Mittwoch, 6. Februar 2019

Barfuß durch den Regenwald





Wir drei wollten uns ein Wochenende im Grünen erholen und nach Samaipata in den Amboro-Nationalpark fahren. Der Start, unser Treffen am Trufi-Stand (Trufi ist eine Art Großraumtaxi), ging erstmal daneben. Jeder wurde von seinem Taxifahrer an einem anderen Ort abgesetzt. Mit einem „wilden“, also Schwarztaxi, dem ich auch noch links und recht ansagen musste, kam ich zum Treffpunkt. Allerdings musste ich gleich Lehrgeld zahlen, der Preis war mindestens das Vierfache des Normalen. Drei Stunden Fahrt standen uns bevor und bereits nach dreißig Minuten genoss ich das viele Grün. Auf asphaltierten und unbefestigten Straßen ging es stetig aufwärts, bis auf 2400 Meter. Welch klare Luft! Die hatte ich wirklich in den zwei Wochen im heißen, stickigen Moloch der Großstadt vermisst.
Schnell fanden wir ein hübsches, preiswertes Hostel, ein nettes Café und einen Reiseführer, den wir empfohlen bekommen hatten. Es regnete, aber wir wollten ja in den Regenwald. Mir wurde
plötzlich bewusst, dass ich auf Empfehlung meiner Bolivien-erfahrenen Begleiterin wie der blanke Touri zum Badeurlaub aufgebrochen war, nämlich ohne feste Schuhe und ohne Regenjacke.
Eine Regenjacke konnte ich mir leihen, doch Schuhe in meiner Größe, von Bolivianern?
Unser Wanderführer meinte fröhlich, er würde mich dann tragen...
Eine knappe Stunde fuhren wir rote, zerfurchte Pisten entlang, Regen und Sonne wechselten, steile Hänge, Fels und wunderbare Aussichten säumten den Weg. Eine Wilkatze (wahrscheinlich ein kleiner Puma) sprang vor uns über die Straße und verschwand blitzschnell im Dickicht. An einem unscheinbaren Eingang betraten wir den Nationalpark. Ich noch in Flipflops...
Der Regen wurde konstant stärker, meine Regenjacke hatte keine Kapuze, meine Brille beschlug und auf dem glitschigen Weg musste ich die Schuhe ausziehen. Unser Guide bedeutete mir, er würde auf Gefahren (Spinnen, giftige Tiere?) achten und lief hinter mir. Wenn ich knöcheltief im Matsch versank, wäre mein Tritt am sichersten. Der Waldboden fühlte sich ganz weich an, 
besonders kalt war es auch nicht. Trotz des schnellen Wechsels von 50 m Höhe auf über 2000 m fiel mir das Atmen erstaunlich leicht. Die Luft war feucht (70%), sauber und kühler als in der Stadt.
Außer einer kleinen Wandergruppe, die den Regenwald gerade verließ, begegneten wir zwei Stunden niemandem. In dieser Ruhe und Abgeschiedenheit auf wilden Wegen, welche von Tieren vorgegeben waren, hörten wir Kolibris und Frösche. Das schweigsame Laufen im Rhythmus der Töne war eine schöne Meditation. Bis unsere Lachsalven die Stille zerrissen, weil wieder jemand ausgerutscht und in Schlammpfützen gelandet war.
