Mi corazón! Dieses Wort darf in keinem einzigen Musiktitel der hiesigen Hitparade fehlen. Das HERZ. MEIN HERZ!
Ganz ehrlich, ich hielt die inflationäre Verwendung dieses menschlichen Organs in meiner neuen Umgebung für extrem übertrieben. Die schwülstigen Liebesbeteuerungen, die meine jungen Kolleginnen in der discoteca von Bolivianern erhielten, weil sie die schönsten Augen der Welt hätten...
Auch die theatralisch wirkenden Verabschiedungen der Eltern am Morgen, viele Küsse, Umarmungen und Worte wie mi amor...
Doch plötzlich am letzten Schultag stand ich völlig verstört in dieser Welt voller Emotionen und konnte meine Abschiedstränen nicht zurückhalten. Nach rund zwei Monaten Deutschunterricht in Klasse 3 empfingen mich die Kinder am Zeugnistag mit Umarmungen und bedrängten mich auf
Spanisch mit „Lehrerin, du sollst nicht gehen, du wirst mir fehlen, ich hab dich lieb, kommst du nächstes Jahr wieder...“ Einige schluchzten so sehr, dass mir auch die Tränen kamen.
Sie haben alles auf kleine Herzen geschrieben. Wenn ich den erwachsenen Bolivianern immer etwas theatralisches Gehabe unterstellt habe, so waren die Gefühle der Acht- und Neunjährigen authentisch.
Mein deutsches Denken, dass ich hier mal kurze Zeit Erfahrungen austausche und danach ein bisschen reise, hat mich diesmal gründlich in die Irre geführt. Während manch Kind sich im Unterricht wegträumte und mich verständnislos ansah, hatte ich oft das Gefühl, hier wenig Fortschritt zu erzielen. Dieser mühsame Stundenbeginn, bis alle das richtige Material auf dem Tisch hatten.
Mitten in meinen Erklärungen standen sie auf, um am Waschbecken die Brille zu putzen oder ein Schnipsel wegzubringen. Ja, ich habe versucht, da ein wenig deutsche Ordnung (was für ein schrecklicher Begriff) hineinzubringen. Bei: „Wir machen jetzt Sport, Zack Zack!“ kamen sie rennend nach vorn und holten sich einzeln ihre Arbeit ab. Sie fanden das lustig und ich konnte mindestens fünf Minuten einsparen.
Meine Erfahrung mit ihrer Langsamkeit war ihre Erfahrung mit meinem Drängen nach Effektivität.
Noch habe ich nicht alle Herzchen übersetzt, denn sie haben in ihrer Muttersprache geschrieben, damit ich besser Spanisch lerne. Aber da steht, es war lustig, Singular und Plural zu lernen.
Da steht auch, du warst die beste Deutschlehrerin in meinem Leben und ich werde dich immer lieben.
Okay, das ist vielleicht dann doch schon ein wenig übertrieben.
Aber ihr könnt mir glauben, es hat mich ergriffen. Viele Kollegen haben schon seit Tagen ihr Bedauern kundgetan, dass ich sie verlasse.
Hier scheint fast immer die Sonne.
Der Freitag war ein stürmischer, kalter und grauer Tag.
Mi corazón!
Samstag, 6. April 2019
Samstag, 23. März 2019
Zwischen Willkür und Gelassenheit
Die bolivianische Mentalität ist sehr schwer zu ergründen.
Genauso wie das Land von Extremen geprägt wird, erscheinen einige Verhaltensweisen der Bolivianer völlig entgegengesetzt. Vieles existiert nebeneinander:
Reichtum und Armut
Rücksichtnahme und Rücksichtslosigkeit
Sauberkeit und Umweltverschmutzung
Hilfsbereitschaft und Egoismus
Ehrlichkeit und Korruption
Chaos und Ordnung
Dafür möchte ich gern ein paar Beispiele erläutern.
Die Spanne zwischen Arm und Reich ist hier viel größer als in Deutschland. Die Marktfrau wäscht sich mit normaler Seife Haare und Gesicht. Papiertaschentücher, Küchenrolle, Deo oder Haarspülung kauft sie nie. Sie verkauft mir zwei Avocados für umgerechnet 25 Cent. Drei Ananas für 1,50 €. Ich bezahle für ein Einzimmerappartement im sichersten Viertel der Stadt ca. 400 €. Das sind deutsche Preise. Es gibt hier genug Bolivianer, die diese Preise zahlen können. Sie fahren SUV und ihre Kinder tragen in Klasse zwei eine Smartwatch.
In der Stadt versuchen viele Mütter mit Kindern, irgendetwas Kleines zu verkaufen. Sie sitzen in der Hitze am Boden auf Pappen, stillen ihr Kind, Löffeln Suppe aus Plastiktüten. Anfangs dachte ich jeden Morgen “die armen Kinder, so verwahrlost “. Inzwischen denke ich aber über die soziale Verwahrlosung von Kindern geschäftiger Eltern nach. Diese schmutzigen kleinen Kobolde hier werden den ganzen Tag umhegt und können jederzeit an Mamas Brust einschlafen. Die Geschwister sind füreinander verantwortlich. Sie würden den kleinen Bruder niemals auf die Straße ins Auto rennen lassen, wenn die Mama gerade erschöpft eingeschlafen ist. Es ist nicht ideal, zwischen
Straßenlärm und Abgasen aufzuwachsen. Aber im klinisch sauberen Einfamilienhaus ohne Zuwendung kann der Schaden für eine Kinderseele durchaus größer sein.
Es geht hier aber noch eine Stufe ärmer. Im Kanal in der Nähe der Schule leben die, die gar nichts haben, aber etwas vom Reichtum der Millionenstadt abbekommen wollen. Sie müssen betteln und stehlen. Man erkennt sie leicht. Ihre Haut- und Kleidungsfarbe ist graubraun, sie tragen keine Schuhe und riechen oft unerträglich. Sie haben den Rang von Ratten. Alle Gebäude ringsum sind von Mauern umgeben, Security sitzt davor und Stacheldraht windet sich unter den blühenden Ranken über den Toren. Auf den folgenden Fotos seht ihr Kanal und Reichenviertel. Es lohnt sich, die Ansichten mal ein wenig größer zu zoomen. Sonst sieht man die Sicherheitsvorkehrungen kaum.
Die Armut wird teilweise als gegeben hingenommen. Manche Frau wurde von Gott eben als Putzfrau erschaffen. Als ich meiner Mitbewohnerin sagte, ich fände es unangenehm, wenn eine Fremde für mich Bad und Zimmer reinige, meinte die Putzfrau, es wäre doch eine Ehre für sie, für eine Deutsche zu arbeiten! Viele bolivianische Kolleginnen finden es völlig normal, eine Emplejada (Angestellte) im Haus zu “besitzen”. Wir schaffen damit doch Arbeit.
Themenwechsel. Bestechung, Willkür. Ich habe drei erfolglose Anläufe unternommen, mein Visum zu verlängern. Jedes Mal fehlte ein Dokument, war nicht von der richtigen Person unterschrieben und am Ende war die Zeit überschritten und ich musste 35 € Strafe zahlen, weil mein Visum abgelaufen war. Letztendlich bin ich nach Peru ausgereist und als Tourist wieder eingereist, niemand wollte den Strafzettel sehen und ich bekam automatisch das Touristenvisum. Dann hab ich beim vierten Besuch der Migrationsbehörde einfach gelogen und gesagt, ich würde nicht mehr als Lehrerin hier arbeiten, sondern nur noch reisen. Hat funktioniert. Genauso, wie man sich ein Gesundheitszeugnis oder eine Fahrerlaubnis kaufen kann. Für andere Bolivianer steht Ehrlichkeit hoch im Kurs. Auf dem Markt ist es mir schon oft passiert, dass ich den Preis nicht genau verstanden und zuviel Geld gegeben habe, schon im Gehen war und die Verkäufer mir unbedingt das Rückgeld geben wollten.
