszuschalten. Toller Ausflug, ohne Internet, ohne Fotoapparat, ohne Taschenlampe für den nächtlichen Aufstieg auf den Berg.  4:30 Uhr liefen wir mit je zwei Liter Wasser, Obst und Müsliriegeln auf dem Rücken zum Brücke am Fluss unterhalb des Machu Picchu, wo wir nach Vorzeigen unserer Eintrittskarten (für 6 Uhr) und des Reisepasses 5:10 Uhr durchgelassen wurden. Vor und hinter uns viele Frühaufsteher mit Stirnlampen. Nun  begann der Aufstieg über ca. 2000 Stufen. In einer Stunde und zwanzig Minuten waren wir oben, fertig, aber voller Stolz. Der Aufstieg bescherte uns wunderbare Aussichten, Regen und ein ordentliches Kreislauftraining. Jetzt zahlten sich unsere regelmäßigen Fitnessstudiobesuche richtig aus. Auf dem Berg waren inzwischen 50 bis 100 Menschen, auf einer Straße fuhren unentwegt
Busse zum Gipfel und schütteten neue Besucher aus. Wir starteten zum höher gelegenen Sonnentor (Intipunku),um dort zu rasten und zu frühstücken. Der Weg dauerte eine knappe Stunde, wir bestaunten die Fauna und Flora um uns herum und waren glücklich, dass nur wenige Touristen diesen beschwerlichen  Weg eingeschlagen hatten. Jule fotografierte, ich schaute kurz auf mein Handy, welches sich immer noch nicht zurückgemeldet hatte, und beschloss zu akzeptieren, dass ich einen analogen Besuch auf dem magischen Berg geschenkt bekommen sollte. Rückblickend muss ich feststellen, dass es sich angenehm entspannt anfühlte. Denn ich setzte mich hinter einen kleinen Felsen am Hang und wartete, dass die Wolken wegzogen und wir einen Blick auf die hunderte Meter unter uns liegende Stadt der Inka erhaschen würden. Nach einer Stunde, die wir zwei schweigend  an zwei verschiedenen Plätzen ausruhten, schwirrte mir der grünschillernde Kolibri um den Kopf, den wir zuvor nur von weitem gesehen hatten. Immer wieder spürte ich den Luftzug an meinen Haaren, den sein kräftiges Flügelschlagen verursachte. Es klang wie ein Minipropeller. Ach, wenn ich nur ein Foto machen könnte, ging es mir durch den Kopf. Aber welch Schwachsinn! Er war ja nur zu mir gekommen, weil ich ohne Handyfummelei ganz still dagesessen hatte. Jule kam, ich bot ihr meinen Platz an und da geschah das Unfassbare. Nach einer kleinen Wartezeit kam der neugierige Vogel zurück, umschwirrte  ihren Kopf und steckte seinen langen spitzen Schnabel in ihre Hochsteckfrisur. Entweder er erkundete ein mögliches Nest oder der Duft des Shampoos lockte ihn an. Ich konnte davon einige Fotos und Filmchen mit ihrem Handy machen. Während wir gehofft hatten, einen  Kondor zu sehen, trafen wir einen Kolibri.  Das war der magischste Moment für uns.  Wir stiegen zur Hauptstätte hinab und mussten uns dem fürchterlichen Touristenstrom aussetzen, der trotz Personenzahlbeschränkung und Vorsaison auf diese Weltkulturstätte einströmte. Leider erfuhren nur wenige die Magie des Ortes und selbst Reisführer lotsten die Menschen aus aller Welt von Fotopoint zu Fotopoint. Unglaublich, was wir dort Irrationales erlebten. Ein wahnsinniges Fotoshooting.  Statt Blick auf die herrliche Kulisse nur Blicke aufs Handy, Posen, Schminkspiegel und das verrutschte Glitzertop. Nach sieben Stunden Hochkultur war es Zeit für den Abstieg. Das Adrenalin war verbraucht, Beine und Kopf forderten ihren Tribut und wir fuhren mit dem Bus hinunter. 14 km reichten uns. Schließlich hatten wir für den nächsten Tag in Cusco noch eine Rundreise gebucht. Auf der wollten wir uns eigentlich vom Machu Picchu erholen, doch statt uns im Bus nur von Punkt A zu B kutschieren zu lassen, gab es Aufstiege zu zwei weiteren Inkastätten. Im Valle Sagrado und in Ollantaytambo erklommen wir erneut zahlreiche Stufen in über 2000 m Höhe, um den Kühlschrank der Inkas, ihre Legobauweise und Grabstätten in Felshöhlen zu bestaunen. Dazu eine Silberschmiede, eine Weberei, Alpakas und ein superleckeres peruanisches Buffet. Nach diesem weiteren anstrengenden Tag wartete statt Hostelbett nur der Liegesitz im Bus auf uns, eine etwas schnellere Grenzkontrolle und der anschließende Flug von La Paz zurück nach Santa Cruz.
Diese Reise wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Nicht nur wegen der mächtigen körperlichen
Herausforderung, denn diese verblasst erfahrungsgemäß mit der Zeit. Aber die Bilder im Kopf, die mir eine so fremde Welt zeigten, werden nicht verblassen. Und Fotos gibt es auch genug, allerdings sind die wenigsten von mir. Danke, Jule, dass du meine persönliche Reiseführerin und Fotografin warst! Mein Handy funktionierte nach dem Abstieg vom Berg wie durch ein Wunder plötzlich wieder. Die Ursache werde ich nie erfahren. Wahrscheinlich hat es die Höhe genau wie ich nicht gut vertragen.
Bildunterschrift hinzufügen