Es fällt mir immer wieder auf, wie man zu Beginn von Schlechtwetterwanderungen bemüht ist, die Sachen sauber zu halten, nicht in Pfützen zu treten und sich vor dem Regen zu schützen. Aber so läuft man ganz verspannt. Du musst gehen wie der Dalai Lama, entspann dich, riet mir mein Hintermann. Irgendwann hatte ich das Gefühl raus und nach einer Stunde und der Hälfte 
des Weges standen wir ergriffen inmitten riesiger Farne und Bäume voller Flechten. Triefend nass und überglücklich. Unser Proviant, ein leckerer Keks für jeden, schmeckte hier köstlicher als ein Fünfgängemenü.  Unser Guide zeigte uns Wildkräuter, wir sogen den Duft von wildem Eykalypthus ein und errechneten das Alter von Farnen. Ein Meter pro Jahrschaffen sie. Die Indigenen brauchen keine Apotheke. Der Regenwald bietet dem kundigen Heiler alles Nötige.
Der Rückweg schafften wir schneller, denn es ging bergab. Natürlich rutschte es auch viel besser.
Das spürten wir gleich darauf im allradgetriebenen Wagen, der streckenweise über die tiefen Furchen und durch schmierige Pfützen schlingerte. Ziemlich durchgefroren kamen wir im Hostel an, unsere Sachen waren komplett nass. Zum Wechseln die Alternative zwischen luftigem Sommerkleidchen und kurzer Hose. Nach 14 Tagen bie 34 Grad konnte ich mir Kälte einfach nicht mehr vorstellen. Es ging mir nicht allein so und Rettung Nähte in Form einer Kleiderspende aus dem Haus einer Kollegin. Eine viel zu weite und zu kurze Puma-Hose, kombiniert mit einer riesigen, aber warmen Jeansjacke, vom Regen verwüstete Haare und das Handtuch als wärmenden Schal - so war ich im Restaurant zum Abendessen. Meine Begleiterinnen und ich haben auf dem Heimweg Fotos geschossen und Tränen gelacht, da mein Outfit echt Assi aussah.
Was soll´s, es hat gewärmt.
Das Sonntagmorgenfrühstück fand draußen statt, der Regen hatte aufgehört und wir bummelten über den kleinen Markt. Anschließend brachte uns ein wahnsinniger Taxichauffeur in zwei Stunden zurück nach Santa Cruz. Die Hinfahrt hatte drei Stunden gedauert. Von rechts raunte es mir ins Ohr: wenigstens fährt er nicht betrunken Auto.
So kamen wir wohlbehalten an und haben uns vorgenommen, beim nächsten Besuch die Fünfstundentour zu machen. Mit dem gleichen Guide, aber ich unbedingt mit anderen Schuhen.
Obwohl? Ich bin ziemlich sicher, dass das eine clevere Geschäftsidee wäre:
„Den Nationalpark hautnah erleben - barfuß durch den Regenwald!“