Und während überall Müll herumliegt und alles in Plastiktüten verpackt wird, sind wir Deutsche hier die Exoten, wenn wir mit Stoffbeutel einkaufen. Doch einige Verkäufer lächeln bereits verständnisvoll und freuen sich. Die Müllsäcke stehen am Straßenrand, werden aber jeden Tag beräumt, weil es bei der Hitze und Luftfeuchtigkeit gar nicht anders ginge.
Mein erster Eindruck vom Straßenverkehr , bei dem es keine Regel gibt, außer das jeder auf sich selbst achtet, ist nicht ganz richtig. Zebrastreifen sind wirklich nur Dekoration und wer zuerst kommt oder am größten ist, fährt zuerst. Aber insgesamt sind alle viel aufmerksamer! Ich habe noch keinen einzigen Unfall gesehen. Hier wird gefahren, wo Platz ist und gehupt, wenn man als erster über die Kreuzung will. In den ersten Wochen habe ich vor Angst noch das Bodenblech im Taxi durchgetreten, jetzt finde ich es faszinierend, mit zwei Zentimeter Abstand am Bus vorbei zu jonglieren. Anschnallen ist nicht nötig, der Verkehr fließt nicht sehr schnell. Letzte Woche sind wir zu neunt in einem Kleinwagen gefahren, sechs Erwachsene und drei Kinder. Überhaupt kein Ding.
Es ist wie stets im Leben: Die absolute Wahrheit gibt es nicht und jedes Ding hat zwei Seiten.
Sonntag, 10. März 2019
Verlängertes Wochenende
Es war Karneval und wir hatten 5 Tage frei.
Was unternimmt man zur Erholung an so einem verlängerten Wochenende in Südamerika?
Karneval in Santa Cruz hatten wir gestrichen, denn da ist der Teufel los, man wird mit Wasser, Schaum und Farbbomben attackiert, der Alkohol tut sein Übriges dazu, dass die Stadt im Ausnahmezustand ist.
Den Vorschlag, mit einer Kollegin in nur 5 Tagen ins benachbarte Peru auf den Machu Picchu mitzureisen, hatte ich anfangs abgelehnt. Was für ein Stress: zwei Flüge, zwei lange Busfahrten,
Höhenkrankheit, ewige Grenzkontrollen. Nein, danke.
Aber zwei Wochen vor den Ferien hatten sie mich dann soweit. Jeder, der die Inkastätte bereits
besucht hatte, redete mir zu. Das musst du sehen. Es ist magisch.
So wurde aus einem verlängerten Wochenende eine der verrücktesten Reisen, die ich je erlebt habe.
Denn eins kann ich vorwegnehmen: es war alles andere als erholsam!
Doch nun von Anfang an.
Freitags direkt nach dem Unterricht führen wir mit unseren gepackten Rucksäcken zum Flughafen und starteten nach La Paz, Boliviens Hauptstadt. Eine Stunde Flug, herrlicher Blick auf die schneebedeckten Anden. Meine Reisebegleiterin Jule war genauso aufgeregt wie ich. Wir landeten in 4000 m Höhe in El Alto, der zweitgrößten Stadt Boliviens, von der aus man mit dem Taxi in die 500 m tiefer gelegene Hauptstadt fährt. Alle hatten uns Tipps gegen die Höhenkrankheit gegeben, wir
hatten Sorochipillen, Koka und ausreichend Wasser dabei. Aber die ersten Schritte aus dem Flugzeug waren der Hammer! Im Schneckentempo liefen wir die Gangway entlang. Es fühlte sich extrem rauschhaft an, ähnlich wie das Aufwachen aus der Narkose. Der Kreislauf ist völlig überfordert,
innerhalb einer Stunde fast 4 km Höhenunterschied zu bewältigen. Im Taxi wurde es nicht besser und im Hostel ließ ich anschreiben, um nicht mein Geld im Zimmer eine Stockwerk höher holen zu müssen. Unsere Abendrunde in La Paz war winzig, zeitig lagen wir im Bett. Der Kokatee und die Pillen schienen ganz gut zu wirken. Am nächsten Morgen irrten wir eine Weile auf dem Busbahnhof herum, um unsere Tickets abzuholen und dann saßen wir in einem wirklich komfortablen Fünfsterne-Reisebus, der uns in 14 Stunden an unser nächstes Ziel, Cusco in Peru, bringen sollte. Zur Abfahrt gab es einen Kokatee, wir klappten unsre Liegesitze um und wickelten uns in warme Decken. Einzig die Bustoilette hatte nicht einen Stern verdient...
Die Fahrt im Hochland ging durch El Alto bis an den Titicacasee, den größten Süßwassersee Südamerikas, der Peru und Bolivien verbindet. Obwohl uns die fremden Landschaften in ihren Bann zogen, merkten wir, wie unsere Kopfschmerzen stetig zunahmen und fast unerträglich wurden. Da hatten wir uns ziemlich naiv vorgestellt, dass wir auf der Fahrt ja an Höhe verlieren würden, weil Machu Picchu auf 2500 m liegt. Aber der Titicaca liegt auf 3800 und Cusco auf 3000 m... An der
Grenze durften wir dann noch zwei Stunden mit unserem Gepäck in der Sonne anstehen. Spätabends fielen wir ohne Abendbrot, aber mit einem Kokatee ins Bett unseres kleinen Hostels. In der Hoffnung, dass es uns am Morgen gesundheitlich besser gehen würde. Unser Hostelbesitzer überraschte uns mit Rührei und frischem Mangosaft zum Frühstück, die Innenstadt mit Karnevalsumzügen, Wasserbomben und Schaumattacken. Um den Zug nach Aguas Calientes, dem Startpunkt unserer Wanderung zur berühmten Inkastätte, zu erreichen, war eine fast zweistündige Bus- oder Taxifahrt nötig. Endlich saßen wir im Zug. Welche Freude, durch die Panoramafenster das Andental mit Fluss, Wasserfällen und wilden Orchideen zu erleben. Dazu gab es noch Kaffee und Kuchen. Im Hostel in Aguas Caliente erhielten wir vom Betreiber nützliche Insidertipps für unseren großen Tag. Wie gut, dass wir keinen Guide gebucht hatten, der uns in zweieinhalb Stunden durch den Rundgang getrieben hätte. Hoffentlich würden wir zeitig schlafen können. Aber nach dieser physisch und psychisch strapaziösen Anreise und einem superleckeren peruanischen Abendbrot hatten wir an diesem Abend noch das Privileg, uns keine Bettdecke teilen zu müssen, da wir erstmals zwei Einzelbetten hatten. 4 Uhr klingelte das Handy. Also Jules Handy. Meines hatte sich in Cusco plötzlich verabschiedet. Der Touchscreen funktionierte nicht, es ging nicht einmal auszuschalten. Toller Ausflug, ohne Internet, ohne Fotoapparat, ohne Taschenlampe für den nächtlichen Aufstieg auf den Berg. 4:30 Uhr liefen wir mit je zwei Liter Wasser, Obst und Müsliriegeln auf dem Rücken zum Brücke am Fluss unterhalb des Machu Picchu, wo wir nach Vorzeigen unserer Eintrittskarten (für 6 Uhr) und des Reisepasses 5:10 Uhr durchgelassen wurden. Vor und hinter uns viele Frühaufsteher mit Stirnlampen. Nun begann der Aufstieg über ca. 2000 Stufen. In einer Stunde und zwanzig Minuten waren wir oben, fertig, aber voller Stolz. Der Aufstieg bescherte uns wunderbare Aussichten, Regen und ein ordentliches Kreislauftraining. Jetzt zahlten sich unsere regelmäßigen Fitnessstudiobesuche richtig aus. Auf dem Berg waren inzwischen 50 bis 100 Menschen, auf einer Straße fuhren unentwegt
Busse zum Gipfel und schütteten neue Besucher aus. Wir starteten zum höher gelegenen Sonnentor (Intipunku),um dort zu rasten und zu frühstücken. Der Weg dauerte eine knappe Stunde, wir bestaunten die Fauna und Flora um uns herum und waren glücklich, dass nur wenige Touristen diesen beschwerlichen Weg eingeschlagen hatten. Jule fotografierte, ich schaute kurz auf mein Handy, welches sich immer noch nicht zurückgemeldet hatte, und beschloss zu akzeptieren, dass ich einen analogen Besuch auf dem magischen Berg geschenkt bekommen sollte. Rückblickend muss ich feststellen, dass es sich angenehm entspannt anfühlte. Denn ich setzte mich hinter einen kleinen Felsen am Hang und wartete, dass die Wolken wegzogen und wir einen Blick auf die hunderte Meter unter uns liegende Stadt der Inka erhaschen würden. Nach einer Stunde, die wir zwei schweigend an zwei verschiedenen Plätzen ausruhten, schwirrte mir der grünschillernde Kolibri um den Kopf, den wir zuvor nur von weitem gesehen hatten. Immer wieder spürte ich den Luftzug an meinen Haaren, den sein kräftiges Flügelschlagen verursachte. Es klang wie ein Minipropeller. Ach, wenn ich nur ein Foto machen könnte, ging es mir durch den Kopf. Aber welch Schwachsinn! Er war ja nur zu mir gekommen, weil ich ohne Handyfummelei ganz still dagesessen hatte. Jule kam, ich bot ihr meinen Platz an und da geschah das Unfassbare. Nach einer kleinen Wartezeit kam der neugierige Vogel zurück, umschwirrte ihren Kopf und steckte seinen langen spitzen Schnabel in ihre Hochsteckfrisur. Entweder er erkundete ein mögliches Nest oder der Duft des Shampoos lockte ihn an. Ich konnte davon einige Fotos und Filmchen mit ihrem Handy machen. Während wir gehofft hatten, einen Kondor zu sehen, trafen wir einen Kolibri. Das war der magischste Moment für uns. Wir stiegen zur Hauptstätte hinab und mussten uns dem fürchterlichen Touristenstrom aussetzen, der trotz Personenzahlbeschränkung und Vorsaison auf diese Weltkulturstätte einströmte. Leider erfuhren nur wenige die Magie des Ortes und selbst Reisführer lotsten die Menschen aus aller Welt von Fotopoint zu Fotopoint. Unglaublich, was wir dort Irrationales erlebten. Ein wahnsinniges Fotoshooting. Statt Blick auf die herrliche Kulisse nur Blicke aufs Handy, Posen, Schminkspiegel und das verrutschte Glitzertop. Nach sieben Stunden Hochkultur war es Zeit für den Abstieg. Das Adrenalin war verbraucht, Beine und Kopf forderten ihren Tribut und wir fuhren mit dem Bus hinunter. 14 km reichten uns. Schließlich hatten wir für den nächsten Tag in Cusco noch eine Rundreise gebucht. Auf der wollten wir uns eigentlich vom Machu Picchu erholen, doch statt uns im Bus nur von Punkt A zu B kutschieren zu lassen, gab es Aufstiege zu zwei weiteren Inkastätten. Im Valle Sagrado und in Ollantaytambo erklommen wir erneut zahlreiche Stufen in über 2000 m Höhe, um den Kühlschrank der Inkas, ihre Legobauweise und Grabstätten in Felshöhlen zu bestaunen. Dazu eine Silberschmiede, eine Weberei, Alpakas und ein superleckeres peruanisches Buffet. Nach diesem weiteren anstrengenden Tag wartete statt Hostelbett nur der Liegesitz im Bus auf uns, eine etwas schnellere Grenzkontrolle und der anschließende Flug von La Paz zurück nach Santa Cruz.
Diese Reise wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Nicht nur wegen der mächtigen körperlichen
Herausforderung, denn diese verblasst erfahrungsgemäß mit der Zeit. Aber die Bilder im Kopf, die mir eine so fremde Welt zeigten, werden nicht verblassen. Und Fotos gibt es auch genug, allerdings sind die wenigsten von mir. Danke, Jule, dass du meine persönliche Reiseführerin und Fotografin warst! Mein Handy funktionierte nach dem Abstieg vom Berg wie durch ein Wunder plötzlich wieder. Die Ursache werde ich nie erfahren. Wahrscheinlich hat es die Höhe genau wie ich nicht gut vertragen.
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Sonntag, 24. Februar 2019
Die Verwandlung
Plötzlich war es da. Dieses neue Gefühl: Jetzt bin ich angekommen, nicht mehr fremd!
Letzten Sonntag, genau vier Wochen nach meiner Einreise, hat sich von einem Augenblick zum anderen alles viel einfacher angefühlt. Der Gang durch die bekannten Straßen, ein Plausch mit einer Missionarin vor der Kirche, die Gespräche mit zwei Markthändlern und die Fahrt im heißen Mikro.
Ohne Vorwarnung wurde mir klar: Du kannst dich ja jetzt unterhalten. Du kannst dich orientieren.
Wahrscheinlich ist es so, dass ich so lange neue spanische Wörter und Sätze in mir angehäuft habe, bis ich wie in einem Computerspiel das nächste Level erreicht habe.
Und ich muss sagen, das fühlt sich verdammt gut an.
Nicht nur „Guten Tag, Wie gehts, Ich spreche wenig Spanisch, Das verstehe ich nicht...“
Mit den Taxifahrern spreche ich darüber, dass die Kinder hier erst zu Hause ausziehen, wenn sie heiraten und eigene Familien gründen. Dass ein Autofahrer in Santa Cruz ringsum im Kopf Augen haben muss, denn der Verkehr kommt von allen Seiten.
Der Marktverkäufer erklärt mir das Rezept für Tamarindenlimonade, die Kunsthandwerkerin will mir bis nächsten Sonntag eine größere Tasche nähen, wo dann Handy und Brille hineinpassen.
In meiner ekelhaften WG-Küche mag ich nicht kochen und betrete die winzige Pizzeria im Nebenhaus. Dort Sitz nur Mozo, ein alter Mann mit schiefem Gebiss am Tisch, den ich kenne, weil er im gleichen Haus wohnt. Er freut sich immer, wenn ihn die „Alemana“, also ich, grüßt und ein paar Worte mit ihm wechselt. Nun bekommen wir gleichzeitig unserEssen, er fragt mich über meine Familie aus und schenkt mir immer mein Wasser nach. Am Ende besteht er darauf, mir mein Essen zu bezahlen. Am nächsten Morgen sieht er mich von seinem Balkon aus am Straßenrand, als ich aufs Taxi warte. Laut ruft er, wohin ich wolle, denn er würde mich fahren. Oh Schreck, das ist mir dann doch zu viel Nähe. Zum Glück kommt mein Taxi genau in dem Moment und ich kann dankend ablehnen.