Unser bolivianischer Reiseleiter will darüber nachdenken...





Freitag, 1. Februar 2019

Willkommen in meiner WG

Im Moment passiert soviel Neues gleichzeitig, dass ich mich in jedem zukuenftigen Blog nur einem Thema widmen will. Ich hoffe, das gelingt mir. Nun also die Eckdaten zu meiner neuen Bleibe.
Ich bin ueber Empfehlung eines Kollegen in einer 3er-WG im Zentrum eingezogen. Dort habe ich das Zimmer eines Ukrainers uebernommen, habe ein eigenes Bad und teile mir die uebrige Wohnung mit Caro und Sophia, zwei jungen Bolivianerinnen. Entgegen meiner Erwartung, nun viel Spanisch sprechen zu muessen, beschraenken beide den Kontakt mit mir auf das Noetigste. Vielleicht liegt es auch an meinem kargen Spanisch, oder ich bin ihnen einfach zu alt.
Dafuer hat mich Hauskatze Frida in ihr Herz geschlossen und verfolgt mich staendig.
Ich mag Tiere in der Wohnung ueberhaupt nicht, aber schliesslich bin ich der Eindringling in IHRER Behausung.
Auf den Fotos bei Airbnb sah die Wohnung schick und einladend aus, mein Vermieter war super nett und hat mir sogar seine ganzen LEBENsmittel ueberlassen... Die lebten allerdings!
Es hat mich grosse Ueberwindung gekostet, die Motten und Kaefer samt Essen aus den Schraenken zu kratzen, obwohl ich meinte, mit Schmutz nicht besonders empfindlich zu sein. Dazu alles voller Hunde- und Katzenhaare (hier wohnt sonst noch ein Hund). Ausserdem ist es hier ueblich, das Toilettenpapier nicht in der Toilette, sondern im extra Eimer daneben zu entsorgen.
Durch die Hitze (30 Grad und mehr) und hohe Luftfeuchtigkeit (bis 90 Prozent, alles fuehlt sich klebrig an) vermehren sich Muecken, Ameisen und alle Tierchen sehr leicht. Meine Mitbewohnerinnen haben die ekelhafte Kueche nur mit einem Schulterzucken und der Bemerkung, es sei hier eben heiss, da gaebe es viele Tiere, kommentiert.
Wenn ich euch zeigen koennte, wie schick und gestylt die beiden stets das Haus verlassen...
Das unterscheidet mich von den Chicas. Ich geh in Dresden ungeschminkt und in Jogginghose zum Baecker, aber meine Kueche ist sauber. Noch denke ich darueber nach, ob mir ein bisschen bolivianische Sichtweise guttun wuerde. Deshalb habe ich beschlossen, die Herausforderung anzunehmen und bis Maerz in der WG durchzuhalten.
Eine Klimaanlage habe ich hier nicht, die Fenster sind einfach immer offen, es ist laut, aber im vierten Stock ist die Luftzirkulation besser als in den Strassen, wo der laute und stickige Verkehr rollt. In Santa Cruz wohnen mehr als 1,5 Millionen , es ist die groesste und am schnellsten wachsende Stadt in Suedamerika. Entsprechend chaotisch sieht es aus, weil Strassenbau und Muellentsorgung nicht hinterherkommen. Ich wollte eine fremde Kultur erleben. Nun stecke ich mittendrin und muss es auch lernen, Schmutz und Verfall zu ertragen. Dabei gehoert meine Unterkunft durchaus zum gehobenen Standard, was Lage und Ausstattung betrifft.
Gestern war ich bei einer Kollegin im Condominio (bewachte Wohnanlagen heissen hier so). Das ist der pure Luxus, Dachterrasse mit Pool usw.
Die meisten Deutschen und die superreichen Bolivianer leben hier in einer "Blase", einer Parallelwelt, die mit dem normalen Standard der unteren Bevoelkerungsschicht nicht zu vergleichen ist. Zehn Minuten zu Fuss sind es bis zum zentralen Platz des 24. September. Auf dem Weg dorthin sitzen etliche Bettler im Schmutz und in der Hitze. Frauen, die Kinder stillen, schlafende Kinder auf dem Schoss haben oder etwas verkaufen wollen, was ich nicht essen kann, wenn ich gesund bleiben will. Daneben sind Gebaeude grosser Banken in den Himmel gewachsen und du kannst dir Handys oder Schuhe kaufen, die die Jahresmonatsmiete eines armen Bolivianers uebersteigen.
Trotz dieser extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich, fuehle ich mich hier relativ sicher. Gestern bin ich abends allein durch mein Viertel nach Hause gelaufen, natuerlich nicht, ohne einige Sicherheitsvorkehrungen zu beachten.
Jetzt merke ich, wie schwer es ist, beim Thema zu bleiben, aber sehr weit habe ich mich ja nicht von meiner Wohnung entfernt.
Wenn ihr euch ueber die seltsame Schreibweise wundert, so liegt das an der spanischen Tastatur des Schulcomputers, an dem ich gerade sitze. Im Spanischen gibt es keine Umlaute und das szet auch nicht. Hier noch die Erklaerungen zu den Fotos : 1 ist Wohnzimmer, 2 mein Zimmer.
Die Schule ist nun schon etwas weiter entfernt und wird sicher das Thema des naechsten Posts. Am Montag beginnt hier das neue Schuljahr, die Sommerferien sind heute zuende.