Das wohl krasseste Gespräch ereilte mich jedoch auf der Ausländerbehörde (Imigration). Mein Tramitador (Bearbeiter) musste gemeinsam mit mir zwei Stunden warten. In dieser Zeit erfahre ich, dass am Morgen in seine Garage eingebrochen und das Auto geklaut wurde, dass er Höhenangst hat und deshalb nicht fliegen kann, dass er beim Anblick von schönen Frauen schmutzige Gedanken bekommt und zur geistigen Reinigung eine Bibel-Zitate-App nutzt, weil er diese Gedanken seiner Frau gegenüber nicht vertreten kann. Er demonstriert mir die App. Nur zwei Wörter kann ich auf Anhieb übersetzen: Sex und Pornografie...
Ich war ziemlich erleichtert, als die Wartezeit endlich herum war, auch wenn mein Visum trotz zwanzig Seiten Unterlagen plus Passfotos nicht verlängert wurde. Der Arbeitsvertrag sei nicht korrekt. Das heißt, ich hab am Montag 7:15 Uhr wieder das Vergnügen mit diesem älteren Herrn und der Behörde.
Ich sehe es gelassen als kostenlosen Spanischunterricht, denn er spricht kein Wort Deutsch.
Vielleicht versteht ihr nach diesen Beispielen, wie sich mein Lebensgefühl gewandelt hat. An die Stelle von Unsicherheit und Hilflosigkeit der ersten Wochen sind Erkenntnisse, Erfahrungen Neugier und Gelassenheit getreten.
Wenn ich mit dem Mikro zu weit fahre und mich verlaufe, finde ich zurück, denn ich kann fragen. Im dichtesten Verkehr schaffe ich es ohne Herzattacke über sechsspurige Straßen. Auf dem Markt diskutiere ich schon mal mit dem Verkäufer, wieso er für die Avocado den doppelten Preis verlangt.
Das fühlt sich alles so herrlich normal an.
Ich bin endlich angekommen.
Nach genau vier Wochen.
Verwandelt.
Letzten Sonntag, genau vier Wochen nach meiner Einreise, hat sich von einem Augenblick zum anderen alles viel einfacher angefühlt. Der Gang durch die bekannten Straßen, ein Plausch mit einer Missionarin vor der Kirche, die Gespräche mit zwei Markthändlern und die Fahrt im heißen Mikro.
Ohne Vorwarnung wurde mir klar: Du kannst dich ja jetzt unterhalten. Du kannst dich orientieren.
Wahrscheinlich ist es so, dass ich so lange neue spanische Wörter und Sätze in mir angehäuft habe, bis ich wie in einem Computerspiel das nächste Level erreicht habe.
Und ich muss sagen, das fühlt sich verdammt gut an.
Nicht nur „Guten Tag, Wie gehts, Ich spreche wenig Spanisch, Das verstehe ich nicht...“
Mit den Taxifahrern spreche ich darüber, dass die Kinder hier erst zu Hause ausziehen, wenn sie heiraten und eigene Familien gründen. Dass ein Autofahrer in Santa Cruz ringsum im Kopf Augen haben muss, denn der Verkehr kommt von allen Seiten.
Der Marktverkäufer erklärt mir das Rezept für Tamarindenlimonade, die Kunsthandwerkerin will mir bis nächsten Sonntag eine größere Tasche nähen, wo dann Handy und Brille hineinpassen.
In meiner ekelhaften WG-Küche mag ich nicht kochen und betrete die winzige Pizzeria im Nebenhaus. Dort Sitz nur Mozo, ein alter Mann mit schiefem Gebiss am Tisch, den ich kenne, weil er im gleichen Haus wohnt. Er freut sich immer, wenn ihn die „Alemana“, also ich, grüßt und ein paar Worte mit ihm wechselt. Nun bekommen wir gleichzeitig unserEssen, er fragt mich über meine Familie aus und schenkt mir immer mein Wasser nach. Am Ende besteht er darauf, mir mein Essen zu bezahlen. Am nächsten Morgen sieht er mich von seinem Balkon aus am Straßenrand, als ich aufs Taxi warte. Laut ruft er, wohin ich wolle, denn er würde mich fahren. Oh Schreck, das ist mir dann doch zu viel Nähe. Zum Glück kommt mein Taxi genau in dem Moment und ich kann dankend ablehnen.
Das wohl krasseste Gespräch ereilte mich jedoch auf der Ausländerbehörde (Imigration). Mein Tramitador (Bearbeiter) musste gemeinsam mit mir zwei Stunden warten. In dieser Zeit erfahre ich, dass am Morgen in seine Garage eingebrochen und das Auto geklaut wurde, dass er Höhenangst hat und deshalb nicht fliegen kann, dass er beim Anblick von schönen Frauen schmutzige Gedanken bekommt und zur geistigen Reinigung eine Bibel-Zitate-App nutzt, weil er diese Gedanken seiner Frau gegenüber nicht vertreten kann. Er demonstriert mir die App. Nur zwei Wörter kann ich auf Anhieb übersetzen: Sex und Pornografie...
Ich war ziemlich erleichtert, als die Wartezeit endlich herum war, auch wenn mein Visum trotz zwanzig Seiten Unterlagen plus Passfotos nicht verlängert wurde. Der Arbeitsvertrag sei nicht korrekt. Das heißt, ich hab am Montag 7:15 Uhr wieder das Vergnügen mit diesem älteren Herrn und der Behörde.
Ich sehe es gelassen als kostenlosen Spanischunterricht, denn er spricht kein Wort Deutsch.
Vielleicht versteht ihr nach diesen Beispielen, wie sich mein Lebensgefühl gewandelt hat. An die Stelle von Unsicherheit und Hilflosigkeit der ersten Wochen sind Erkenntnisse, Erfahrungen Neugier und Gelassenheit getreten.
Wenn ich mit dem Mikro zu weit fahre und mich verlaufe, finde ich zurück, denn ich kann fragen. Im dichtesten Verkehr schaffe ich es ohne Herzattacke über sechsspurige Straßen. Auf dem Markt diskutiere ich schon mal mit dem Verkäufer, wieso er für die Avocado den doppelten Preis verlangt.
Das fühlt sich alles so herrlich normal an.
Ich bin endlich angekommen.
Nach genau vier Wochen.
Samstag, 16. Februar 2019
Schulzeit
Sechs Schildkröten leben im Schulgelände.
Heute behandeln wir also das Thema Schule. Speziell Deutsche Schule in Santa Cruz, Colegio Alemán. Hier auf der Website erfährt man das Offizielle. Man kann sie auf deutsch einstellen.
http://ds-santacruz.bo/
Wenn man mittendrin ist, ändert sich natürlich Blickwinkel und Eindrücke.
In der Vorbereitungswoche sah ich eine leere Schule mit grünen Innenhöfen und Schildkröten darin. Ich saß in klimatisierten Räumen, es gab Kaffee, Tee, Joghurt, Kuchen und ein paar Werbegeschenke, wie Beutel, Blöcke und Kuli mit dem Schullogo. Man erklärte die Ziele der Schule, erfuhr, welche Arbeits- und Evaluationsgruppen es gibt und beäugte natürlich die „Neuen“. Alles wurde deutsch und Spanisch erklärt. Und es war wahnsinnig viel Neues!
Da sowohl die Grundschulchefin, als auch die Verwaltungsleiterin seit meiner Bewerbung gewechselt hatten, landete ich irgendwie zwischen den Stühlen. Ich war keine Praktikantin, aber auch keine neue Lehrerin. Die neuen Verantwortlichen wussten nicht, wie mit mir zu verfahren sei und es dauerte fast zwei Wochen, bis ich endlich ein Schließfach, den Bibliothekscode und den Zugang zum Internet bekam. Schließlich konnte ich endlich meinen Pass abgeben, damit der zur Visaverlängerung nach La Paz geschickt werden kann. Der Stundenplan enthielt sechs Stunden Deutsch Klasse 3. Den Rest durfte ich mir selbst zusammenstellen, was ich sehr großzügig fand. Es gab auch genug Lehrer, die mich gern als Teampartner haben wollten. Hier wird meist zu zweit unterrichtet. Warum, wurde mir schnell klar. Für die bolivianischen Kinder ist Deutsch auch hier eine Fremdsprache und es fällt Ihnen sehr schwer, dem Fachunterricht in dieser zu folgen. Die meisten sprechen zu Hause gar kein Deutsch. Die Schule kostet im Monat fast 500 Dollar und es ist ein Statussymbol, sein Kind hierher zu schicken. Es gibt Mütter, die Heidi Klum Konkurrenz machen, Kinder mit Gucci-Täschen am Arm, oder Zweitklässler, die in ihre Smartwatch sprechen, um sich etwas zur Schule bringen zu lassen, was sie zu Hause vergessen haben. Es gibt Kinder mit Förderbedarf, der aber nicht getestet
wird, weil man ja viel Geld bezahlt. So sind die Unterschiede innerhalb der Klassen teilweise extrem. Manche schauen mich reglos an und schalten ab, während ich Deutsch spreche, mit den Händen zeige, dass wir das Buch aufschlagen und dann noch ein Bild dazu an die Tafel male. Und dann machen sie - NICHTS. Ich gehe an ihren Platz, tippe sie an, wiederhole und sie machen - NICHTS.
So sind natürlich nicht alle, aber insgesamt ist das Arbeitstempo extrem niedrig. Die Planung einer Stunde reicht für eine Woche. Mindestens. In Kunst läuft es da schon besser. Doch eine erste Klasse auf Deutsch zu unterrichten, der ich ja noch nichtmal ein deutsches Wort anschreiben kann, ist schier Unsinn. Das ist als Immersion (=im Fachunterricht deutsch sprechen) gut gedacht, funktioniert jedoch nicht.
Nun einige wichtige Dinge zu den Lehrkräften. Wir sind nahezu hundert. Man meint, es kämen viele deutsche und nur die besten her. Weit gefehlt. Die Schule ist ein Wirtschaftsunternehmen und muss rechnen. Deshalb gibt es hochbezahlte Auslandsdienstkräfte, mittel bezahlte Bundeslehrkräfte, geringer bezahlte Ortslehrkräfte und Hilfskräfte. Die sprechen Deutsch, Schwäbisch, Bayrisch,
Schweizerdeutsch, Spanisch, Englisch. Auf sehr unterschiedlichem Niveau. Viele bolivianische Lehrkräfte, die deutsch sprechen, haben keine pädagogische Ausbildung und nur Zusatzlehrgänge
gemacht. Entsprechend unstrukturiert und chaotisch ist es im Unterricht. Nun versucht man, mit viel Kraft- und Zeitaufwand, gemeinsam zu planen und zu unterrichten. Die gut ausgebildeten sollen ihre Erfahrung weitergeben. Das klappt nur bedingt.
Dazu kommt der wenig förderliche Stundenplan. 7:15 geht es los, bis 13 Uhr. Klingt erstmal nicht so schlimm. Doch es gibt jeweils zwei Stunden zu 45 min ohne Pause, in denen die Lehrer das Zimmer und die Klasse wechseln müssen. Es kann nie pünktlich beginnen, weil ich mich nicht durch das riesige Schulgebäude beamen kann. Nach 90 min sind 15 min Pause, dann das Gleiche nochmal. Wieder 15 min Pause und zum Schluss drei Stunden zu 45 min ohne Pause. Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, mit dem ständigen Geräusch von Ventilatoren an der Zimmerdecke sind die Kinder fertig. Wenn Sport im Plan steht, kommen Sie früh in Sportkleidung, spielen in der Sonne Fußball und gehen dann ohne umkleiden in den Unterricht. Die Turnhalle soll erst neu errichtet werden. Die
alte wurde abgerissen und bei Regen spielen mehrer Klassen unter der Bibliothek Tischtennis oder sonstwas. Einen kleinen Gymnastikraum gibt es noch.
Ich muss mich hier also wirklich umstellen. Die Herausforderung der ersten Kunststunde bestand darin, dem Wind zu trotzen, der ständig alle Papiere von der Tafel und den Tischen fegte. Viele Schüler reden so leise, dass ich sie nur verstehe, wenn ich neben ihnen stehe. Doch ohne Ventilator geht es an Tagen mit 35 Grad nicht. Die Kinder nehmen das gelassen und machen insgesamt auch keinen unglücklichen Eindruck mit diesen Bedingungen. Gemessen an einer staatlichen Schule, in der es zum Beispiel auch Vormittags-und Nachmittagsschicht gibt (wird also doppelt genutzt), sind unsere Kids privilegiert. Es gibt Trinkbrunnen, alles wird ständig geputzt und Tag und Nacht ist die Schule bewacht. Am Kiosk gibt es leckere Dickmacher zu kaufen, daneben wir in der Pause auch mal von einem DJ aufgelegt und getanzt.
Unabhängig von den vielen ungewohnten Bedingungen habe ich eine aufgeschlossene Schulleitung sowie sehr nette und interessante Kollegen, von denen ich eine Menge lerne, fachlich und sprachlich. Mein Spanisch entwickelt sich langsam, aber jeden Tag ist es ein kleiner Schritt. Neue Wörter merke ich mir nur, wenn ich sie aufschreibe oder sofort sprechen muss. Da ich jedoch den Schulweg mit dem Bus schaffe, einkaufen gehen kann und inzwischen auch Geld abheben, mache ich mir keinen Stress, wenn es nicht super schnell voran geht. In den wesentlichen Bereichen kann ich mich verständigen.
Nun genug über die Arbeit, es ist gerade Wochenende!
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| Schuleinführung, unter der Bibliothek |
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| Besuch auf dem Schulhof |
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| Kunstraum |
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| Bildunterschrift hinzufügen |
Heute behandeln wir also das Thema Schule. Speziell Deutsche Schule in Santa Cruz, Colegio Alemán. Hier auf der Website erfährt man das Offizielle. Man kann sie auf deutsch einstellen.
http://ds-santacruz.bo/
Wenn man mittendrin ist, ändert sich natürlich Blickwinkel und Eindrücke.
In der Vorbereitungswoche sah ich eine leere Schule mit grünen Innenhöfen und Schildkröten darin. Ich saß in klimatisierten Räumen, es gab Kaffee, Tee, Joghurt, Kuchen und ein paar Werbegeschenke, wie Beutel, Blöcke und Kuli mit dem Schullogo. Man erklärte die Ziele der Schule, erfuhr, welche Arbeits- und Evaluationsgruppen es gibt und beäugte natürlich die „Neuen“. Alles wurde deutsch und Spanisch erklärt. Und es war wahnsinnig viel Neues!