Donnerstag, 24. Januar 2019

Es geht vorwärts

Ich hatte versprochen, über die großartigen Überraschungen nach dem anstrengenden Beginn zu schreiben.Kurz nach dem Geldsegen mit Western Union bekam ich die erste Nachricht von meinem Betreuer an der Schule. Leider hat sich niemand auf mein Zimmergesuch gemeldet, aber ich erhielt die Adresse seines Freundes, der ab nächste Woche ein Zimmer frei hätte. Da hab ich mich natürlich sofort gemeldet und nachgefragt. Kurz darauf ging’s ganz flott hin und her, auf Englisch, Spanisch und sogar Russisch, denn Alejandro kommt wahrscheinlich aus der Ukraine. Die WG ist 300 m entfernt von meinem Hotel, so dass ich Montag den Koffer nur über den Fußweg ziehen muss. Bis Ende März werde ich mir mit zwei Bolivianerinnen eine Wohnung teilen, während Alejandro verreist. Das bedeutet, dass ich Spanisch sprechen MUSS! Wie gut, denn schöneren Unterricht könnte ich mir nicht wünschen. Man lernt nebenbei beim Kochen und den normalen Alltagsdingen.
Voller Energie, weil sich mein Wohnungsproblem so schnell geklärt hatte, hab ich mich ins Stadtgetümmel gestürzt. Nun konnte ich erstmals entspannt bummeln, gönnte mir einen Eiskaffee und habe danach einen großen Platz hinter der Kirche entdeckt, auf dem viele Künstler etwas vorführten. Nebenan eine Ausstellung mit Handpuppen von Künstlern. Schließlich begegnete ich am Abend noch einer Demonstration für Frieden in Venezuela und auf dem Platz hinterm Hotel studierten wohl an die hundert Jugendliche im Dunkeln einen Tanz ein. Wahrscheinlich für den bevorstehenden Karneval.
Als wäre das nicht genug, schaffte ich es sogar noch, mir eine neue Simkarte für mein Handy zu kaufen. Bei einem netten Gespräch mit der ganz jungen Verkäuferin (sie sah aus wie 16 und war es vielleicht auch) hat sie gleich alle Einstellungen an meinem Gerät vorgenommen. Das hätte ich auf Spanisch beim besten Willen nicht hinbekommen. Solche Aufgaben finde ich auf Deutsch schon schrecklich.
Ein halber Tag und drei Wünsche erfüllt: WG- Zimmer, mobiles Internet und endlich wieder Bargeld!

Bilder gucken


Viele Fotos gibt es noch nicht, da ich mit mir selbst und den hiesigen Herausforderungen genug beschäftigt war. Langsam entspannt sich die Lage, ich erkenne den Weg, zwischen endlosen Autoströmen gefahrlos die Straße zu überqueren. Würde ich rennen, wäre ich sofort als Fremde identifiziert. Hier rennt man nicht, dazu ist es viel zu heiß.
Außerdem musste ich testen, wie unsicher es ist, mein Handy herauszuholen. Aber hier gucken alle ständig auf ihr Display. Ausgenommen die Ärmsten, welche auf schmutzigen Gehsteigen sitzen, ihre schlafenden oder spielenden Kinder ringsum und betteln oder irgendwas Winziges verkaufen wollen. Manche springen auch bei Rot vor die wartenden Autos, jonglieren oder bieten Wasser an.
Hinter Glasfassaden kann man in schicken Cafés mit Klimaanlage tolle Eisbecher und leckeren Kaffee genießen. Alles das in wenigen Metern Entfernung mit zahlreichen Wachmännern vor Geschäften und Polizisten mit Schlagstock am Gürtel, die im Park patrouillieren.