Da sowohl die Grundschulchefin, als auch die Verwaltungsleiterin seit meiner Bewerbung gewechselt hatten, landete ich irgendwie zwischen den Stühlen. Ich war keine Praktikantin, aber auch keine neue Lehrerin. Die neuen Verantwortlichen wussten nicht, wie mit mir zu verfahren sei und es dauerte fast zwei Wochen, bis ich endlich ein Schließfach, den Bibliothekscode und den Zugang zum Internet bekam. Schließlich konnte ich endlich meinen Pass abgeben, damit der zur Visaverlängerung nach La Paz geschickt werden kann. Der Stundenplan enthielt sechs Stunden Deutsch Klasse 3. Den Rest durfte ich mir selbst zusammenstellen, was ich sehr großzügig fand. Es gab auch genug Lehrer, die mich gern als Teampartner haben wollten. Hier wird meist zu zweit unterrichtet. Warum, wurde mir schnell klar. Für die bolivianischen Kinder ist Deutsch auch hier eine Fremdsprache und es fällt Ihnen sehr schwer, dem Fachunterricht in dieser zu folgen. Die meisten sprechen zu Hause gar kein Deutsch. Die Schule kostet im Monat fast 500 Dollar und es ist ein Statussymbol, sein Kind hierher zu schicken. Es gibt Mütter, die Heidi Klum Konkurrenz machen, Kinder mit Gucci-Täschen am Arm, oder Zweitklässler, die in ihre Smartwatch sprechen, um sich etwas zur Schule bringen zu lassen, was sie zu Hause vergessen haben. Es gibt Kinder mit Förderbedarf, der aber nicht getestet
wird, weil man ja viel Geld bezahlt. So sind die Unterschiede innerhalb der Klassen teilweise extrem. Manche schauen mich reglos an und schalten ab, während ich Deutsch spreche, mit den Händen zeige, dass wir das Buch aufschlagen und dann noch ein Bild dazu an die Tafel male. Und dann machen sie - NICHTS. Ich gehe an ihren Platz, tippe sie an, wiederhole und sie machen - NICHTS.
So sind natürlich nicht alle, aber insgesamt ist das Arbeitstempo extrem niedrig. Die Planung einer Stunde reicht für eine Woche. Mindestens. In Kunst läuft es da schon besser. Doch eine erste Klasse auf Deutsch zu unterrichten, der ich ja noch nichtmal ein deutsches Wort anschreiben kann, ist schier Unsinn. Das ist als Immersion (=im Fachunterricht deutsch sprechen) gut gedacht, funktioniert jedoch nicht.
Nun einige wichtige Dinge zu den Lehrkräften. Wir sind nahezu hundert. Man meint, es kämen viele deutsche und nur die besten her. Weit gefehlt. Die Schule ist ein Wirtschaftsunternehmen und muss rechnen. Deshalb gibt es hochbezahlte Auslandsdienstkräfte, mittel bezahlte Bundeslehrkräfte, geringer bezahlte Ortslehrkräfte und Hilfskräfte. Die sprechen Deutsch, Schwäbisch, Bayrisch,
Schweizerdeutsch, Spanisch, Englisch. Auf sehr unterschiedlichem Niveau. Viele bolivianische Lehrkräfte, die deutsch sprechen, haben keine pädagogische Ausbildung und nur Zusatzlehrgänge
gemacht. Entsprechend unstrukturiert und chaotisch ist es im Unterricht. Nun versucht man, mit viel Kraft- und Zeitaufwand, gemeinsam zu planen und zu unterrichten. Die gut ausgebildeten sollen ihre Erfahrung weitergeben. Das klappt nur bedingt.
Dazu kommt der wenig förderliche Stundenplan. 7:15 geht es los, bis 13 Uhr. Klingt erstmal nicht so schlimm. Doch es gibt jeweils zwei Stunden zu 45 min ohne Pause, in denen die Lehrer das Zimmer und die Klasse wechseln müssen. Es kann nie pünktlich beginnen, weil ich mich nicht durch das riesige Schulgebäude beamen kann. Nach 90 min sind 15 min Pause, dann das Gleiche nochmal. Wieder 15 min Pause und zum Schluss drei Stunden zu 45 min ohne Pause. Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit, mit dem ständigen Geräusch von Ventilatoren an der Zimmerdecke sind die Kinder fertig. Wenn Sport im Plan steht, kommen Sie früh in Sportkleidung, spielen in der Sonne Fußball und gehen dann ohne umkleiden in den Unterricht. Die Turnhalle soll erst neu errichtet werden. Die
alte wurde abgerissen und bei Regen spielen mehrer Klassen unter der Bibliothek Tischtennis oder sonstwas. Einen kleinen Gymnastikraum gibt es noch.
Ich muss mich hier also wirklich umstellen. Die Herausforderung der ersten Kunststunde bestand darin, dem Wind zu trotzen, der ständig alle Papiere von der Tafel und den Tischen fegte. Viele Schüler reden so leise, dass ich sie nur verstehe, wenn ich neben ihnen stehe. Doch ohne Ventilator geht es an Tagen mit 35 Grad nicht. Die Kinder nehmen das gelassen und machen insgesamt auch keinen unglücklichen Eindruck mit diesen Bedingungen. Gemessen an einer staatlichen Schule, in der es zum Beispiel auch Vormittags-und Nachmittagsschicht gibt (wird also doppelt genutzt), sind unsere Kids privilegiert. Es gibt Trinkbrunnen, alles wird ständig geputzt und Tag und Nacht ist die Schule bewacht. Am Kiosk gibt es leckere Dickmacher zu kaufen, daneben wir in der Pause auch mal von einem DJ aufgelegt und getanzt.
Unabhängig von den vielen ungewohnten Bedingungen habe ich eine aufgeschlossene Schulleitung sowie sehr nette und interessante Kollegen, von denen ich eine Menge lerne, fachlich und sprachlich. Mein Spanisch entwickelt sich langsam, aber jeden Tag ist es ein kleiner Schritt. Neue Wörter merke ich mir nur, wenn ich sie aufschreibe oder sofort sprechen muss. Da ich jedoch den Schulweg mit dem Bus schaffe, einkaufen gehen kann und inzwischen auch Geld abheben, mache ich mir keinen Stress, wenn es nicht super schnell voran geht. In den wesentlichen Bereichen kann ich mich verständigen.
Nun genug über die Arbeit, es ist gerade Wochenende!
Mittwoch, 6. Februar 2019
Barfuß durch den Regenwald
Wir drei wollten uns ein Wochenende im Grünen erholen und nach Samaipata in den Amboro-Nationalpark fahren. Der Start, unser Treffen am Trufi-Stand (Trufi ist eine Art Großraumtaxi), ging erstmal daneben. Jeder wurde von seinem Taxifahrer an einem anderen Ort abgesetzt. Mit einem „wilden“, also Schwarztaxi, dem ich auch noch links und recht ansagen musste, kam ich zum Treffpunkt. Allerdings musste ich gleich Lehrgeld zahlen, der Preis war mindestens das Vierfache des Normalen. Drei Stunden Fahrt standen uns bevor und bereits nach dreißig Minuten genoss ich das viele Grün. Auf asphaltierten und unbefestigten Straßen ging es stetig aufwärts, bis auf 2400 Meter. Welch klare Luft! Die hatte ich wirklich in den zwei Wochen im heißen, stickigen Moloch der Großstadt vermisst.
Schnell fanden wir ein hübsches, preiswertes Hostel, ein nettes Café und einen Reiseführer, den wir empfohlen bekommen hatten. Es regnete, aber wir wollten ja in den Regenwald. Mir wurde
plötzlich bewusst, dass ich auf Empfehlung meiner Bolivien-erfahrenen Begleiterin wie der blanke Touri zum Badeurlaub aufgebrochen war, nämlich ohne feste Schuhe und ohne Regenjacke.
plötzlich bewusst, dass ich auf Empfehlung meiner Bolivien-erfahrenen Begleiterin wie der blanke Touri zum Badeurlaub aufgebrochen war, nämlich ohne feste Schuhe und ohne Regenjacke.
Eine Regenjacke konnte ich mir leihen, doch Schuhe in meiner Größe, von Bolivianern?
Unser Wanderführer meinte fröhlich, er würde mich dann tragen...
Eine knappe Stunde fuhren wir rote, zerfurchte Pisten entlang, Regen und Sonne wechselten, steile Hänge, Fels und wunderbare Aussichten säumten den Weg. Eine Wilkatze (wahrscheinlich ein kleiner Puma) sprang vor uns über die Straße und verschwand blitzschnell im Dickicht. An einem unscheinbaren Eingang betraten wir den Nationalpark. Ich noch in Flipflops...