Mittwoch, 23. Januar 2019

Aller Anfang ist schwer

„Wenn dir das Leben in den Arsch tritt, dann nutze den Schwung, um vorwärts zu kommen.“
Drei krasse Tage liegen hinter mir. Alles war ganz anders, als ich mir das vorgestellt habe.
Die Unterkunft ist wirklich gut. Die Hitze und der Verkehr strengen an. Niemand spricht Englisch. Auch am zehnten Geldautomaten funktioniert keine meiner Karten. Verzweifelt tausche ich meine letzten 40 Euro in Bolivianos (Kurs 1:8). Auch am zweiten Tag kein Erfolg, Anruf bei meiner Bank: neue Kreditkarte herschicken dauert mindestens zwei Wochen. Ob sie ankommt, ist noch nicht mal sicher. Ich fühle mich plötzlich sehr verlassen und allein. Was tun? Zunächst gibts nur Wasser, Tee, Obst und Gemüse. Alles billig. Statt Taxi laufe ich alle Wege (länger als zwei Stunden sind in diesem Stadtchaos aber nicht drin). In der Schule sind noch alle in den Ferien. Keiner, den ich fragen kann.
Ich schreibe eine Liste mit allen Möglichkeiten, zu Geld zu kommen. Und echt, das steht da drin:
weiter nach dem richtigen Geldautomaten suchen, neue Geldkarte anfordern, Konto in Bolivien eröffnen, Geld an irgendeinen Deutschen (der hier lebt) überweisen und von ihm in Bolivianos bekommen, Geld borgen (nur von wem, ich kenne ja noch keinen hier), arbeiten und Geld verdienen, am Straßenrand Klamotten verkaufen, betteln, klauen...
Okay, klauen hab ich nicht ernsthaft erwogen. Aber Menschen, denen alle anderen Wege verstellt sind, haben das auf der Liste.
Meine Freunde und Familie haben angestrengt überlegt, wie mir zu helfen sei. Die rettende Idee hatte mein Sohn. Online Überweisung mit Western Union. Das ist mir nachts dann wirklich gelungen. Am nächsten Morgen ging ich zur ersten Bank, die ich mir in meinem selbstgezeichneten Stadtplan vermerkt hatte. Aber entgegen den Infos aus dem Internet (ja, die sind auch mal falsch oder veraltet) gab es dort keine Western Union. Auch der zweite Anlauf war umsonst. Ohne mobiles Internet stand ich nun völlig hilflos vor der Bank. Plötzlich spricht mich ein Ehepaar an, ob sie mir helfen könnten. Ich verstehe ihr Spanisch kaum und da kommt die Rettung, sie sprechen Englisch. Gehen mit mir in die falsche Bank, fragen, wo ich hin kann, übersetzen mir alles und bringen mich dann schließlich bis zum Eingang der richtigen Bank. Dort verabschieden wir uns und ich werde nach zwei Stunden Fußmarsch bei 32 Grad von einem bewaffneten  Sicherheitsmann freundlich eingelassen, stammle mein Anliegen Spanisch hervor, muss eine Nummer ziehen und setze mich in den Wartesaal. Am Schalter muss ich vier Formulare ausfüllen und unterschreiben, der junge Mann spricht kein Englisch und irgendwas ist unklar. Er geht weg und kommt wieder, er fragt Kollegen, ich muss meine Adresse in Deutschland, in Santa Cruz, meine Arbeitsstelle, meine Telefonnummer und sonstwas unter die Kopie meines Passes schreiben. Es dauert und mein Puls rast jetzt. Wenn das hier wieder schiefgeht, dann heule ich los. Schließlich übersetzt er mit Hilfe des Internets einen Satz ins Englische und schreibt ihn auf die Rückseite meines Notizzettels. „Wer hat das Geld aus Österreich geschickt?“ (siehe zweites Bild)
Oh man! Ich natürlich, da war einfach die Website falsch ausgewählt. Irgendwie konnte ich ihm das aber verständlich machen. Und dann gab´s endlich Knete!
Den Zettel hab ich mir zurückgeben lassen. Nicht, dass er noch den deutschen Spruch zum Übersetzen in den Computer getippt hätte. Arsch heißt übrigens culo. Tja, auf diese Weise hat meine Vokabelliste des Tages ein Wort mehr.
Meine Stimmung hellte sich auf und dieser dritte Tag sollte noch ein paar ganz großartige Überraschungen bringen. Aber das schreibe ich in der nächsten Story.

An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an alle, die mich mit Ideen und Zuspruch unterstützt haben!


Montag, 21. Januar 2019

Der Weg ist das Ziel

21/01/2019 - Mitternacht über den Wolken

Ich bin noch nicht angekommen und doch schon ein bisschen in Bolivien. Un poco.
Seit dem Einchecken in Düsseldorf höre und spreche ich überwiegend Spanisch.
Karen, eine Medizinstudentin aus Bolivien, stand in der Reihe hinter mir und fliegt auch nach Santa Cruz. Wir haben die Wartezeit in Deutschland und in Madrid gemeinsam verbracht.
Jetzt sitzen wir beim Flug nach Bolivien nebeneinander, da noch ein paar Plätze frei waren und wir uns umgesetzt haben. Karen hat am Goethe-Institut einen Deutschkurs gemacht und so kann ich fehlende spanische Worte auch auf Deutsch erfragen. 
Eis/hielo, Holz/madera, rechts/ derecho, celular/Handy, müde/cansado
Heute Vormittag bin ich fast vier Stunden am Rhein entlang gewandert, um mir vor dem Sitzmarathon im Flieger (12 Stunden) noch genug Bewegung zu verschaffen. Unterwegs habe ich mehrfach das Zählen auf Spanisch geübt. Der Stewardess konnte ich dann Sitz 35 H auf Spanisch ansagen. Das h wird ja im Wort nicht mitgesprochen, heißt aber als Buchstabe hago, was man ungefähr adscho spricht. Mit viel Mühe hab ich es hervorgestammelt und die Dame hat sich mega gefreut. Beim Servieren bot sie mir dann ein extra Brötchen an, beim Kaffee war sie völlig durcheinander und wollte wissen, ob ich diesen (con limon) mit Zitrone möchte. Ich wollte aber con leche, also mit Milch. Es ist überhaupt sehr fröhlich im Flugzeug. Eine große Gruppe Schüler reist mit. Die Aufregung bei der Platzsuche war gigantisch und ich frage mich, ob nicht auch Schüler meiner zukünftigen Schule darunter sind? Ganz flüchtig habe ich bei ihnen einen deutschen Satz gehört...
Am besten klappt die Unterhaltung mit Karen zum Thema Essen. Das sind wahrscheinlich in jeder Sprache die Sätze, die man zuerst draufhat.
Auch ein paar Reisempfehlungen für Bolivien habe ich von ihr erhalten.
Jetzt bin ich wirklich müde, die ganz große Aufregung hat sich gelegt, da ich mich zum Sprechen, Hören und Schreiben (Zollerklärung auf Spanisch) so anstrengen muss, dass in meinem Hirn gar kein Speicher für Zweifel und Bedenken mehr frei ist. 
Update 21/01/2019/ 12 Stunden später in Santa Cruz de la Sierra auf meinem Bett
Nach einer Stunde anstehen für die „Immigration“ hab ich mich von Karen verabschiedet, den Taximann mit meinem Namensschild entdeckt und mich eine halbe Stunde durch wilden Verkehr zu meiner Unterkunft bringen lassen. Alles unbekannt bis auf eine Erinnerung: dieser Geruch! Genau so roch es in Venezuela, lieblich süß, feucht, frisch und ein wenig nach Holzfeuer. Es ist sehr warm, die Taxifenster sind offen und ein kräftiger Wind biegt die Palmen. Der Portier erklärt mir etwas, was ich erst zwei Stunden später begreife, weil ich sein Spanisch nicht verstehe, außer das Wort schlafen. Die einzige Deutsche, die ich hier treffen könnte, nämlich die Hotelbetreiberin, ist noch nicht da. Inzwischen hab ich sie kurz getroffen, war einmal zu Fuß im Zentrum und hab zweimal kläglich versagt (am Geldautomaten). Das muss ich heute Abend nochmal versuchen. Aber das Internet funktioniert. Hinterm Haus sind ein kleiner Pool und eine Kokospalme neben einem Parkplatz. Ich war kurz baden. Im Kühlschrank sind Wasser, Cola und Bier. Es gibt Fernseher und Klimaanlage. Draußen sitzen Bettler und alte Mütterchen an der Straße. Das Überqueren der Straßen erfordert gewissen Mut. Der Verkehr scheint chaotisch. Dazwischen wandeln ungerührt gutgekleidete Jugendliche, die in ihre teuren Handys tippen. Schuhputzer arbeiten rings um den zentralen Platz an der Kathedrale. 

Ich fühle mich gerade ganz seltsam fremd. So ergeht es einem wohl, wenn man die Sprache nicht versteht und noch niemanden kennt. 

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Was hast du denn bisher gemacht? - Reisevorbereitungen

Was hast du denn bis jetzt so gemacht?