Der Regen wurde konstant stärker, meine Regenjacke hatte keine Kapuze, meine Brille beschlug und auf dem glitschigen Weg musste ich die Schuhe ausziehen. Unser Guide bedeutete mir, er würde auf Gefahren (Spinnen, giftige Tiere?) achten und lief hinter mir. Wenn ich knöcheltief im Matsch versank, wäre mein Tritt am sichersten. Der Waldboden fühlte sich ganz weich an,
besonders kalt war es auch nicht. Trotz des schnellen Wechsels von 50 m Höhe auf über 2000 m fiel mir das Atmen erstaunlich leicht. Die Luft war feucht (70%), sauber und kühler als in der Stadt.
besonders kalt war es auch nicht. Trotz des schnellen Wechsels von 50 m Höhe auf über 2000 m fiel mir das Atmen erstaunlich leicht. Die Luft war feucht (70%), sauber und kühler als in der Stadt.
Außer einer kleinen Wandergruppe, die den Regenwald gerade verließ, begegneten wir zwei Stunden niemandem. In dieser Ruhe und Abgeschiedenheit auf wilden Wegen, welche von Tieren vorgegeben waren, hörten wir Kolibris und Frösche. Das schweigsame Laufen im Rhythmus der Töne war eine schöne Meditation. Bis unsere Lachsalven die Stille zerrissen, weil wieder jemand ausgerutscht und in Schlammpfützen gelandet war.
Es fällt mir immer wieder auf, wie man zu Beginn von Schlechtwetterwanderungen bemüht ist, die Sachen sauber zu halten, nicht in Pfützen zu treten und sich vor dem Regen zu schützen. Aber so läuft man ganz verspannt. Du musst gehen wie der Dalai Lama, entspann dich, riet mir mein Hintermann. Irgendwann hatte ich das Gefühl raus und nach einer Stunde und der Hälfte
des Weges standen wir ergriffen inmitten riesiger Farne und Bäume voller Flechten. Triefend nass und überglücklich. Unser Proviant, ein leckerer Keks für jeden, schmeckte hier köstlicher als ein Fünfgängemenü. Unser Guide zeigte uns Wildkräuter, wir sogen den Duft von wildem Eykalypthus ein und errechneten das Alter von Farnen. Ein Meter pro Jahrschaffen sie. Die Indigenen brauchen keine Apotheke. Der Regenwald bietet dem kundigen Heiler alles Nötige.
des Weges standen wir ergriffen inmitten riesiger Farne und Bäume voller Flechten. Triefend nass und überglücklich. Unser Proviant, ein leckerer Keks für jeden, schmeckte hier köstlicher als ein Fünfgängemenü. Unser Guide zeigte uns Wildkräuter, wir sogen den Duft von wildem Eykalypthus ein und errechneten das Alter von Farnen. Ein Meter pro Jahrschaffen sie. Die Indigenen brauchen keine Apotheke. Der Regenwald bietet dem kundigen Heiler alles Nötige.
Der Rückweg schafften wir schneller, denn es ging bergab. Natürlich rutschte es auch viel besser.
Das spürten wir gleich darauf im allradgetriebenen Wagen, der streckenweise über die tiefen Furchen und durch schmierige Pfützen schlingerte. Ziemlich durchgefroren kamen wir im Hostel an, unsere Sachen waren komplett nass. Zum Wechseln die Alternative zwischen luftigem Sommerkleidchen und kurzer Hose. Nach 14 Tagen bie 34 Grad konnte ich mir Kälte einfach nicht mehr vorstellen. Es ging mir nicht allein so und Rettung Nähte in Form einer Kleiderspende aus dem Haus einer Kollegin. Eine viel zu weite und zu kurze Puma-Hose, kombiniert mit einer riesigen, aber warmen Jeansjacke, vom Regen verwüstete Haare und das Handtuch als wärmenden Schal - so war ich im Restaurant zum Abendessen. Meine Begleiterinnen und ich haben auf dem Heimweg Fotos geschossen und Tränen gelacht, da mein Outfit echt Assi aussah.
Was soll´s, es hat gewärmt.
Das Sonntagmorgenfrühstück fand draußen statt, der Regen hatte aufgehört und wir bummelten über den kleinen Markt. Anschließend brachte uns ein wahnsinniger Taxichauffeur in zwei Stunden zurück nach Santa Cruz. Die Hinfahrt hatte drei Stunden gedauert. Von rechts raunte es mir ins Ohr: wenigstens fährt er nicht betrunken Auto.
So kamen wir wohlbehalten an und haben uns vorgenommen, beim nächsten Besuch die Fünfstundentour zu machen. Mit dem gleichen Guide, aber ich unbedingt mit anderen Schuhen.
Obwohl? Ich bin ziemlich sicher, dass das eine clevere Geschäftsidee wäre:
„Den Nationalpark hautnah erleben - barfuß durch den Regenwald!“
Unser bolivianischer Reiseleiter will darüber nachdenken...
Freitag, 1. Februar 2019
Willkommen in meiner WG
Im Moment passiert soviel Neues gleichzeitig, dass ich mich in jedem zukuenftigen Blog nur einem Thema widmen will. Ich hoffe, das gelingt mir. Nun also die Eckdaten zu meiner neuen Bleibe.
Ich bin ueber Empfehlung eines Kollegen in einer 3er-WG im Zentrum eingezogen. Dort habe ich das Zimmer eines Ukrainers uebernommen, habe ein eigenes Bad und teile mir die uebrige Wohnung mit Caro und Sophia, zwei jungen Bolivianerinnen. Entgegen meiner Erwartung, nun viel Spanisch sprechen zu muessen, beschraenken beide den Kontakt mit mir auf das Noetigste. Vielleicht liegt es auch an meinem kargen Spanisch, oder ich bin ihnen einfach zu alt.
Dafuer hat mich Hauskatze Frida in ihr Herz geschlossen und verfolgt mich staendig.
Ich mag Tiere in der Wohnung ueberhaupt nicht, aber schliesslich bin ich der Eindringling in IHRER Behausung.
Auf den Fotos bei Airbnb sah die Wohnung schick und einladend aus, mein Vermieter war super nett und hat mir sogar seine ganzen LEBENsmittel ueberlassen... Die lebten allerdings!
Es hat mich grosse Ueberwindung gekostet, die Motten und Kaefer samt Essen aus den Schraenken zu kratzen, obwohl ich meinte, mit Schmutz nicht besonders empfindlich zu sein. Dazu alles voller Hunde- und Katzenhaare (hier wohnt sonst noch ein Hund). Ausserdem ist es hier ueblich, das Toilettenpapier nicht in der Toilette, sondern im extra Eimer daneben zu entsorgen.
Durch die Hitze (30 Grad und mehr) und hohe Luftfeuchtigkeit (bis 90 Prozent, alles fuehlt sich klebrig an) vermehren sich Muecken, Ameisen und alle Tierchen sehr leicht. Meine Mitbewohnerinnen haben die ekelhafte Kueche nur mit einem Schulterzucken und der Bemerkung, es sei hier eben heiss, da gaebe es viele Tiere, kommentiert.
Wenn ich euch zeigen koennte, wie schick und gestylt die beiden stets das Haus verlassen...
Das unterscheidet mich von den Chicas. Ich geh in Dresden ungeschminkt und in Jogginghose zum Baecker, aber meine Kueche ist sauber. Noch denke ich darueber nach, ob mir ein bisschen bolivianische Sichtweise guttun wuerde. Deshalb habe ich beschlossen, die Herausforderung anzunehmen und bis Maerz in der WG durchzuhalten.