Schon so lange frei, und noch kein Blogeintrag…
Das letzte Vierteljahr war einfach so gut ausgefüllt, dass ich keine Lust zum Schreiben hatte.
Im November habe ich 17 Konzerte bei den Jazztagen begleitet und zahlreiche Musiker vor und hinter der Bühne erleben dürfen. 
Seit September lerne ich Spanisch. 
Meine digitalen Fotos sind endlich aussortiert und geordnet. Übrigens: Hätten wir uns im Zeitalter der analogen Fotografie vorstellen können, mehr als 10 000 Papierbilder zu Hause zu lagern? 
Weiterhin scanne ich derzeit alle meine Unterrichtsvorbereitungen ein und schaffe mir ein digitales Archiv. Manchmal bin ich erstaunt, was ich mir in 30 Arbeitsjahren so ausgedacht habe. Viele Ideen lagern seit Jahrzehnten ungenutzt in Pappordnern, weil im laufenden Arbeitsalltag oft die Zeit zum Heraussuchen fehlt. Bin gespannt, ob sich der Zugriff auf den Ideenpool bessert, wenn alles sofort digital abrufbar ist.


Reisevorbereitungen

Aber der Streik bei der Bahn und meine zweistündige Verspätung waren Grund genug, endlich über den Stand der Reisevorbereitungen für Bolivien zu berichten.
Hin- und Rückflug sind gebucht. Von Ende Januar bis Mitte Mai werde ich in Südamerika sein. Da ich in Bolivien nicht nur touristisch unterwegs sein will, benötigte ich ein Arbeitsvisum. Um das zu erringen, waren einige Hürden zu überwinden. Die Website der Botschaft (auf Spanisch/Englisch) hat mich zunächst in die Irre geführt und ich habe einen Monat vergebens auf eine Antwort auf meinen vermeintlich online abgeschickten Visaantrag gewartet. Ein Anruf bei der Botschaft klärte Einiges, doch stets fehlten Formulare. Schließlich musste ich noch Gehalts- und Impfnachweis sowie ein polizeiliches Führungszeugnis erbringen.
Relativ problemlos läuft dagegen das Spanischlernen. Je mehr Unterricht ich jedoch nehme, desto mehr wird mir bewusst, was ich alles nicht weiß und noch brauche.
Schließlich telefonierte ich mit meiner zukünftigen Wirkungsstätte, der Deutschen Schule in Santa Cruz. Als Praktikantin hatte ich mich beworben, aber sie wollen mich gern in Vollzeit. Ich habe auf meine letzte Mail noch keine Rückmeldung und werde wohl erst vor Ort meinen genauen Einsatz erfahren. 
Für die lange Zeit meiner Abwesenheit in Dresden habe ich inzwischen zuverlässige Zwischenmieter im Freundeskreis gefunden. Meine Unterkunft in Santa Cruz ist noch nicht in Sicht. Da ich allerdings eine Woche vor Arbeitsbeginn dort anreisen werde, kann ich zur Not zuerst im Hostel übernachten und vor Ort etwas suchen.
Abenteuerlich wird das auf jeden Fall. Auf mein Praktikum vor zehn Jahren in den USA blicke ich inzwischen sehr entspannt und mit Freude zurück. Damals war ich vor Reiseantritt mächtig aufgeregt, vor allem wegen der Sprachschwierigkeiten. Hatte ich doch gerade erst ein Jahr Englisch gelernt. An die Panik der ersten Tage in Amerika erinnere ich mich noch gut. Gefühlt verstand ich 20 Prozent aller Gepräche, aber jeder meinte, ich verstünde alles und redete munter auf mich ein. Das gleiche Gefühl habe ich nun beim Hören meiner Spanisch-CD. Es wird also wieder ein heftiger Neuanfang werden. 
Vielleicht kann ich mit der Erfahrung, dass es am Ende immer leichter wird, als man vermutet, meine Anfangspanik diesmal etwas eingrenzen. Doch es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, die Reise entspannt anzutreten.
Fast vier Monate in einem völlig anderen Umfeld zu leben und zu arbeiten, das ist einfach eine neue Dimension für mich.