Eine Klimaanlage habe ich hier nicht, die Fenster sind einfach immer offen, es ist laut, aber im vierten Stock ist die Luftzirkulation besser als in den Strassen, wo der laute und stickige Verkehr rollt. In Santa Cruz wohnen mehr als 1,5 Millionen , es ist die groesste und am schnellsten wachsende Stadt in Suedamerika. Entsprechend chaotisch sieht es aus, weil Strassenbau und Muellentsorgung nicht hinterherkommen. Ich wollte eine fremde Kultur erleben. Nun stecke ich mittendrin und muss es auch lernen, Schmutz und Verfall zu ertragen. Dabei gehoert meine Unterkunft durchaus zum gehobenen Standard, was Lage und Ausstattung betrifft.
Gestern war ich bei einer Kollegin im Condominio (bewachte Wohnanlagen heissen hier so). Das ist der pure Luxus, Dachterrasse mit Pool usw.
Die meisten Deutschen und die superreichen Bolivianer leben hier in einer "Blase", einer Parallelwelt, die mit dem normalen Standard der unteren Bevoelkerungsschicht nicht zu vergleichen ist. Zehn Minuten zu Fuss sind es bis zum zentralen Platz des 24. September. Auf dem Weg dorthin sitzen etliche Bettler im Schmutz und in der Hitze. Frauen, die Kinder stillen, schlafende Kinder auf dem Schoss haben oder etwas verkaufen wollen, was ich nicht essen kann, wenn ich gesund bleiben will. Daneben sind Gebaeude grosser Banken in den Himmel gewachsen und du kannst dir Handys oder Schuhe kaufen, die die Jahresmonatsmiete eines armen Bolivianers uebersteigen.
Trotz dieser extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich, fuehle ich mich hier relativ sicher. Gestern bin ich abends allein durch mein Viertel nach Hause gelaufen, natuerlich nicht, ohne einige Sicherheitsvorkehrungen zu beachten.
Jetzt merke ich, wie schwer es ist, beim Thema zu bleiben, aber sehr weit habe ich mich ja nicht von meiner Wohnung entfernt.
Wenn ihr euch ueber die seltsame Schreibweise wundert, so liegt das an der spanischen Tastatur des Schulcomputers, an dem ich gerade sitze. Im Spanischen gibt es keine Umlaute und das szet auch nicht. Hier noch die Erklaerungen zu den Fotos : 1 ist Wohnzimmer, 2 mein Zimmer.
Die Schule ist nun schon etwas weiter entfernt und wird sicher das Thema des naechsten Posts. Am Montag beginnt hier das neue Schuljahr, die Sommerferien sind heute zuende.
Ich bin ueber Empfehlung eines Kollegen in einer 3er-WG im Zentrum eingezogen. Dort habe ich das Zimmer eines Ukrainers uebernommen, habe ein eigenes Bad und teile mir die uebrige Wohnung mit Caro und Sophia, zwei jungen Bolivianerinnen. Entgegen meiner Erwartung, nun viel Spanisch sprechen zu muessen, beschraenken beide den Kontakt mit mir auf das Noetigste. Vielleicht liegt es auch an meinem kargen Spanisch, oder ich bin ihnen einfach zu alt.
Dafuer hat mich Hauskatze Frida in ihr Herz geschlossen und verfolgt mich staendig.
Ich mag Tiere in der Wohnung ueberhaupt nicht, aber schliesslich bin ich der Eindringling in IHRER Behausung.
Auf den Fotos bei Airbnb sah die Wohnung schick und einladend aus, mein Vermieter war super nett und hat mir sogar seine ganzen LEBENsmittel ueberlassen... Die lebten allerdings!
Es hat mich grosse Ueberwindung gekostet, die Motten und Kaefer samt Essen aus den Schraenken zu kratzen, obwohl ich meinte, mit Schmutz nicht besonders empfindlich zu sein. Dazu alles voller Hunde- und Katzenhaare (hier wohnt sonst noch ein Hund). Ausserdem ist es hier ueblich, das Toilettenpapier nicht in der Toilette, sondern im extra Eimer daneben zu entsorgen.
Durch die Hitze (30 Grad und mehr) und hohe Luftfeuchtigkeit (bis 90 Prozent, alles fuehlt sich klebrig an) vermehren sich Muecken, Ameisen und alle Tierchen sehr leicht. Meine Mitbewohnerinnen haben die ekelhafte Kueche nur mit einem Schulterzucken und der Bemerkung, es sei hier eben heiss, da gaebe es viele Tiere, kommentiert.
Wenn ich euch zeigen koennte, wie schick und gestylt die beiden stets das Haus verlassen...
Das unterscheidet mich von den Chicas. Ich geh in Dresden ungeschminkt und in Jogginghose zum Baecker, aber meine Kueche ist sauber. Noch denke ich darueber nach, ob mir ein bisschen bolivianische Sichtweise guttun wuerde. Deshalb habe ich beschlossen, die Herausforderung anzunehmen und bis Maerz in der WG durchzuhalten.
Eine Klimaanlage habe ich hier nicht, die Fenster sind einfach immer offen, es ist laut, aber im vierten Stock ist die Luftzirkulation besser als in den Strassen, wo der laute und stickige Verkehr rollt. In Santa Cruz wohnen mehr als 1,5 Millionen , es ist die groesste und am schnellsten wachsende Stadt in Suedamerika. Entsprechend chaotisch sieht es aus, weil Strassenbau und Muellentsorgung nicht hinterherkommen. Ich wollte eine fremde Kultur erleben. Nun stecke ich mittendrin und muss es auch lernen, Schmutz und Verfall zu ertragen. Dabei gehoert meine Unterkunft durchaus zum gehobenen Standard, was Lage und Ausstattung betrifft.
Gestern war ich bei einer Kollegin im Condominio (bewachte Wohnanlagen heissen hier so). Das ist der pure Luxus, Dachterrasse mit Pool usw.
Die meisten Deutschen und die superreichen Bolivianer leben hier in einer "Blase", einer Parallelwelt, die mit dem normalen Standard der unteren Bevoelkerungsschicht nicht zu vergleichen ist. Zehn Minuten zu Fuss sind es bis zum zentralen Platz des 24. September. Auf dem Weg dorthin sitzen etliche Bettler im Schmutz und in der Hitze. Frauen, die Kinder stillen, schlafende Kinder auf dem Schoss haben oder etwas verkaufen wollen, was ich nicht essen kann, wenn ich gesund bleiben will. Daneben sind Gebaeude grosser Banken in den Himmel gewachsen und du kannst dir Handys oder Schuhe kaufen, die die Jahresmonatsmiete eines armen Bolivianers uebersteigen.
Trotz dieser extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich, fuehle ich mich hier relativ sicher. Gestern bin ich abends allein durch mein Viertel nach Hause gelaufen, natuerlich nicht, ohne einige Sicherheitsvorkehrungen zu beachten.
Jetzt merke ich, wie schwer es ist, beim Thema zu bleiben, aber sehr weit habe ich mich ja nicht von meiner Wohnung entfernt.
Wenn ihr euch ueber die seltsame Schreibweise wundert, so liegt das an der spanischen Tastatur des Schulcomputers, an dem ich gerade sitze. Im Spanischen gibt es keine Umlaute und das szet auch nicht. Hier noch die Erklaerungen zu den Fotos : 1 ist Wohnzimmer, 2 mein Zimmer.
Die Schule ist nun schon etwas weiter entfernt und wird sicher das Thema des naechsten Posts. Am Montag beginnt hier das neue Schuljahr, die Sommerferien sind heute zuende.
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